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seine Ketten klirrten, wenn er den Arm hob.

"Geh' du wieder heim, Mordbüsser", sprach Moengal zu ihm, "und heirat' die Witib des Erschlagenen, das wird eine bessere Sühne sein, als mit klirrendem Eisen einen Narrengang durch die weite Welt tun."

Der Pilger schüttelte schweigend das Haupt, als dächte er, das schüfe ihm noch schwerere Ketten, als die der Schmied geschmiedet.

Moengal liess sich beim Abt melden. "Er ist im Lesen vertieft", hiess es. Doch liess man ihn eintreten.

"Setzt Euch, Leutpriester", sprach der Abt gnädig, "Ihr seid ein Freund von Gebeiztem und Gesalzenemich hab' was für Euch."

Er las ihm die frisch angekommene Schrift Gunzos vor. Der Alte horchte; seine Augenbrauen zogen sich in die Höhe, die Nasenflügel traten weit und weiter auf.

Den Abt schüttelte ein lachen, wie er an die Schilderung von Ekkehards krausem Haar und seinem Schuhwerk kam. Moengal sass ernst, es zogen drei Falten auf der Stirn auf, wie Wolken vor dem Gewitter.

"Nun?" sprach der Abt. "dem Bürschlein wird der Hochmut aus der Kutte geklopft! Sublim! ganz sublim! Und eine Fülle von Wissenschaft, das trifft. Darauf gibt's gar keine Antwort."

"Doch!" sprach der Leutpriester finster.

"Welche?" fragte der Abt gespannt.

Moengal machte eine schlimme Gebärde. "Einen Stechpalmstock von der Hecke schneiden", rief er, "oder eine brave Hasel und rheinabwärts ziehen, bis zwischen dem schwäbischen Holz und des welschen Schreibers rücken nur noch eine Armslänge Entfernung ist! Dann aber ..." er schloss seine Rede sinnbildlich.

"Ihr seid grob, Leutpriester", sprach der Abt, "und habet keinen Sinn für Gelehrsamkeit. So etwas kann freilich nur ein eleganter Geist schreiben. Respekt!"

"Hoiho!" fing Moengal, der Alte, an, er war fuchswild geworden, "Gelehrsamkeit? 'Aufgeblasene Lippen und dabei ein boshaftig Herz sind als wie ein irden Gefäss mit Silberschaum überzogen', spricht Salomo. Gelehrsamkeit? So gelehrt ist mein Pfarrwald auch mit seinen Hagebuchen, der schreit auch hinaus, wie man in ihn hineingeschrieen, und ist wenigstens ein lieblich Echo. Wir kennen die belgischen Pfauen! kommen anderwärts auch vor. Die Federn sind gestohlen, und was sie selber krähen, trotz Rad und Schweif und Regenbogen am Steiss, ist heiser und bleibt heiser, da hilft kein Halskragenblähen. Vor meiner grossen Gesundkur hab' ich auch geglaubt, es sei gesungen statt gekrächzt, wenn einer mit Grammatik und Dialektik die Backen aufblies, – aber jetzt: 'Gute Nacht, Marcianus Capella!' heisst's bei uns in Radolfs Zelle!"

"Ihr werdet wohl bald an Euren Heimweg denken müssen", sprach der Abt, "es zieht schon ganz schwarz über Konstanz hin."

Da merkte der Leutpriester, dass er mit seinen Ansichten von Gesundsein und von der Wissenschaft nicht an rechten Mann geraten war. Er empfahl sich.

"Hätt'st auch in deinem Kloster Benchor auf der grünen Insel bleiben können, irischer Hartknochen!" dachte der Abt Wazmann und entliess ihn sehr kühl.

"Rudimann!" rief er dann in den dunkeln gang hinaus. Der Gerufene erschien.

"Ihr gedenket noch der Weinlese", redete ihn der Abt an, "und des Streiches, den Euch ein gewisses Milchgesicht geschlagen, dem eine phantasiereiche Herzogin jetzt gewisse Grundstücke zuwenden will ..."

"Ich gedenke des Streichs", sprach Rudimann, verschämt schmunzelnd, wie eine Jungfrau, die nach dem Geliebten gefragt wird.

"Den Streich hat einer zurückgegeben, saftig und scharf, Ihr könnet zufrieden sein. Lest." Er reichte ihm des Gunzo Pergamentblätter.

"Mit Erlaubnis!" sprach Rudimann und trat ans Fenster. Er hatte schon manchen braven Wein gekostet der Pater Kellermeister, seit dass er sein Amt führte, aber selbst damals, als ihm der Bischof von Cremona etliche Krüge dunkelbraun schäumenden Asti übersendet, hatte sein Antlitz nicht so rötlich froh gestrahlt wie jetzt.

"Es ist doch eine herrliche Gottesgabe um ein gründlich Wissen und einen schönen Stil", sagte er. "Das Ekkehardlein ist fertig. Es kann sich nimmer an freier Luft sehen lassen."

"Noch nicht ganz", sagte der Abt, "aber was nicht ist, kann werden. Der gelehrte Bruder Gunzo hilft uns dazu. Seine Epistel darf nicht ungelesen vermodern, lasset etliche Abschriften nehmen, lieber sechs als drei. Der junge Herr muss von Hohentwiel weggebissen werden. Ich liebe die jungen Schnäbel nicht, die feiner singen wollen als die Alten. Schnee auf die Tonsur! das soll ihm gut tun. Wir werden unserem Mitbruder in Sankt Gallen ein Brieflein schicken, dass er ihm die Rückkehr anbefehle. Wie steht's mit seinem Sündenregister?"

Rudimann hob bedächtig die linke Hand auf und begann mit den Fingern zu zählen. "Soll ich's hersagen? Zum ersten: In währender Weinlese den Frieden unseres Klosters gestört, indem er ..."

"Halt!" sprach der Abt, "das ist abgetan. Alles, was vor der Hunnenschlacht geschehen und anhängig worden, sei erledigt, ab und zur Ruhe! So haben's einst die Burgunder in ihr Gesetz211 geschrieben, das soll auch bei uns noch gelten."

"Dann ohne Fingerzählung