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Reden wider ihn ausstösst und den kindlichen Respekt ganz hintansetzt? Aber freilich, Er macht's der Obrigkeit auch nicht besser, Er sagt ja, wenn Er Geld habe, so brauche Er keinen Pfarrer und keinen Amtmann, um Seinen Kopf durchzusetzen."

Friedrich warf einen blick ingrimmiger Verachtung auf den Pfarrer. "Der Herr Amtmann", sagte er, "wird wohl wissen, dass seine Macht nicht über die ganze Welt reicht und dass auch noch eine Obrigkeit über ihm ist. Was aber Sie, Herr Pfarrer, anbelangt, so haben Sie meinem Schwäh'rvater mit Drohungen das Versprechen abgepresst, dass er seiner Tochter und mir die Einwilligung verweigere. Sie nennen das, was zwischen zwei jungen Leuten vorgeht, die einander lieb haben, eine böse Tat. Ist ein Seelsorger nicht dazu da, dass er böse Taten in der Gemeinde gutmachen hilft? Ist er nicht dazu da, dass er die Gefallenen wieder aufrichtet? Ist er nicht dazu da, dass er den unterstützt, der den guten Willen hat, das Geschehene ungeschehen oder doch wenigstens wett- und ebenzumachen? Sie wissen von Amts wegen, dass ich geschworen hab, meiner Christine mein Wort zu halten und sie zu heiraten, und Sie wollen dahin arbeiten, dass ein Schaf aus Ihrer Herde mit Gewalt meineidig gemacht werden soll? Sie schärfen von der Kanzel und in der Kinderlehre die Pflichten zwischen Eltern und Kindern ein, und Sie muten einem Vater zu, dass er seine Tochter soll zur ** werden lassen?"

Er wollte fortfahren, aber der allgemeine Tumult übertäubte ihn. Mit Ausnahme des Amtmanns, der behaglich sitzen blieb, war der ganze Konvent aufgestanden und donnerte auf den frechen Redner hinein. Besonders heftig eiferte der Pfarrer, dessen kleine, magere Gestalt sich seltsam von dem wohlbeleibten Umfange seines weltlichen Mitbeamten neben ihm unterschied. Da er in dem Geschrei der übrigen Mitglieder, welche ihn gegen die Lästerungen des Angeklagten in Schutz nehmen zu müssen glaubten, mit seiner stimme nicht durchdringen konnte, so setzte er sich schnell wieder, ergriff die Feder und schien sich heftig schreibend im Protokoll Recht verschaffen zu wollen.

Als der Tumult verstummte, sagte der Amtmann zum Pfarrer: "Haben Sie auch im Protokoll angemerkt, Herr Pfarrer, wie rechtfertig er ist?"

"Jawohl, Herr Amtmann", antwortete der Pfarrer mit grosser Befriedigung und zeigte ihm das Protokoll. "Sehen Sie, hier steht's schon geschrieben: 'Bei aller seiner äussersten Bosheit will er immer noch recht haben.'"

"Ich hoff, es ist noch eine Gerechtigkeit über uns", versetzte Friedrich. "Ebersbach ist noch nicht die Welt, ich will mich schon vor dem Herrn Vogt und Spezial verantworten, Euer Protokoll und Bericht, Ihr Herren, ist nicht nötig."

"Schweig Er nur jetzt still", sagte der Amtmann ruhig. "Sein Mass wird nachgerade ziemlich voll sein. übrigens bin ich der Meinung, Herr Pfarrer, dass der Kläger zum Schluss aufgefordert werden solle, zu erklären, ob er denn seinen Konsens zu der Heirat noch nicht geben wolle."

"Jawohl", sagte der Pfarrer, "die Frage ist der Form wegen notwendig, und ich stelle sie hiermit an den Herrn Sonnenwirt."

Der Sonnenwirt war bestürzt darüber, dass die beiden Vorgesetzten, deren Ansichten er doch hauptsächlich bis jetzt gefolgt war, sich gegen ihn einer Fragestellung bedienten, die ihn gleichsam im Stiche liess. Er kratzte sich hinter dem Ohr und stotterte endlich: "Ich weiss nicht, was ich tun soll, ich sehe eben nichts anderes voraus, als dass es sein Verderben ist."

"Gut", sagte der Pfarrer. "Es können nunmehr beide abtreten, und wird das alles ans Oberamt berichtet werden."

Vater und Sohn gingen miteinander vom rataus fort und nach haus, ohne unterwegs ein Wort miteinander zu reden.

Sie waren nicht mehr weit von der 'Sonne' entfernt, als eine stimme über ihnen rief: "Herr Sonnenwirt, schämt er sich nicht, Seinen Sohn vor Kirchenkonvent zu verklagen, wo die alten Weiber hinlaufen?"

Sie blickten in die Höhe. Es war der Invalide, der sich seit langer Zeit zum erstenmal wieder am Fenster sehen liess.

"Auch wieder einmal unters Gewehr getreten?" rief Friedrich hinauf.

"Und Er", sagte der Invalide zu ihm, "hätt's auch nicht so weit kommen lassen sollen. Ich hab's Ihm schon einmal gesagt."

"Damals war's schon zu spät", lachte Friedrich. "Auf Wiedersehen!"

Sein Vater war, ohne dem Invaliden zu antworten, vorausgegangen. Unter der Haustüre wartete er auf ihn. "Willst du dein Mütterlich's nehmen und nach Amerika gehen?" sagte er zu ihm.

"Ich will mit meiner Christine drüber reden", antwortete Friedrich und machte sich unverweilt auf den Weg.

Nach einer halben Stunde kam er heim und brachte die Antwort. "Sie will nicht", sagte er, "sie erklärt, sie wolle sich in Ebersbach nicht nachsagen lassen, sie habe so unrechte Dinge getan, dass sie habe nach Amerika gehen müssen, wo bloss die schlechten Leute hinwandern. Ihr Wahlspruch sei: bleibe im land und nähre dich redlich."

"Es steht geschrieben, das Weib soll dem Mann folgen", sagte der Sonnenwirt.

"Das müsst sie auch, wenn mir's Ernst wär", erwiderte Friedrich