kommt, wie auf die Kirchenkonventsverhandlung, so kann mir's gleichgültig sein. Wiewohl, der neue Vogt wird es vielleicht mit dergleichen komminatorischen und kalumniösen Redensarten etwas schärfer nehmen. Vielleicht lässt er auch die Sachen ad cumulum zusammenkommen; denn mir ahnt's, dass noch mehr bevorsteht und dass ich noch weitere Protokolle und Berichte schreiben muss."
Indessen schien es doch, dass Friedrichs Drohungen nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen seien, denn unerwartet gab ihm sein Vater, der etwa unruhig geschlafen haben mochte, das Geld zu seiner Werbung in Göppingen, und bald hatte er es dahin gebracht, dass seine Supplik bei der fürstlichen Regierung lag. Nachdem aber seine Angelegenheit diesen Schritt vorwärts getan hatte, erfolgte wieder ein langer Stillstand, und jeder vorüberfliehende Tag mehrte ihm das Gewicht der Klagen Christinens, die in der Ungeduld ihres Jammers meinte, wenn sie nur einmal rechtmässig die Seinige wäre, dann würde allen anderen Sorgen auf immer abgeholfen sein.
Abermals liefen die Weiber im Flecken zusammen und erzählten sich von grässlichen Reden, die er ausgestossen haben sollte; ja man legte ihm die Versicherung in den Mund, er wolle den nächsten besten, der ein paar Gulden im Sack habe, über den Haufen stechen, um mit dem Geld nach Stuttgart gehen zu können. Allein ungeachtet dieser rohen Worte waren und blieben die Strassen sicher vor ihm, und er gelangte auf diesem Wege so wenig in den Besitz des unentbehrlichen Geldes, als er es diesmal von der unstet hin und her schwankenden Gesinnung seines Vaters herauszubekommen vermochte.
Christine riet ihm, sich in dieser Verlegenheit an die Bäckerin zu wenden; sie selbst hatte nicht das Herz dazu. Mit der Geduld, welche eine fortwährende Vereitelung eines fieberhaft betriebenen Planes manchmal einflössen kann, begab er sich zu Christinens Base, deren Krankheit soweit fortgeschritten war, dass sie den ganzen Tag regungslos im Lehnstuhle sass, und sprach sie um ein Darlehen an. Die Bäckerin, die der leidvollen entwicklung des Liebesverhältnisses stets mit grosser Teilnahme folgte, antwortete schmerzlich seufzend: "Ich tät's gewiss gern, aber der Mein lässt mir den Schlüssel zum Geldkästle nicht über, und Ihr wisset ja selber, wie b'häb er ist." Sie sprachen noch miteinander, als der Knecht des oberen Müllers in die stube trat. Er hatte im Vorbeigehen durch das Fenster Friedrichs Anwesenheit bemerkt und kam herein, um einen Schoppen mit ihm zu trinken. "Da, der Peter könnt vielleicht aushelfen", sagte die Bäckerin, "der hält sein' Lohn zusammen und hat doch auch zur rechten Zeit wieder eine offene Hand; was gilt's, der tut sein Sparhäfele auf?" Der Knecht liess sich erklären, um was es sich handle, und sagte, jawohl, die paar Gulden gebe er gerne her. Friedrich konnte sich ohne Beleidigung nicht weigern, sie anzunehmen, und doch drückte es ihn, dass er, der Sohn des reichen Sonnenwirts, zu einem Knechte, obwohl es sein guter Bekannter war, durch ein Darlehen von erspartem Lohne in Verpflichtung und Abhängigkeit treten sollte; und zwar drückte es ihn um so mehr, weil er wusste, dass der Knecht selbst, bei seiner gutmütigen aber beschränkten Sinnesart, sich über diese Betrachtung nicht erheben konnte.
Da er aber nun einmal die Mittel in der Hand hatte, seine Sache in Stuttgart zu betreiben, so versäumte er es nicht, davon schleunigen Gebrauch zu machen. Christine war ihm an dem Abend, wo sie ihn zurückerwartete, einige Schritte vor den Flecken entgegengegangen. An derselben Stelle, wo sie auf beschneitem Wege einst von ihm Abschied genommen, sass sie nun unter einem Baume, von welchem schon einzelne herbstlich rote Blätter zu fallen begannen, und erhob sich, als sie ihn die Strasse daherwandern sah. Er war sehr befriedigt von dem Erfolge seiner Reise und erzählte ihr, man habe ihm versprochen, die Resolution auf sein Memorial solle ihm auf dem fuss nachfolgen. "Du weisst ja", sagte er, "schmieren und salben hilft allentalben. Ohne Trinkgeld richtet man in Stuttgart nichts aus. Aber sie brauchen's auch redlich. Das ist dir ein Wohlleben in den Tag hinein, dass ich dir's gar nicht beschreiben kann. Ich möchte nur wissen, wer das ganz Nest verhält, ich glaube, das Land muss sie eben verhalten, denn schaffen sieht man keinen Menschen, als höchstens die Wirte und die Putzmacherinnen. Schon am frühen Vormittag liegen die Männer im Wirtshaus oder spielen in den Kaffeehäusern, und denke nur, die Weiber, hab ich mir sagen lassen, laufen des Nachmittags zueinander in die Kaffeevisit und bleiben bis abends acht Uhr und drüber beieinander sitzen, und mit was meinst, dass sie sich die Zeit vertreiben? Mit Kartenspielen, und das so hoch, dass erst vorgestern eine, wie ich gehört hab, mehr als hundert Gulden verloren hat. Und dabei treiben sie einen Luxus, dass es nicht zum sagen ist: Atlaskleider tragen sie und goldene Uhren, goldene Armbänder, eine Menge Ringe mit kostbaren Steinen, und Perlen um den Hals anstatt der Granaten."
Christine seufzte.
"Und der Herzog vollends", fuhr er fort, "der lebt wie der Vogel im Hanfsamen. Er ist grad so alt wie ich, hab ich mir in Stuttgart sagen lassen. 's ist doch eine konfuse Welt. Ich muss bei ihm einkommen und meine Minderjährigkeit wegsupplizieren, damit ich heiraten und ein Hauswesen führen kann: und er ist im