. "Aber ich bin mit mir selber nicht im klaren, wie's mit dem Amerika ist, ich weiss nicht, ob's Balken hat oder ob ich drin schwimmen kann. Wenn ich allein wär, ging ich schon; so aber lass ich's auf die Christine ankommen, weil ich selber nicht weiss, was besser ist."
"Da siehst du's: sie hängt wie ein Radschuh an dir und hindert dich überall am Fortkommen."
"Und wenn sie mir jetzt schon ganz verleidet wär – ich hab ihr mein Wort gegeben, und das halt ich ihr."
22
Heu und Frucht waren eingetan, und alles ging seinen gewöhnlichen gang, nur in Friedrichs Heiratsangelegenheit wollte keine Bewegung kommen. Alles, was er bisher getan hatte, um dieselbe ins Werk zu setzen, war wie ein Schlag ins wasser gewesen. Längst hatte er seine Supplik an die Regierung eingereicht und als Minderjähriger um Heiratserlaubnis gebeten. Damals war er sehr vergnügt von Göppingen zurückgekommen und hatte Christinen erzählt, der Vogt, dem er die Schrift zum Beibericht gebracht, habe ihm zwar scharfe Vermahnungen gegeben, aber den Ausspruch getan, wenn ein Bursche sein Mädchen ehrlich machen wolle, so müsse man ihn eher aufmuntern als abschrecken. Er hatte also nicht mit Unrecht darauf vertraut, dass die höhere Behörde sein Anliegen nicht aus dem engen Gesichtskreise der Fleckenregierung betrachten werde. Leider aber wurde der Vogt bald hernach auf ein anderes Oberamt versetzt, und sein Nachfolger liess die Schrift liegen. "Da braucht's nichts als Geld", sagte Friedrich, "man muss eben seine Schreiber schmieren, damit sie ihm die sache im Andenken erhalten; wenn nur das Geld nicht so rar wär!" Die Zeit rückte immer näher, wo sein Kind unehlich zur Welt kommen sollte, um nach der herrschenden Meinung sein Leben lang einen Makel zu behalten, und Christine jammerte darüber so, dass sie oft mit ihren Klagen seine eigene Verzweiflung betäubte. Ihr Vater war bettlägerig geworden; zwar verdienten seine herangewachsenen Söhne über die Sommerszeit durch Taglohn so viel ins Haus, dass er nicht wie früher bei dem Pfarrer um Unterstützungen nachsuchen musste, aber bei jedem Bissen liess sich die Armut mitschmecken, und Christine, die nach dem ordnungsmässigen gang der Dinge, statt dem elterlichen Hauswesen zur Last zu fallen, einem eigenen hätte vorstehen sollen, wurde von den Ihrigen scheel angesehen. Sie machte sich ihnen schon dadurch als eine Bürde fühlbar, dass sie durch arbeiten wenig und zuletzt nichts mehr zur Erhaltung der Familie, der sie doch zehren half, beitragen konnte. Macht man ja doch nicht bloss in jenen Kreisen des Lebens, welchen man das Vorrecht der Roheit zugesteht, die Erfahrung, dass die Not die Zarteit der Gesinnungen leicht verwischt und der gefährlichste Prüfstein für alle Liebe und Freundschaft ist. Christine hatte ein Recht, ihr Elend am Halse des einzigen auszuweinen, der ihr zu Trost und Hilfe verpflichtet war, und sie machte von diesem Rechte fleissigen Gebrauch; auch war es natürlich, dass die Beschwerden eines Zustandes, der selbst eine im Schosse des ungetrübten Glückes lebende Frau zur Schwermut reizen kann, das oft von den notwendigsten Hilfsmitteln entblösste Mädchen masslos unglücklich machten. All dieser Jammer stürmte auf Friedrich herein, der dem Gefühle seiner Hilflosigkeit bald in stumpfem Hinbrüten, bald in Ausbrüchen einer wahnsinnigen Wut gegen die herzlose Zähigkeit der Welt den Lauf liess. Auf den Schwager, dem er einst vertraut hatte, konnte er schon längst nicht mehr rechnen; derselbe hatte sich von ihm losgeschält und ihm erklärt, er wolle es nicht durch Parteimachen für eine Sache, die er von Anfang an getadelt, mit seinem Schwiegervater verderben, auch hatte er seiner Frau untersagt, sich ihres Bruders ferner anzunehmen.
Um diese Zeit lief die Sonnenwirtin eines Tages ins Amtaus, um der Amtmännin zu erzählen, dass ihre älteste Tochter, die Krämerin, wenn der Herr Amtmann sie nur vernehmen wollte, Greueldinge von dem ungeratenen Bösewicht aussagen könnte. Der Amtmann versammelte, von seiner Frau angetrieben, seine beiden Urkundspersonen und liess die Krämerin rufen, welche weinend vor ihm erschien. "Ihr Bruder", gab sie zu Protokoll, "habe drei Gulden gefordert, damit er sein Memorial und Bericht zu Göppingen bekomme. Darauf habe sie ihm gesagt, sie wolle nicht zum Vater gehen, weil sie wisse, dass er sich bloss darüber erzürne; er solle seinen Pfleger schicken. Nun habe er aber angefangen zu toben: er sehe wohl, dass er's verloren habe, morgen wolle er einen Rausch trinken und sein Messer schleifen, in seines Vaters Haus hingehen und das Geld fordern, und wenn er's nicht gebe, ihn niederstechen, und wenn seine Mutter etwas sage, ihr's auch so machen. Dann habe er Geld genug und nehme alles, was vorhanden sei. Dieses alles habe er mit einem recht unmenschlichen und bestialischen Grimm und Eifer ausgesprochen; das Donnerwetter solle ihn in die Ewigkeit hinüberschlagen, wenn er das nicht tue; weshalb ihr so angst geworden, dass sie nicht ruhig habe zum heiligen Abendmahl gehen können."
Nachdem der Amtmann das Protokoll aufgenommen und die Angeberin entlassen hatte, sagte einer der beiden Gerichtsbeisitzer: "Es wird doch nötig sein, dass man den Frieder auch verhört."
"Wozu?" versetzte der Amtmann. "Ich weiss schon zum voraus, was der sagen würde, der Advokat. Ich schicke eben einfach den Bericht nach Göppingen, und wenn von dort wieder nichts