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", sagte der Kellermeister. "Des heiligen Gallus Pörtner ist, seit er sein Kloster liess, dem Hochmut und der Anmassung untertan worden, ohne Gruss der Lippen geht er an Brüdern vorüber, deren Alter und Verstand seine Reverenz fordern, er hat sich herausgenommen, am heiligen Tag, da wir die Hunnen schlugen, die Heerpredigt zu halten, wiewohl ein so wichtig Amt der Rede einem der hochwürdigen Äbte zugestanden wäre; hat sich ferner herausgenommen, einen heidnischen Gefangenen zu taufen, wiewohl die Taufe vorgenommen werden soll vom ordentlichen Pfarrer des Bezirks, und nicht von einem, der an die Pforte des heiligen Gallus gehört.

Was aber aus stetiger Berührung des vorlauten Jünglings mit seiner neuen Gebieterin noch werden mag, weiss nur der, der Herz und Nieren prüft! Bereits hat man bei der Hochzeit jenes getauften Heiden wahrgenommen, wie er sich der einsamen Unterredung mit jener Herrin in Israel nicht entzieht und etlichemal geseufzt hat gleich einem angeschossenen Damhirsch. Auch hat man mit Betrübnis gesehen, wie eine unstet irrlichtelnde griechische Jungfrau, genannt Praxedis, um ihn her ihr Wesen treibt; was die Herrin unverdorben lässt, mag die Dienerin einreissen, von der nicht einmal sicher ist, ob sie eines ortodoxen Glaubens sich erfreue. Ein leichtfertig Weib aber ist bitterer denn der Tod, sie ist ein Strick der Jäger, ihr Herz ein Netz, ihre hände sind Bande, nur wer Gott gefällt, mag ihr entrinnen."

Es stunde Rudimann, dem Beschützer der Obermagd Kerhildis, wohl an, dass er die Worte des Predigers so getreulich im Herzen trug.

"Genug", sprach der Abt. "Hauptstück neunundzwanzig: Von der Rückberufung auswärts Weilender. Es wird durchschlagen. Mir ahnt und schwant, bald wird die wetterwendische Herrin droben um ihren Felsen herumflattern wie eine alte Schwalbe, der ihr Junges aus dem Nest gefallen, – Ade Herzkäfer! ... und Saspach wird des Klosters!"

"Amen!" murmelte Rudimann.

Fussnoten

A1 Heute Saint-Amand-les-Eaux im französischen Departement Nord. A2 Römischer Satiriker, 180–102 v. Chr. Die angezogene Äusserung in Horaz' "Satiren", 1, 4, 9 f. A3 D.h. Auslegung. A4 "Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr die Becher und Schüsseln auswendig reinlich hattet, inwendig aber ist's voll Raubes und Frasses!"

Achtzehntes Kapitel.

Herrn Spazzo, des Kämmerers, Gesandtschaft.

An einem kühlen Sommermorgen schritt Ekkehard den Burgweg entlang in die wehende Frühluft hinaus. Eine schlaflose Nacht lag hinter ihm; er war auf seiner stube auf und nieder geschritten, die Herzogin hatte wilde Gedanken in ihm aufgejagt. In seinem Kopf summte und schwirrte es, als streiche ein Flug Wildenten drin herum. Er mied Frau Hadwigs Anblick und sehnte sich doch in jeder Minute, da er fern, in ihre Nähe. Die alte frohe Unbefangenheit war verflogen, sein Wesen zerstreut und fahrig geworden; jene Zeit, die noch keinem Sterblichen erspart ward, die der brave Gottfried von Strassburg hernachmals ein "stetes Leid bei stetiglicher Seligkeit" geheissen, brach über ihn herein.

Vor sinkender Nacht hatte ein Gewitter getobt. Er hatte sein Fensterlein geöffnet und sich der Blitze erfreut, wenn sie das Dunkel durchzuckten, dass ein greller Schein die Ufer des Sees hell heraushob, und hatte gelacht, wenn's wieder finster ward und der Donner schütternd über die Berggipfel rollte.

Jetzt war sonniger Morgen. Auf dem Gras perlten tauige Tropfen, zwischendrein im Schatten auch dann und wann ein ungeschmolzenes Eiskorn. Schweigend lag Berg und Tal, aber die gebräunte Frucht der Felder liess ihre Halme geknickt zu Boden hangen, Hagelschlag hatte in der hochstrebenden Ernte gewütet. Aus den Felsen des berges rieselten trübfarbige Bächlein talabwärts.

Noch regte sich's nicht auf der Flur: es war kaum nach dem ersten Hahnenschrei. Nur fern über das Hügelland, das im rücken des hohen Twiel sich wellenförmig ausdehnt, kam ein Mann geschritten. Das war der Hunn' Cappan. Er trug Weidengerten und allerhand Schlingen und ging an seine Arbeit, den Feldmäusen nachzustellen. Fröhlich pfiff er auf einem Lindenblatt, – das Bild eines glücklichen Neuvermählten, ihm war in der langen Friderun Armen ein neues Leben aufgegangen.

"Wie geht's?" fragte ihn Ekkehard mild, als er an ihm vorüberschritt und ihn demütig grüsste. Der Hunn' deutete in die blaue Luft hinauf: "Wie im Himmel!" sagte er und drehte sich vergnügt auf seinem Holzschuh. Ekkehard wandte sich. Noch lang' tönte des Schermausfängers Pfeifen durch die Morgenstille, er aber schritt zum Abhang der Felsen. Dort lag ein verwitterter Stein; ein Fliederbusch wölbte sich drüber mit üppig weissen Blüten. Ekkehard setzte sich. Lang' schaute er in die Ferne, dann zog er ein von zierlicher Decke umfasstes Büchlein aus seiner Kutte und hub an zu lesen. Es war kein Brevier und kein Psalterium. "Das hohe Lied Salomonis!" hiess die Überschrift; das war kein gut Buch für ihn. Sie hatten ihn zwar einst gelehrt, der lilienduftige Sang gelte dem brünstigen Sehnen nach der Kirche, der wahren Braut der Seele; er hatte es auch in jungen Tagen studiert, unangefochten von den Gazellenaugen und taubenweichen Wangen und palmbaumschlanken Hüften der Sulamitin; jetzt las er's mit anderem Sinne. Ein süsses Träumen umfing ihn.

"Wer ist die, welche hervortritt wie die aufgehende Morgenröte, schön wie der Mond,