erwählet wie die Sonne und schrecklich wie eine wohlgeordnete Schlachtordnung?" Er schaute hinauf zu den Zinnen des hohen Twiel, die im Frührot glänzten, und wusste die Antwort.
Und wieder las er: "Ich schlafe, aber mein Herz wachet. Da ist die stimme meines Geliebten, der anklopfet: 'Tue mir auf, meine Schwester, meine Freundin, meine Taube, denn meine Stirn ist voll Taues und meine Haarlocken voll perlender Tropfen.'" Ein Luftzug schüttelte ihm die weissen Fliederblüten aufs Büchlein, Ekkehard schüttelte sie nicht ab, er neigte sein Haupt und sass regungslos ...
Unterdes hatte Cappan wohlgemut sein Tagewerk begonnen. Es war ein Grundstück drunten in der Ebene an der Grenze des Hohentwieler Bannes; dort hatten die Feldmäuse ihr Heerlager aufgeschlagen, die Hamster schleppten ganze Wintervorräte des guten Korns in ihren Backentaschen von dannen, und die Maulwürfe zogen ihre Schachte in den kiesigen Boden. Dahin war Cappan beordert. Wie ein Staatsmann in aufruhrdurchwühlter Provinz sollte er ein geordnet Verhältnis herstellen und das Land säubern vom Gesindel. Die Fluten des Gewitters hatten die verborgenen Gänge aufgespült; leise grub er nach und schlug manch eine Feldmaus im Frührotscheine tot, ehe sie sich dessen versah, dann stellte er sorgsam seine Schlingen und Weidenruten, an andere Orte streute er ein giftig Lockspeislein, das er aus Aaronswurz und Einbeer zusammengekocht, und pfiff fröhlich zu seinem Mordwerk und ahnte nicht, was für schwere Wolken sich über seinem haupt zusammenzogen.
Das Grundstück, wo er hantierte, stiess an Reichenauer Feldmark. Wo der alte Eichwald seine Wipfel regte, ragten etliche Strohdächer ins Waldesgrün hinein: das war der Schlangenhof. Der gehörte dem Kloster zu mit viel Huben Ackerland und Waldes; eine fromme Witfrau hatte ihn dem heiligen Pirminius zum Heil ihrer Seele vergabt. Jetzt sass ein Klostermeier darauf, ein wilder Mann mit knorrigem Schädel und harten Gedanken drin; er hatte viel Knechte und Mägde und Ross und Zugvieh und gedieh wohl, denn die kupferbraunen Schlangen, die in Stall und Hof nisteten, pflegte er rechtschaffen und liess die Milchschüssel in der Stallecke nie leer werden, also dass sie ganz zahm und fröhlich in dem Stroh herumspielten und niemanden ein Leides taten. "Die Schlangen sind des Hofes Segen", sprach der Alte oftmals, "das ist bei uns Bauern anders als an des Kaisers Hof."
Seit zwei Tagen aber hatte der Klostermeier keine gute Stunde mehr gehabt. Die schweren Gewitter schufen ihm sorge für Frucht und Feld. Als ihrer drei sonder Schaden vorübergegangen waren, liess er anspannen und einen Sack vormjährigen Roggen aufladen und fuhr hinüber zum Diakon am Singener Kirchlein. Der lachte auf seinem Stockzahn, wie des Klostermeiers Gespann aus dem wald vorgefahren kam, er kannte seinen Kunden. Seine Pfründe war mager, aber aus der Menschen Torheit fiel ihm immer noch ein Hinlängliches ab, dass er seine Wassersuppen schmälzen konnte.
Der Klostermeier hatte seinen Kornsack bei ihm abgeladen und gesagt: "Meister Otfried, Ihr habt Euer sache' brav gemacht und von meinen Äckern das Wetter ordentlich weggebetet. Vergesst mich nicht, wenn's wiederum zu donnern kommt."
Und der Diakonus hatte ihm geantwortet: "Ich denke', Ihr habt mich gesehen, wie ich unter dem Kirchentürlein stand, nach dem Schlangenhof gewendet, und aus dem Weihbrunn drei Kreuze gegen das Wetter gespritzt hab' und den Spruch von den heiligen drei Nägeln dazu, der hat Schauer und Hagel landabwärts gejagt212. Euer Roggen könnt' ein gut Brot geben, Klostermeier, wenn noch ein Stümplein Gerstenkorn dazugefügt wäre."
Da war der Klostermeier wieder heimgefahren und gedachte just ein Säcklein mit Gerste zu richten als verdiente Zulage für seinen Anwalt beim Himmel. Aber schon wieder türmte sich ein giftschwarz Gewölk auf, und wie es tiefdunkel über dem Eichwald stand, kam ein weissgrau Wölklein heraufgezüngelt, das hatte fünf Zacken, wie Finger einer Hand, und schwoll an und schoss Blitze und war ein Hagelwetter, fährlicher als alles frühere. Der Klostermeier war zuversichtlich unter seiner Einfahrt gestanden: "Der von Singen sprengt mir's wieder weg", hatte er gedacht; aber wie die schweren Eisgeschosse in sein Kornfeld einschlugen und die Ähren umsanken wie pfeilerschossene Jugend im Feldstreit, und alles geknickt lag, da schlug er mit geballter Faust auf den Eichentisch: "Verflucht sei der Lügner in Singen!" In heller Verzweiflung wollt' er jetzt ein altegauisches Hausmittel anwenden, nachdem des Diakon Zauber fruchtlos: Er riss ein paar Eichenzweige vom nächsten Stamm und zupfte das Laub zu einer Streu zusammen, das tat er in sein altehrwürdiges Hochzeitgewand und hing's an die mächtige Hauseiche. Aber die Hagelkörner schlugen fort und fort in die Kornernte trotz Hochzeitrock und Eichblattstreu. Wie festgebannt schaute der Klostermeier auf den im Regen schwebenden Bündel, ob sich der Wind draus erhebe, der den Regen verjagt: der Schönwetterwind blieb aus. Da zogen sich seine Augbrauen grimmig zusammen, er biss sich die Lippen und schritt in seine stube. Die Knechte wichen ihm auf zehn Schritte aus, sie wussten, was es hiess, wenn ihr Meister die Lippen biss. Schier zusammengebrochen warf er sich an den eichenen Tisch und sprach lang' kein Wort. Dann tat er einen fürchterlichen Fluch. Wenn der Klostermeier fluchte, war's schon besser. Der Grossknecht kam schüchtern herbei und stellte sich ihm gegenüber; er war ein riesiger Sohn Enaks, aber vor seinem Meister stand er blöd wie ein Kind.
"Wenn ich die Hexe wüsste!" sprach der Meier,