1855_Kurz_155_98.txt

sie einmal brauch, um Weib und Kind zu verhalten. Doch ist's nur für den äussersten Fall, und besser wär's, ich hätt sie ihm noch gelassen, denn so ein Teufelshirsch kann einen bis ins Zuchtaus führen."

"Lass du das Wildern sein", sagte Christine, "und denke auf andere Weg, wie du Weib und Kind ernähren willst. Wiewohl, es geht nicht immer so schlimm aus. Hab ich dir's nie von unsrem Haus erzählt? Es ist ein altes Sagen in unserer Familie, ich hab meinen Vater schon davon reden hören, dass sein Urururgrossvater ein arger Wilderer gewesen sei. Den hat der Herzog gefangen und hat ihn wollen auf einen Hirsch schmieden lassen, hat sich aber anders besonnen, wie er schon halb angeschmiedet gewesen ist, und hat ihn begnadigt, weil ihm seine Antworten so gefallen haben, hat ihm auch das Haus da baut und ihn hergesetzt, um den Wilderern aufzupassen, weil ihm alle ihre Schlich und Weg wohlbekannt gewesen sind. Nach ihm ist sein Sohn auf dem Haus gesessen, und dann wieder dessen Sohn, und so immer fort, so dass das Haus seit Urgedenken unsrer Familie angehört. Sie hat sogar dem Herzog eine besondere Steuer draus zahlen müssen, die erst unter meinem Vater in Abgang kommen ist." "So?" sagte Friedrich. "Da kommt wahrscheinlich auch der Nam Hirschbauer her?" "Mag sein, ich weiss nicht", erwiderte sie. "Jetzt aber lass uns drauf denken, wie wir u n s e r Haus bauen. Majorennitätserklärung, Proklamation, Kopulation, das muss wie Blitz und Donner aufeinander gehen. Voran, voran, eh's der Teufel erfährt und Unsamen streut!"

24

Gleich noch am nämlichen Abend ging Christine in das Pfarrhaus, um im Auftrag ihres Verlobten, der auf sie wartete, den Herrn Pfarrer zu bitten, dass er sie am nächsten Sonntag proklamieren möge. Sie kam aber bald wieder zurück und erzählte, der Pfarrer habe gesagt, er wisse nichts von Majorennisation und Regierungsresolutionen, sei auch nicht verpflichtet, den Amtmann zu fragen, ob etwas Derartiges eingelaufen sei; so könnte ihm jeder kommen.

"Gleich morgen gehst zum Amtmann", sagte Friedrich, "denn jetzt ist er auf der Jagd. Es ist besser, d u gehst, weil er mir gesagt hat, ich soll nicht ungeboten vor ihn kommen."

"Ja", sagte sie, "und wenn du kämst, könnt's leicht Häupeleien geben, weil du so strobelig bist. Wir müssen jetzt trachten, dass wir vollends im Frieden durchkommen. Lieber geh i c h , ich fürcht mich nicht mehr so vor den Herren. Aber was soll ich denn dem Amtmann sagen, woher wir wissen, dass die Resolution da ist? Die Katrine dürfen wir nicht verraten, die ist unser guter Engel."

"Sagst, ich wiss es von Stuttgart her, dass die Resolution vor einigen Wochen schon abgangen sei. Gib acht, das wird ihm Füss machen."

"Das ist der rede noch einmal wert", rief Christine und lachte; "jetzt meint er, du habest ihn verklagt, und kriegt Angst."

"Lass ihn nur nicht schlupfen, weder links noch rechts", sagte er. "Bekennen muss er. Morgen ist Samstag, und am Sonntag müssen wir das erstmal proklamiert sein."

Mit lachendem mund kam Christine den andern Morgen aus dem Amtause. "Ich hätt nicht glaubt", sagte sie, "dass so ein rundes Gesicht so in die Länge gehen könnt. Sieh, so lang ist's worden, wie ich mein Sprüchlein aufgesagt hab. Er hat sich dann aber gleich gefasst und hat gesagt, die Resolution sei allerdings da, und er würde sie dir schon noch eröffnet haben, es sei ja nichts Pressantes."

"So, nichts Pressantes? Ich wollt, das wasser ging ihm einmal bis an Hals, und ich stünd dabei und könnt sagen: ''s pressiert gar nicht, Herr Amtmann, mit Ihrem Wohlnehmen.'"

"Es hat ihm aber doch rechtschaffen pressiert", fuhr sie fort. "Sieh, da ist die Schrift, die soll ich dem Pfarrer bringen, dass es mit dem Proklamieren weiter kein' Anstand hab."

"Lauf, Christinele, lauf tapfer! Du arm's Weib du, musst dich halbtot springen um unsere Heirat, und trägst doch den Ehkontrakt mit Brief und Siegel an dir."

"Ich wollt, d u müsstest ihn tragen", maulte sie, "damit du auch wüsstest, wie das beschwerlich ist."

"Halt's der Pfarrer auch nicht für pressant?" fragte er, als sie wiederkam.

"Er hat gesagt, es sei eine Sünd von dir, dass du deinem Vater nicht gehorchest, und er sag mir's ins Gesicht, dass so eine ungleiche Heirat eine rechte Dummheit sei und auch ein bös ende nehmen werde, aber er hab jetzt sein Gewissen salviert und uns gewarnt; morgen werde er uns proklamieren."

"Er soll uns ausrufen und einsegnen, nachher mag er schwätzen, soviel er will. Jetzt ist's gewonnen."

Als er von ihr wegging, begegnete er seiner Schwester Magdalene, die eben über die Gasse ging. "Du", sagte er seelenvergnügt, "morgen werde ich von der Kanzel runtergeschmissen