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Sohn des Hauses sich blicken liess, einen jenerstürmischen Auftritte, welche der Nachbarschaft sooft verrieten, wie es um den Frieden desselbenstand. Sein Vater empfing ihn mit einer Flut von Schimpfworten, warf ihm den nächtlichen Diebstahl vor und drohte, ihn alsbald wieder ins Zuchtaus zu bringen. Der Knecht hatte ihn angegeben, schon deshalb, um, wie er nachher entschuldigend zu ihm sagte, für den Fall der Entdeckung sich selbst von dem Verdachte zu reinigen; doch wollte er ihn nur einen kleinen Sack mit Getreide haben fortschleppen sehen.

"Wenn Ihr mich ins Zuchtaus bringen wollet, Vater, so steht's Euch frei", sagte Friedrich. "Ihrhabt's ja schon einmal getan. Freilich haben die leute verschiedentlich drüber geurteilt, dass Ihr Eurem eigenen und einzigen Sohn zum Ankläger worden seid."

"Das ist nicht wahr", entgegnete der Sonnenwirt. "Die sache ist damals ohne meine Schuld offenkundig worden, und ich hab's nicht hindern können, dass sie vor Amt kommen ist."

"Also wollt Ihr jetzt nachholen, was Ihr damals versäumt habt?"

"Gib raus, was du mir gestohlen hast."

"Es ist weit fort, Ihr findet's nicht, und wenn Ihr alle Eure Stallaternen anzündet. Lasst mich majorenn werden und gebt mir mein Mütterlich's heraus, dann will ich mit Euch abrechnen und will Euch den Schaden ersetzen, dass nicht ein Kreuzer dran fehlen soll, und wenn der Fruchtpreis derweil anzieht, so soll der Gewinn Euer sein. Dann könnt Ihr von Stehlen sagen, so viel Ihr wollt, 's glaubt 's Euch niemand."

"Hast du deinem Weibsbild davon gebracht?"

"Ihr könnt in und unterm Bett bei ihr suchen, Ihr findet nichts. Es ist aber eine rechte Schand für Euch, Vater, dass ein reicher Mann wie Ihr dem kranken Hirschbauer ein einzigsmal eine Schüssel Mehl schickt."

"Was?" fuhr der Sonnenwirt auf, "ich hab schon öfter gesagt, dass man hinausschicken soll."

"Dann ist's unterwegs in irgendein Loch gefallen", versetzte Friedrich.

Der Sonnenwirt schwieg unschlüssig. Es machte ihn betroffen, obwohl er es sich bei den bekannten Gesinnungen seiner Frau leicht erklären konnte, dass seine Befehle nicht vollzogen worden waren, und unter diesen Umständen glaubte er, bei seinem reichen Fruchtvorrate, den von dem Knecht angegebenen Verlust ohne Geschrei ertragen zu sollen. Er ging zur stube hinaus und liess seinen Sohn in Ungewissheit, was er tun werde.

"Hast dein' Hausdieb im Verhör gehabt?" fragte seine Frau draussen.

"Woher weisst du's denn?"

"Du schreist ja so laut, dass man's in Göppingen hört. Und jetzt willst immer noch in deiner Langmut zusehen?"

Der Alte kratzte sich hinter dem Ohr. "Das Stehlen will ich ihm vertreiben", sagte er. "Du aber sagst mir weder im Pfarrhaus noch im Amtaus ein Wort davon, sonst ist's zwischen uns aus, und ich lass ihn morgen heiraten und nehm alle beide ins Haus zu mir."

"So hitzig?" maulte sie.

"Erstens", erklärte er, "hätt ich ihn zwar gern in Numero Sicher, aber nicht im Zuchtaus, und zweitens möchte ich mir nicht nachsagen lassen, dass ich dem Hirschbauer nichts als ein Schüssele mit Mehl geschickt hab. Was sie jetzt haben, das sollen sie behalten."

Der Tag verging ruhiger als er begonnen hatte. Friedrich wusste zwar immer noch nicht, wessen er sich zu versehen habe; auch liessen ihn gewisse Anspielungen seiner Stiefmutter, welche von der notwendigkeit sprach, Schlösser und Riegel ausbessern zu lassen, nichts Gutes ahnen; doch meinte er aus dem Betragen seines Vaters schliessen zu dürfen, dass seine eigenmächtige Pfändung ohne Folgen bleiben werde.

Zur verabredeten Stunde ging er in des Hirschbauern Haus. Der Erwartete war bereits da, ein Mann mit rundem, schelmisch lächelndem Gesicht und einem sogenannten Hörn auf der Stirne, das in der Mitte über beiden Augen sass und so gross war, dass Friedrich es im Scherz ein drittes Auge nennen konnte. "Bist schon da, Dreiäugiger?" sagte er, die Hand bietend. Die Alte hiess ihn sehr freundlich willkommen und bedankte sich bei ihm für den stolzen Küchengruss, den er gesandt habe; sie vermied es klüglich zu fragen, wie er eine so bedeutende Beisteuer aufgebracht. Man schwatzte eine Weile von gleichgültigen Dingen, ohne dass der Hirschbauer, der in der stube zu Bette lag, sich in das Gespräch mischte. Dann gingen die drei miteinander fort, um unter dem haus ihr Geschäft miteinander abzumachen.

"Was meinst, Christle?" sagte Friedrich. "Der Jerg ist doch ein scharfsinniger Kopf, der hat's von selber gemerkt, dass ich wieder einen Handel mit dir machen will."

"Es ist gut merken gewesen, Frieder", sagte Jerg. "Seit einiger Zeit hast du immer das link auge von Zeit zu Zeit zugedrückt und hast mit dem rechten grad vor dich hingesehen, so dass ich immer hab denken müssen: der tut in Gedanken zielen. Es ist mir dabei eingefallen, was der Krämerchristle von dir gesagt hat: die Katz lässt das Mausen nicht."

Alle drei lachten. "Ich will dir beweisen, dass ich noch ein scharfsinnigerer Kopf bin als der da", sagte Christle. "Tut's dir nicht and