oder wenigstens unschädlich zu machen vermag. Gibt es ja doch Eltern, die noch immer über die Heirat eines Kindes brummen, während sie schon die Enkel auf den Armen tragen. Aber die Sonnenwirtin war mit Aufbietung aller ihrer Mittel bemüht, die mildernde Kraft der Zeit und der vollendeten Tatsache zu bekämpfen und keine gelindere Wendung des Zwiespaltes aufkommen zu lassen. Man konnte darüber streiten, ob ihre Stelle – denn sie galt in ihrer Umgebung für eine vorzügliche Wirtin – von Christinen jemals würdig ausgefüllt werden könne, ein Zweifel, der sie wenig kümmerte, ausser insofern sie ihn als ein Mittel gegen diese Heirat brauchen konnte; was jedoch für sie als unzweifelhaft feststand, war die Gewissheit, dass sie sich mit dieser Schwiegertochter nimmermehr vertragen würde. Sie war in ihrer Verfolgung gegen sie zu weit und zu offenkundig vorgegangen, als dass sie, nach ihrer Sinnesart, eine Versöhnung je für möglich halten konnte. Nach menschlicher Berechnung musste sie dereinst ihren Mann geraume Zeit überleben, und wenn sie jetzt diese Heirat seines Sohnes gütlich oder durch Ertrotzung zustande kommen liess, so glaubte sie, da der Sonnenwirt dann nicht leicht zur Abfassung eines seinem Sohne feindseligen Testamentes zu bringen war, voraussehen zu müssen, dass ihr nach seinem Tod das Schicksal bevorstehen würde, von dem jungen Paare aus dem haus getrieben oder, was noch schlimmer, im haus mit Füssen getreten zu werden. Friedrich konnte ihr vielleicht vergeben, Christine aber nie; diese Überzeugung musste sie deshalb hegen, weil sie sich sagte, dass sie an Christinens Stelle ebenso handeln würde. So trieb sie denn täglich den Keil tiefer, um das Band zu sprengen oder gar die Enterbung des Stiefsohnes durchzusetzen. Sie ging oft ins Pfarrhaus und Amtaus, um dort die herrschende Ungunst zu schüren und dann ihrem für Eindrücke von oben empfänglichen mann wieder zu berichten, was man daselbst über die ungleiche Partie spreche; auch war sie nicht sparsam, ihm Drohungen und Schmähungen, die sein Sohn ausgestossen, anmassende und verletzende Reden, die Christine geführt haben sollte, zuzutragen. Hierbei war ihr der Fischer, der sie fleissig mit der faulen Ware seiner Berichte versorgte, von grossem Nutzen, und er selbst zog aus dem Familienzerwürfnis nicht geringen Gewinn.
Da die Sonnenwirtin sowohl ihren Mann als seinen Sohn sehr genau kannte, so wusste sie auch bessere Regungen, die eine endliche Ausgleichung des Zwistes hätten herbeiführen können, zu ihren Zwecken auszubeuten. So war es ihr gar nicht unwillkommen, als ihr Mann eines Tages zu ihr sagte: "Es ist mir doch nicht lieb, dass er mich drum ansieht, als ob ich ihm sein Mütterlich's vorentalten wollt. Wenn der dumm Bub absolut in sein Unglück rennen will, so weiss ich am ende nicht, ob ich ihn halten soll. Es ist mir nur um die 'Sonne' Ich hab mich eben in Gedanken ganz drein hineingelebt, dass er einmal eine Postalterserbin heiratet und die 'Sonne' vollends recht in Flor bringt."
"Sie werden sich um ihn reissen", bemerkte sie, "er ist ein guter Brocken, verschreit wie er ist."
"Ach was!" entgegnete er, "das wär bald vergessen, wenn er nur einmal nicht mehr so üherzwerch wär. Aber ich geb allmählich die Hoffnung auf, dass er wird wie ein anderer Mensch. Er hat eben gar keine Ehr im Leib. So einem Lumpenmensch zulieb auf sein Eigentum verzichten wollen und eine Zukunft in die Schanz schlagen, um die ein anderer tausend Stunden weit auf'm Kopf lief – ich kann's nicht begreifen. Aber wenn er mit Gewalt vom Herren zum Knecht werden will, so kann ich ihn nicht anders machen. Des Menschen Will ist sein Himmelreich."
"Ja", sagte sie, "man kann freilich am ende nicht wissen, was unser Herrgott mit ihm vorhat. Was einmal Gottes Will ist, da kann man nicht wider den Stachel lecken. Und wenn er nun einmal durchaus drauf versessen ist, sich mit seinem Mütterlichen abfinden zu lassen, wie er sagt, und dir und andern als Knecht zu dienen, unter der Bedingung, dass du ihm seine herzige Hirschkuh gibst, so wär grad jetzt eine gute gelegenheit vorhanden, wo man sie miteinander hineinsetzen könnt. Du weisst ja, des Küblers Häusle will kein Mensch, und sein Weib sitzt im Elend da und tät's schier umsonst hergeben."
"Ja, die hat auch nicht geruht, bis sie ihn unter dem Boden gehabt hat, und jetzt hat sie das Nachsehen. Das Häusle, ja, das wär freilich billig zu haben, sie wird noch lang vergeblich auf einen Käufer warten, und das wasser geht ihr an den Hals. Aber meinst du, er werde keinen Abscheu davor haben? Das Haus ist doch arg verschrien, neben dem, dass es klein und schlecht ist."
"Was, der? Das ist ja ein Aufgeklärter. Der macht sich nichts draus, und wenn der Teufel selber drin gehauset hätt."
Friedrich schien auch anfangs mit dem Vorschlage nicht unzufrieden zu sein, als er, wie dies in solchen Fällen häufig geschieht, aus dem mund der Nachbarsleute erfuhr, mit welchem Gedanken sein Vater umgehe. Aber eine Unterredung mit Christinen änderte seinen Sinn.
"So!" rief sie, als er ihr den Plan mitgeteilt, "ich soll in ein Haus ziehen, wo sich einer den Hals abgeschnitten hat und als Geist laufen muss!"
"Dummes Geschwätz