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Gange schien, bestärkte ihn in dem Glauben, dass die himmlischen Mächte ob dieser Liebe nicht zürnten. Er trat aufrecht wie ein Sieger neben Christinen einher, die mit niedergeschlagenen Augen an seiner Seite ging, und die Leute, die ihnen begegneten, machten zwar verwunderte Gesichter, wagten aber doch erst, nachdem das Paar vorüber war, die Köpfe zusammenzustecken und einander ihre spöttischen Bemerkungen mitzuteilen. Am rataus liess er ihren Arm los: "So, jetzt musst dein' Strauss allein ausfechten", sagte er, "aber wenn ich gleich nicht dabei sein darf, so hab nur guten Mut, du weisst ja, dass ich nicht weit bin und dir nachher im Protokoll beispringen werde; hier unten will ich deiner warten." – "O Frieder, wie ist mir das Herz so schwer, und ich schäm mich so vor den Herren", erwiderte sie. – "Hätt fast was gesagt!" rief er und trieb sie die Treppe hinauf, "schämt sich eine Braut auch, zur Hochzeit zu gehen? Sei du froh, dass wir endlich einmal wenigstens im Kirchenkonventsprotokoll miteinander kopuliert werden!"

Er wartete lange unter dem rataus. Da er sich den neugierigen Blicken der Pfarrerin ausgesetzt sah, die von ihrem Fenster auf ihn herabschaute, so wechselte er seinen Standort, doch so, dass er immer die tür des Ratauses im Auge behielt. Allein er musste von manchem Vorübergehenden neugierige fragen aushalten, denn auf dem land steht man nicht ungestraft an einer Ecke ruhig still, und beinahe hatte er die Geduld verloren, als nach einer vollen Stunde Christine auf der Ratausstaffel erschien und sich nach ihm umsah. Er winkte ihr. "Du hast aber lang gemacht", sagte er verdriesslich, "ich glaube, du hast alles, was sich seit deiner eigenen Geburt zugetragen hat, gebeichtet." – "Was kann denn ich dafür?" erwiderte sie. "Halt dich nur parat, der Büttel folgt mir auf'm Fuss, ich hab's noch gehört, wie er Befehl erhalten hat, dich vorzuladen." – "Wart am Bach drüben auf mich", sagte er, "da gehen nicht so viel leute." – Sie eilte von ihm weg, froh, aus der Nähe des Ratauses zu entkommen. Kaum war sie verschwunden, so kam der Schütz heraus und winkte ihm. "Er erspart mir einen gang", sagte er. – "Und einen Schoppen?" lachte Friedrich. – "In der, 'Sonne'", erwiderte der Schütz grinsend, "hätt ich, schätz wohl, heute keinen bekommen, das Geschäft trägt's nicht aus. übrigens ist hier keine Zeit nicht zu verlieren, Er ist vor löbliches Kirchenkonvent zitiert und hat ohne Aufentalt zu erscheinen." – "Das kann geschehen", erwiderte Friedrich und ging die Treppe hinauf.

Als er an der tür des Ratauszimmers auf sein klopfen keine Antwort erhielt, trat er mutig ein und wünschte einen guten Morgen, blieb jedoch an der tür stehen. An dem Tische mit geschweiften Füssen, über welchem ein neugemaltes Bild der Justitia hing, sass der Pfarrer obenan, neben ihm der Amtmann, dann der Anwalt, der als Untergeordneter des Amtmanns die Schulzenstelle versah, nach diesem ein Mitglied des Gemeindegerichts und zuletzt der Heiligenpfleger. Diese zusammen bildeten das gemischte Kollegium der Kirchenzensur, dessen vorherrschend geistlicher Charakter, ungeachtet der weltlichen Beimischung, in seinem Namen und im Vorsitze des Pfarrers zu erkennen ist. Das Magistratsmitglied, das über dem Heiligenpfleger sass, blickte den Eintretenden besonders finster an: es war sein Vormund, der sich nicht wenig schämte, seinen Pflegesohn unter solchen Umständen im Verhör zu erblicken. Der Pfarrer räusperte sich. "Tret Er näher daher", sagte er. Friedrich trat einige Schritte vor. "Es ist mir", begann der Pfarrer, "von christlich denkenden Leuten, welchen Ärgernis in der Gemeinde leid ist, fürgebracht worden, wie dass die Christina, des Hans Jerg Müllers, bauern, Tochter, im Geschrei sei, dass sie mit einem kind gehe. Als sie daher vor dieses löbliche Zensurgericht fürgeladen worden, hat sie ihre Schwangerschaft nicht leugnen können, und auf Befragen, mit wem sie sich göttlichen und menschlichen Gesetzen zum Trotz vergangen, hat sie Ihn als Vater zu ihrem Kind angegeben. Ist das wahr?"

"Ja, Herr Pfarrer und ihr Herren Richter!" sagte Friedrich mit fester stimme, so dass alle einander betroffen ansahen und dann mit Abscheu auf den jungen Menschen blickten, der mit einem so unerhörten Tone seine Schuld bekannte. Die Freudigkeit, die aus seiner stimme klang, wurde von diesen Männern, die in den herkömmlichen Bräuchen und Sitten aufgewachsen waren, als eine schamlose Frechheit angesehen.

"Hat Er keinen Verdacht", fuhr der Pfarrer fort, "dass sie vielleicht noch mit andern Burschen zugehalten hat?"

"Nein, Herr Pfarrer, das hat meine Christine nicht getan."

"S e i n e Christine!" sagte Friedrichs Vormund unwillig und höhnisch zum Heiligenpfleger.

"Sie gibt an", fuhr der Pfarrer fort, "Er habe ihr die Ehe versprochen. Ist das wahr?"

"Ja, Herr Pfarrer, und mit heiligen Eiden."

"Saubere Eide!" sagte der Pfarrer und las aus dem vor ihm liegenden Protokoll: "'Er habe ihr die Ehe mit vielen Verpflichtungen versprochen; wenn er sie nicht behalte, so solle