Aufregung.
"Das soll nicht vergessen sein", sprach sie; "sei getrost, Mausfänger! Sie sollen dir ein Wehrgeld zahlen für den wunden Schädel, das einer Aussteuer gleichkommt. Und für den gestörten Herzogsfrieden setzen wir ihnen die höchste Busse, zehn Pfund Silbers soll nicht genug sein. Die Klosterleute werden frech wie ihre Herren."
Am wildesten war Herr Spazzo, der Kämmerer. "Hab' ich darum mein Schwert von seinem Haupt zurückgezuckt", schalt er, "wie er mit zerstochenem Schenkel vor mir lag, dass ihm's die Lümmel vom Schlangenhof mit Feldsteinen pflastern sollen? Und wenn er auch unser Feind war, jetzt ist er getauft, und ich bin sein Pate und hab' für seiner Seele und seines Leibes Heil sorge zu tragen. Sei vergnügt, Patenkind!" rief er ihm zu und klirrte mit seinem Schwert auf dem Steinboden, "wenn deine Schramme geflickt ist, begleit' ich dich zum ersten Spaziergang, da wollen wir mit dem Klostermeier rechnen, Hagel und Wetter, rechnen wollen wir, dass ihm die Späne vom Kopf fliegen! Mit den Meiern kann's so nicht mehr fortgehen! Die Burschen führen Schild und Waffen wie Edelleute, richten statt ziemender Bauernjagd Hunde auf Wildschweine und Bären und blasen auf ihren Weidhörnern, als wären sie die Könige der Welt. Wo einer den Kopf am höchsten trägt, ist's ein Meier, man mag darauf wetten218!"
"Wo ist der Frevel geschehen?" fragte die Herzogin.
"Sie haben ihn von der Feldmark, wo der Halbmond ausgehauen steht, bis an den hunnischen Grabhügel geschleppt", sagte Ekkehard.
"Also mitten auf unserem Grund und Boden", zürnte Frau Hadwig, "das ist zu viel! Herr Spazzo, Ihr werdet reiten!"
"Wir werden reiten!" sprach der Kämmerer grimmig.
"Und vom Abt auf der Reichenau noch heute Wehrgeld und Friedbruchbusse und volle Genugtuung verlangen. Unsern landesherrlichen Rechten soll durch klösterliche Anmassung kein Eintrag geschehen!"
"... durch klösterliche Anmassung kein Eintrag geschehen!" wiederholte Herr Spazzo noch grimmiger denn zuvor.
Selten war ihm ein annehmlicherer Auftrag geworden. Er strich seinen Bart. "Wir werden reiten, Herr Abt!" sprach er und ging hinauf, sich zu rüsten.
Aber sein grünsamtnes Unterwams und seinen goldverbrämten Kämmerermantel liess er geruhig im Kasten hängen; er suchte ein abgetragen grau Jagdgewand aus und legte die grossen Beinschienen an, mit denen er in die Schlacht geritten, und die grössten Sporen dran und probierte etlichemal einen festen Tritt. Auf den Eisenhut aber steckte er der wallendsten Federn drei und tat sein Schlachtschwert um.
So kam er in den Burghof herunter.
"Schaut mich einmal an, holdselige Jungfrau Praxedis", sprach er zu dieser, "was mach' ich heute für ein Gesicht?" Er hatte den Eisenhut aufs linke Ohr gerückt und sein Haupt hochfahrend über die rechte Schulter gedreht.
"Sehr ein unverschämtes, Herr Kämmerer", war der Griechin Antwort.
"Dann ist's recht!" sprach Herr Spazzo und schwang sich auf den Gaul. Er ritt aus dem Burgtor, dass die Funken stoben, mit dem erfreulichen Gefühl, dass heute Unverschämteit Pflicht sei.
Unterweges übte er sich. Das Wetter hatte eine Tanne niedergeworfen; im Wurzelwerk haftete noch das vom Sturz mit aufgerissene Erdreich. Die schweren Äste sperrten den Pfad.
"Aus dem Weg, geistlicher Holzklotz!" rief Herr Spazzo der Tanne zu. Wie die sich nicht rührte, zog er sein Schwert. "Vorwärts, Falada!" spornte er die Mähre und setzte in kühnem Satze über den Baum. Im Drüberspringen tat er einen Schwertieb ins Geäst, dass die Zweige herumflogen.
Nach weniger denn andertalb Stunden war er schon vor der Klosterpforte. Der schmale Streif Landes, der bei niederem Wasserstand des Sees das Ufer mit der Insel verbindet, war frei von Überschwemmung und gestattete das Hinüberreiten.
Ein dienender Bruder tat ihm auf. Es war um Mittagszeit. Der blödsinnige Heribald kam neugierig aus dem Klostergarten hergelaufen, zu schauen, wer der fremde Reiter. Er drängte sich nah' ans Ross, wie Herr Spazzo absprang. Der Hofhund tobte an seiner Kette mit Gebell dem Rappen des Kämmerers entgegen, dass er sich aufbäumte. Schier hätte Herr Spazzo Schaden genommen. Wie er mit beiden Füssen auf die Erde gesprungen war, griff er seine Schwertscheide und hieb dem Heribald flach über den rücken.
"Es ist nicht für Euch!" rief er und strich seinen Bart, "es ist für den Hofhund. Gebt's weiter!"
Heribald stand betroffen und griff nach seiner Schulter. "Heiliger Pirmin!" jammerte er.
"Es gibt heute keinen heiligen Pirmin!" sprach Herr Spazzo entschieden.
Da lachte Heribald, als wenn er seinen Mann kennte. "Eia, gnädiger Herr, die Hunnen sind auch bei uns gewesen, und war niemand da als Heribald, sie zu empfangen, aber so gottlos haben sie nicht mit ihm gesprochen."
"Die Hunnen, sind keine herzoglichen Kämmerer!" sprach Herr Spazzo mit Stolz.
In Heribalds blödsinnigem Gehirn begann der Gedanke aufzudämmern, die Hunnen seien nicht die schlimmsten Gäste auf deutscher Erde. Er schwieg und ging in den Garten. Dort riss er ein paar Salbeiblätter ab und rieb seinen rücken.
Herr Spazzo schritt über den Klosterhof zum Tor, das durch den Kreuzgang ins Innere führte. Er trat fest auf.