nur etliche altvernarbte Wunden. Da wären sie schier wieder zu seinen Gunsten gestimmt worden; die Menschen waren dazumal, wie ein Geschichtschreiber sagt, in ihren Leidenschaften nach Art der Wilden auffahrend und jäh veränderlich. Aber des Knechts blick fiel von ungefähr aufs Erdreich, da kroch ein grosser Hornschröter des Weges; violschwarz glänzten die Flügeldecken und die rötlichen Hörner standen ihm stolz, wie ein Geweih. Er hatte sich des Cappan Misshandlung angeschaut und wollte jetzt feldeinwärts, denn er fand kein Wohlgefallen dran.
Der Knecht aber fuhr erschrocken zurück.
"Der Donnergugi!" rief er.
"Der Donnerkäfer!" rief der Klostermeier desgleichen. Jetzt war Cappan verloren. Dass er mit dem Käfer das Wetter gemacht, litt keinen Zweifel mehr, Hornschröter zieht Blitz und Hagel nieder.
"Mach' Reu' und Leid, Heidenhund!" sprach der Meier und griff nach seinem Messer. Es fiel ihm etwas ein: "Auf dem Grab seiner Brüder soll er's büssen", sprach er weiter. "Er hat das Wetter beschworen, die Hunnenschlacht zu rächen, Art lässt nicht von Art."
Der Knecht hatte indes den Hornschröter zwischen zwei platten Feldkieseln zermalmt und grub die Steine in den Boden216. Jetzt schleppten sie den Cappan vorwärts übers Blachfeld und schleppten ihn zum hunnischen Grabhügel und schnürten ihm mit Weidenruten Hand und Fuss zusammen; dann sprang der Knecht zum Schlangenhof hinüber und rief seine Mitknechte. wild und mordlustig kamen sie heran, etliche davon hatten auf Cappans Hochzeit getanzt, das stand nicht im Weg, dass sie jetzt zu seiner Steinigung auszogen.
Cappan fing an nachzudenken. Was ihm zur Last gelegt ward, begriff er nicht, wohl aber, dass Gefahr da. Darum tat er einen Schrei, der klang gell und durchdringend durch die Luft, wie der Schrei eines wunden Rosses in der Todesstunde; davon ward Ekkehard aus seinen Träumen unter dem Fliederbaum aufgejagt, er kannte die stimme seines Täuflings und schaute hinunter. Ein zweites Mal klang Cappans Schrei auf, da vergass Ekkehard sein hohes Lied und eilte die Berghalde hinab.
Er kam zu rechter Zeit. Sie hatten den Cappan an das Felsstück gelehnt, das den Hügel deckte, und standen im Halbkreis dabei. Der Klostermeier tat kund, wie er ihn auf handhafter Tat des Wettermachens betroffen, und fragte herum, da sprachen sie ihn schuldig, gesteinigt zu werden.
In die unheimliche Versammlung sprang Ekkehard. Die Männer geistlichen Standes waren dazumal minder verblendet, als etliche hundert Jahre später, wo Tausende unter gleich begründeter Anschuldigung auf dem Scheiterhaufen verenden mussten und der Staat sein "von Rechts wegen" drunter setzte und die Kirche ihren Segen dazu gab. Und Ekkehard, so sehr er sonst an zauberische Kunst glaubte, hatte selber einstmals im Kloster des frommen Bischofs Agobard Schrift gegen unsinnige Volksmeinung von Hagel und Wetter abgeschrieben; zürnender Unwille schuf ihm Beredsamkeit.
"Was tut ihr, Unsinnige, die ihr richten wollet, wo euch zu beten geziemt, dass ihr nicht selber möget gerichtet werden! Hat der Mann gefrevelt, so wartet bis zum Neumond, wenn der Leutpriester von Radolfszell das Sendgericht217 hält, dort mögen ihn die sieben Eidmänner verbotener Kunst zeihen, wie es des Kaisers und der Kirche Vorschrift!"
Aber die Männer vom Schlangenhof trauten ihm nicht. Ein drohend Murren erhob sich.
Da gedachte Ekkehard in den wilden Gemütern eine andere Saite anzuklingen.
"Und glaubt ihr wirklich, ihr, die Söhne des Landes der Heiligen, der Gott wohlgefälligen schwäbischen Erde, dass ein so arm hergelaufener Hunnenmensch Macht haben könnte, unsere Wolken zu beschwören? Glaubt ihr, dass die Wolken ihm gehorchen? dass nicht vielmehr ein guter Hegauer Blitz ihm das Haupt zerschmettert hätte zur Strafe des Frevels, dass ein fremder Mann ihn angerufen?"
Wenig fehlte, so hätte dieser Grund den heimatstolzen Gemütern eingeleuchtet. Aber der Klostermeier rief: "Der Donnerkäfer! Der Donnerkäfer! Wir haben ihn mit eigenen Augen zu seinen Füssen kriechen sehen!" Da erscholl es von neuem: "Steiniget ihn!" Ein Feldstein flog herüber und schlug den Armen blutrünstig. Da warf sich Ekkehard unverzagt über seinen Täufling und schirmte ihn mit seinem eigenen Leib. Das wirkte.
Die Männer vom Schlangenhof schauten einander an; allmählich wurden sie stumm, dann machte einer im Kreise kehrt und ging feldeinwärts, andere folgten, zuletzt stand der Klostermeier allein: "Ihr haltet's mit dem Landverderber!" rief er zürnend, aber Ekkehard antwortete nicht, da liess auch er den erhobenen Stein zur Erde sinken und ging brummend von dannen.
Cappan war übel zugerichtet. Auf einem rücken, den alemannische Bauernfäuste durchgearbeitet, wächst jahrelang kein Gras. Der Steinwurf hatte eine Wunde in den Kopf geschlagen, die blutete stark. Ekkehard wusch ihm das Haupt mit Regenwasser und machte das Zeichen des Kreuzes drüber, das rinnende Blut zu stillen, dann verband er ihn notdürftig. Er gedachte ans Evangelium vom barmherzigen Samariter. Der wunde Mann schaute dankbar aus den gekniffenen Augen zu ihm empor. Langsam führte ihn Ekkehard zur Burg hinauf, er musste ihm zureden, bis er's wagte, sich auf seinen Arm zu stützen. Auch der Fuss mit der Narbe aus der Hunnenschlacht tat ihm weh, stöhnend hinkte er bergaufwärts.
Auf dem hohen Twiel gab's grossen Lärm, wie sie ankamen. Alle waren dem Hunnen gut. Die Herzogin kam in den Hof herunter, sie nickte Ekkehard freundlich zu ob seiner Barmherzigkeit. Der Klosterleute Frevel an ihrem Untertan versetzte sie in zürnende