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werdend.

"Es wär mir nicht lieb, wenn sie vor dem ganzen Flecken Strafarbeit verrichten müsst –"

"Wer fragt denn darnach, ob's Ihm lieb ist oder nicht?"

"Und zudem, Herr Amtmann, sind das keine herrschaftlichen Geschäfte."

Der Amtmann richtete sich hoch auf, und sein sonst gutmütiges Gesicht nahm einen bösartigen Ausdruck an. "Ich glaube, Er will den Advokaten machen!" sagte er.

"In d e m Punkt wär ich nicht ganz untauglich dazu", antwortete Friedrich. "Es gibt nichts in der Welt, Herr Amtmann, das nicht seine gute Seite hätte. So auch das Zuchtaus. Dort bin ich mit einem zusammengewesen, der hat mir erzählt, ein Amtmann habe ihn, wie er einmal zum Schellenwerken verurteilt gewesen sei, statt dessen in seinen eigenen Privatgeschäften arbeiten lassen; es sei jedoch herausgekommen, und man habe ihn, was ihm übrigens nicht willkommen gewesen sei, zu öffentlichen arbeiten abgeführt, der Amtmann aber" – hierbei sah er dem Amtmann scharf in die Augen – "sei um zwanzig Reichstaler gestraft worden."

Der Amtmann wurde blaurot im Gesicht, so dass man bei seiner nicht eben magern Gestalt einen Augenblick einen gefährlichen Anfall befürchten konnte. Es ging aber vorüber, und er sagte verächtlich: "Ihm, einem Züchtling, einem vielfältigen Facinoroso, wird man viel Glauben schenken, wenn Er etwas wider mich vorbringen will."

"Der Herr Amtmann", erwiderte Friedrich, "vergisst, dass ich nicht allein darum weiss."

"Es ist wahr", versetzte der Amtmann, "ich habe aus gutem Herzen dem alten Müller angeboten, seine Tochter die Strafe auf eine leichte und gelinde Art abbüssen zu lassen. Dabei war es nicht sowohl mein als meiner Frau Gedanke, sie in unserer Privatökonomie nebenher zu beschäftigen; es ist aber nicht mit einem Wort die Rede davon gewesen, dass sie das im Strafwege tun solle, sondern sie hätte Geld dabei von uns verdient, das wir jetzt Würdigeren zukommen lassen werden. Die Amtsgeschäfte aber, die ich ihr zur Abverdienung ihrer Strafe habe auferlegen wollen, sind allerdings herrschaftliche Geschäfte. Doch darüber brauche ich mit Ihm nicht zu streiten. Das Gesindel ist nicht wert, dass man humane Absichten mit ihm hat. Sein Weibsbild kommt jetzt nach Ludwigsburg in den Herrschaftsgarten, muss dort sechs Wochen lang arbeiten, wird mit wasser und Brot gespeist, was sie jedoch abermals abverdienen muss, nachts ins Blockhaus eingeschlossen, damit sie nicht dem Bettel und der Liederlichkeit nachziehen kann, und ausserdem muss sie den von neuem wieder eingeführten ** karren ziehen. Das hat Er mit Seiner ritterlichen Protektion für sie herausgeschlagen."

"Es ist mir immer noch lieber, als wenn sie vor dem ganzen Flecken Strafarbeit verrichten soll", erwiderte Friedrich trotzig. "Was in Ludwigsburg vorgeht, sieht man in Ebersbach nicht. übrigens hat ihr Vater doch noch Freund, dass er vielleicht die Straf in Geld aufbringen kann. Und auch in dem Punkt bin ich wieder ein Advokat: Ich weiss, dass der Herr Amtmann das Geld nicht zurückweisen darf, weil er für das fürstliche Interesse besorgt sein muss."

"Es steht aber bei mir, wie lange ich zusehen will", entgegnete der Amtmann. "Meine Nachsicht wird nicht lange dauern. Und nun sorg Er, dass Er mir aus den Augen kommt. Es geht mir wie meiner Frau mit Ihm. Lass Er sich nicht wieder im Amtaus betreten, ohne dass ich Ihn verlangt habe."

Den andern Abend spät erschien Friedrich beinahe atemlos in der stube des Hirschbauern. "Hier ist das Geld für die Straf", sagte er, die blanken Münzen auf den Tisch legend.

"Wie kommt Er zu dem Geld?" fragte der Hirschbauer, "sein Vater hat's Ihm gewiss nicht gegeben."

"Nein", antwortete Friedrich, "aber ich hab's auf eine Art erworben, dass ich's verantworten kann, das heisst, zwischen mir und dem, von dem ich's hab, ist offene, ehrliche sache."

Er war nicht zum Geständnis zu bewegen, wie er zu dem Gelde gekommen sei, sondern wiederholte beharrlich seine vorige Versicherung, schärfte jedoch dem Hirschbauer ein, er solle, wenn der Amtmann frage, nicht angeben, von wem er das Geld habe, weil das nur neue Weitläufigkeiten zur Folge haben würde; er solle sagen, es sei ein für den äussersten Notfall gespartes Schatzgeld oder was ihm sonst Gescheites einfalle.

Als der Hirschbauer aus dem Amtause zurückkam, erzählte er mit bedenklicher Miene, der Amtmann habe das Geld zwar genommen, dabei aber bemerkt, das sei ein bedenklicher Reichtum, nach dessen Quelle er bei gelegenheit forschen wolle.

21

Von der 'Sonne' war aller Friede und alle Freude gewichen. Beinahe täglich gab es zwischen Vater und Sohn stachlige Reden, Wortwechsel, Geschrei und heftige Auftritte, und wenn Handlungen vermieden wurden, die das letzte Band der Liebe in einer Familie zerreissen, so kam dies bloss daher, dass der Sonnenwirt die entschiedene Erklärung seines Sohnes, ein herabwürdigendes Schimpfwort gegen Christinen werde ihn zu den äussersten Schritten treiben, sich zu Herzen genommen hatte. Auch würde er der achtung, welche der Mann dem mann durch unbeugsames Beharren auf seinem Willen und seiner Wahl einflösst, schwerlich in die Länge widerstanden und vielleicht würde mit der Zeit seine mürrische Einsprache die Eigenschaft einer jener unangenehmen Gewohnheiten angenommen haben, die man auszurotten