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gleichen Alter, höchstens ein Jahr älter, und ist schon zwei Jahr verheiratet und regiert seit sechs Jahr ein ganz Land, dass es blitzt und kracht."

"Versteht er denn sein Handwerk?" fragte Christine.

"Was weiss ich? Aber herrlich und in Freuden lebt er, und anderen verbietet er, was ihm selber schmeckt. denke nur, ich hab auch die Herzogin gesehen. Aber die ist schön, und noch so jung, aber mächtig stolz. Mich wundert's nur, dass sie die ** leidet, die er neben ihr hält, und was meinst, die baden im Burgunderwein."

"Pfui", sagte Christine, "da möchte ich nicht davon trinken."

"Oh, es gibt leute, die ihn nachher kaufen, weil man ihn natürlich wohlfeil haben kann. Und vor acht Tagen hat er in Ludwigsburg ein Feuerwerk geben und hat dabei für fünfmalhunderttausend Gulden in die Luft aufgehen lassen. Man spricht noch heute in Stuttgart in allen Wirtshäusern davon, aber sie schimpfen, weil's in Ludwigsburg gewesen ist. Ich hätt's doch auch sehen mögen."

"Ich nicht", sagte Christine. "Es ist sündlich, das Geld so hinauszuschmeissen. Rechne nur auch einmal aus, wie lang arme leute davon hätten leben können. Aber ich kann dir auch eine Neuigkeit sagen: denke nur, dein Vater hat uns heute eine Schüssel Mehl geschickt."

"So, mein Vater? Es ist zwar nicht viel, aber es freut mich doch an ihm. Hat er sie d i r geschickt?"

"Nein, er hat eben sagen lassen, da schick er's. Es ist mir um der Meinigen willen lieb, denn du hast keinen Begriff davon, was ich von ihnen schlucken muss. In deiner Gegenwart lassen sie's nicht so heraus, aber du wirst doch auch selber schon gemerkt haben, was wir ihnen wert sind. Besonders meine Mutter und mein Hannes, die haben gemeint, sie werden Ehr und Vorteil von uns ernten, und statt dessen haben sie mich eben immer noch auf'm Hals. Meine Mutter hat gleich zu brotzeln und zu backen angefangen, du weisst ja, wie sie ist; sie hat gesagt, sie mach's für meinen Vater, aber der hat nichts davon gessen, und dann hat sie's für sich behalten und hat denkt: selber essen macht fett."

"Hab noch die paar Tag Geduld", sagte er. "Jetzt kommt ja die Resolution, und dann hat alles Jammern ein ende! Dann werden wir zusammen getraut, und das ist die Hauptsach, wenn's auch ohne Kränzle und am Mittwoch geschieht. Der Mittwoch ist auch ein Tag. Und wenn ich mein Mütterlich's hab und Händ und Füss für meine eigene Haushaltung regen kann, dann will ich dich schon wieder rausfüttern, dich und dein Kind."

"Ja", sagte Christine, "und unser Herrgott wird weiter sorgen."

23

Tag um Tag verging, aber keiner brachte die ersehnte herzogliche Resolution. Die Tage wurden zu Wochen, und eine reihte sich an die andere, ohne dem Harrenden das Versprechen zu erfüllen, das er sich in Stuttgart mit fremdem Gelde erkauft hatte. Träg und eilig zugleich ging ihm die unbarmherzige Zeit; während sie ihn endlos auf die Gewährung, die er von der Menschenwelt forderte, warten liess, zeigte sie ihm jeden Tag den unaufhaltsamen Fortschritt, welchen die natur machte, um ihm ein Geschenk zu bringen, das jener Gewährung nicht zuvorkommen durfte, wenn es nicht den Stempel des Unglücks und der Schande tragen sollte.

"So kann die sache nicht fortgehen", sagte Christine eines Tages zu ihm. "Ich möchte naus, wo kein Loch ist. Die Meinigen haben mir ausgeboten, der Sommerverdienst sei zu ende, und mit dem Winter geh das Hungerleiden vollends ganz an. Sogar mein Jerg, der mir immer noch ein wenig den Kopf gehebt hat, sagt, es sei in der ganzen Welt der Brauch, wer die Gais angebunden hab, der mög sie auch hüten."

"Weiss wohl", bemerkte er finster, "der Bauer tut alles gern, wenn er muss."

"Aber bedenk auch, wie sie auf'm dürren Bäumle sind. Ich selber schäm mich, dass ich ihnen fort und fort hinliegen muss, und du solltest dich auch schämen. Ich weiss, was ich tu: wenn meine Zeit kommen ist, so trag ich dein Kind in deines Vaters Haus und leg's ihm vor die Tür. Da, er soll's säugen, denn ich werde ihm nichts geben können."

Dieser bittere Spott der Verzweiflung schnitt ihm glühend ins Herz. "Hat er seitdem nichts geschickt", fragte er, "kein Brot, nicht einmal eine Schüssel Mehl?"

"Nichts", erwiderte sie, "kannst dir wohl denken, dass ich dir's gesagt hätt."

Er knirschte mit den Zähnen. "Wohl, wenn er's nicht sichtbar geben will, so soll er's unsichtbarlich geben. Ruf deinen Jerg, er muss uns behilflich sein, ich will mit ihm deines Vaters Wagen rüsten, und du schaffst Säck her, wenn's dran fehlt, so entlehnst du in der Nachbarschaft."

"Was willst denn auf dem Wagen führen?" fragte sie schüchtern.

"Die Säck