Amandus!" sprach Gunzo nochmals, als das letzte Wort seines Werkes geschrieben vor ihm stand. Die alte Schlange hätte siseiner Gottähnlichkeit hätte belauschen können, da er den letzten Punkt anfügte. "Und Gott sah alles, was er gemacht hatte. Und es war sehr gut." Und Gunzo? – Er tat desgleichen.
Dann schritt er zu seinem Metallspiegel und beschaute sich lange, als wär' es ihm von äusserster Wichtigkeit, das Antlitz dessen kennenzulernen, der den Ekkehard von Sankt Gallen vernichtet. Er verneigte sich achtungsvoll vor seinem Spiegelbild.
Die Glocke im Refektorium hatte längst zur Abendmahlzeit gerufen, Psalm und Tischgebet waren gebetet, schon sassen die Brüder beim sanften Hirsebrei, da erst trat Gunzo in den Saal. Sein Antlitz strahlte. Der Dekan deutete ihm schweigend vom gewohnten Platz hinüber in den Winkel, denn wer allzuoft versäumte, sich rechtzeitig einzufinden, der ward zur Busse von der Speisenden Gemeinschaft gesondert und sein Wein den Armen verabreicht209. Aber ohne Murren setzte sich Gunzo hinüber und trank sein belgisch Brunnenwasser, sein Büchlein lag ja vollendet oben, das tröstete.
Nach aufgehobenem Mahl zog er seiner Freunde einige zu sich auf die Zelle, geheimnisvoll, als gält' es, verborgenen Schatz zu heben, er las ihnen das Werk vor.
Des heiligen Gallus Kloster mit seinen Büchern, schulen, Gottesgelehrten war in damaliger Christenheit viel zu gut beleumdet, als dass die Jünger des heiligen Amandus nicht mit leiser Freude das Zischen von Gunzos Geschossen vernommen. Tüchtigkeit und vorragender Wandel beleidigt die Welt oft noch tiefer als Frevel und Sünde.
Darum nickten sie beifällig mit den grauen Häuptern, wie Gunzo die Kernstellen vortrug.
"Es wär' schon lang' an der Zeit gewesen, den Bären im Helvetierland einen Tanz aufzuspielen", sprach der eine, "Übermut mit Grobheit gepaart verdient keine andere Musik."
Gunzo las weiter. "Bene, optime, aristotelicissime!" murmelten die Versammelten, als er geendet. "Vergnügte Mahlzeit, Bruder Akhar", sprach ein anderer, "belgisch Gewürz zum helvetischen Käse der Alpen!"
Der Bruder Küchenmeister umarmte den Gunzo und weinte vor Rührung. So gelehrt und so tief und so schön sei noch nichts aus den Mauern des heiligen Amandus in die Welt hinausgegangen. Nur ein einziger der Brüder stand unbeweglich an der Mauer.
"Nun?" fragte Gunzo.
"Wo bleibt die Liebe?" sprach der Bruder leise, dann schwieg er. Gunzo fühlte den Vorwurf.
"Du hast recht, Hucbald!" sprach er, "es soll geholfen werden. Die Liebe gebeut, für unsere Feinde zu beten. Ich werde' noch ein Gebet für den armen Toren an den Schluss der Schrift setzen, das wird sich versöhnlich ausnehmen und weiche Gemüter bestechen. Wie?"
Der Bruder schwieg. Es war spät in der Nacht geworden. Sie gingen auf den Zehen aus der Zelle.
Gunzo wollte den, der von der Liebe gesprochen, zurückhalten, es war ihm an seinem Urteil gelegen, aber der wandte sich und folgte den andern.
"Mattäus dreiundzwanzig, fünfundzwanzigA4!" sprach er vor sich hin, wie sein Fuss die Schwelle überschritten. Niemand hörte ihn.
Aber Gunzo, den Vielgelehrten, floh der Schlummer, wieder und wieder las er die Blätter seines Fleisses, er wusste bald, an welchem Fleck jedes einzelne Wort stand, und doch kamen seine Augen nicht los von den bekannten Zügen. Dann griff er zur Feder: "Einen frömmern Schluss!" sprach er – "sei es denn!" Er besann sich, dann durchmass er die stube mit bedachtsamem Schritt. "Es sollen künstliche Hexameter werden; wer hat je würdiger eine Beleidigung vergelten sehen?"
Jetzt setzte er sich hin und schrieb. Ein Gebet für seinen Feind wollte er schreiben. Aber wider seine natur kann niemand. Da las er seine Blätter noch einmal durch – sie waren allzu gelungen. Dann schrieb er den Nachtrag. Der Hahn krähte ins Morgengrau, da war auch dieser vollendet; prasselnder Mönchsverse zwei Dutzend und ein halbes. Dass seine Gedanken vom Gebet für den Gegner auf ihn selbst und den Ruhm seiner Arbeit zu reden kamen, ist bei einem Mann von Selbstgefühl ein natürlicher Übergang. Mit Salbung schrieb er die fünf letzten Zeilen:
"Zeuch nun hinaus in die Welt, mein Büchlein, und
triffst du auf Leute,
Die mit hämischem Zahn mein glorreich Leben bena
gegen,
Diesen zerschmettre das Haupt und wirf sie besiegt in
den Staub hin,
Bis dein Verfasser dereinst zur verheissenen Seligkeit
eingeht,
Die dem mann gebührt, der sein Talent nicht ver
scharrt hat."
Das Pergament war rauh und sträubte sich, er musste die Rohrfeder breit aufdrücken, dass es die Buchstaben annahm.
Anderen Tages verpackte Gunzo seine geharnischte Epistel in eine Kapsel von Blech und diese in einen leinenen Umschlag. Ein Dienstmann des Klosters, der seinen Bruder erschlagen, hatte das Gelübde getan, zu den Gräbern von zwölf Heiligen zu wallen, den rechten Arm an die rechte Hüfte gekettet, und dort zu beten, bis ihm ein himmlisch Gnadenzeichen werde210. Er pilgerte rheinaufwärts. Dem hing Gunzo die Kapsel um; nach wenig Wochen ward sie richtig und unversehrt an der Klosterpforte der Reichenau dem Pörtner eingehändigt. Gunzo kannte seine Leute dort. Darum hatte er ihnen die Schrift gewidmet.
Der alte Moengal hatte dazumal auch Geschäfte im Kloster. Im Gaststüblein sass der belgische Pilgersmann, sie hatten ihm ein Fischsüpplein gereicht, mühsam arbeitete er sich dran ab,