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morgen vor Kirchenkonvent, Christine, und gibst alles an, wie's wahr ist, und sagst unverhohlen, ich sei der Vater zu dem Kind, das du unterm Herzen trägst. Heulet doch nicht so", wandte er sich zu der Alten, die bei diesen Worten wieder in ein lautes Geschrei ausbrach, "das ist eine natürliche sache, wer A gesagt hat, muss auch B sagen, und mich wundert's nur, dass die leute noch so ein Zetermordio drüber verführen können, da es doch so oft und allerorten vorkommt. Es ist nur, bis das Kränzle verschmerzt ist. Sehet einmal die Kinder an, die das Kyrie nicht abgewartet haben, und vergleichet sie mit den andern, die rechtmässig kommen sind. Ist ein Unterschied zwischen ihnen? Und macht man noch einen Unterschied zwischen einer Frau, die vor zehn, zwanzig Jahren am Mittwoch hat vor dem Altar stehen müssen, und einer, die ihr Kränzlein in Ehren, wie sie's heissen, vor den Menschen, aber vielleicht nicht vor Gott getragen hat? Wenn einmal Gras drüber gewachsen ist, so verzollt jedermann die ein für so gut wie die ander, und denkt keine mehr dran; ja, es ist schon oft genug vorkommen, dass eine, statt an ihre Vergangenheit zurückzudenken, ihre jüngeren Leidensschwestern aufs bitterste verfolgt hat, und ist noch liebloser mit ihnen umgangen, als eine, der man nichts hat vorwerfen können. So darfst du's einmal nicht machen, Christine, sonst halt ich dir einen Spiegel vor, in dem du etwas schauen kannst, was dir solch ein unchristlich's Betragen verbieten soll."

"Er ist doch ein sündhafter Mensch", sagte der Hirschbauer, den übrigens Friedrichs Reden sichtlich aufgerichtet hatten. Die Alte aber verharrte in ihrer Trostlosigkeit und schalt ihn heftig, dass er es mit einer so wichtigen Sache, wie das Ehrenkränzlein, so leichtfertig nehme.

"Von wem hab ich das gelernt?" entgegnete er. "Bei armen Leuten freilich, die das Strafgeld nicht aufbringen können, ist's etwas Wichtig's, weil sie dann einen Schimpf auf sich nehmen müssen, der nicht so bald wieder von ihnen abgeht. Von den Vermöglicheren aber steckt die herrschaft das Geld dafür ein, und was ich mit Geld bezahlen kann, das kann ich doch nicht so schwer nehmen. Jetzt saget selber, wer handelt und redet leichtfertig, die Herren oder ich?"

"Ja, wenn mein Kind schellenwerken müsst", sagte der Bauer, "das tat mich vollends unter den Boden bringen."

"dafür bin ich noch da", versetzte Friedrich. "Ihr werdet doch nicht glauben, solang ich noch einen Kreuzer hab, werde ich's zulassen, dass mein künftig's Weib die Straf mit dem Karren abverdienen muss."

"Wenn Er nur auch auf Seinem Sinn bleibt!" seufzte die Alte, die sich nach und nach gleichfalls ein wenig zufrieden gab.

Er tat seine reiche Schatzkammer von Schwüren und Beteuerungen auf und spendete nicht karg daraus. Sein zuversichtliches Wesen beruhigte die Familie allmählich, wie seine Erscheinung Christinen schon längst beruhigt hatte. Ungescheut zog er sie zu sich nieder und sass am Tische, als ob er nach längerer Abwesenheit sich mit seinem weib auf Besuch bei den Schwiegereltern befände. Er liess Wein kommen und steckte mit Hilfe desselben alle durch seine muntere Laune an. Der alte Hirschbauer, wenn er auch noch von Zeit zu Zeit den Kopf schüttelte, liess sich doch durch seine unbefangene Art, die Dinge anzusehen und anzufassen, einmal übers andere zum Lächeln bringen; die beiden Söhne aber, durch Friedrichs herzhaftes Auftreten ganz und gar gewonnen, erfüllten die stube mit Gelächter über die lustigen Einfälle, die er zum besten gab. Die Bäuerin, nachdem sie den peinlichen teil des Gesprächs einmal überstanden und hinter sich liegen hatte, suchte ihre Neugier zu befriedigen und liess sich von seiner weiten Reise erzählen, wobei der kleine Wollkopf an seinen Lippen hing und mit aufgerissenem mund in die zunehmende Heiterkeit einstimmte, die er so wenig begriff, als er zuvor den Jammer begriffen hatte. Christine aber lehnte sich selig, und durch kein elterliches Verbot gestört, an ihren Liebsten an; es war ihr wie ein Traum, dass er ihrer Unglücksahnung zum Trotze so bald wieder zurückgekommen und dennoch so lange für sie nicht auf der Welt gewesen war. Jetzt aber war er ihr auf einmal wie ein Stern gerade in der schwärzesten Nacht aufgegangen, und sie vergass das Elend, das ihr vorhin so unübersehbar gedeucht hatte, vergass, dass sie morgen vor dem geistlichen Gericht erscheinen sollte, um sich zu verantworten wegen der Missetat, die sie aus Liebe zu ihm begangen hatte.

18

Morgens in aller Frühe war Friedrich schon wieder bei Christinen, um ihr die Stunden der Angst bis zu dem Gange, den sie diesen Vormittag anzutreten hatte, zu vertreiben, noch mehr aber, um vor der öffentlichen Erklärung, welche er zu geben beabsichtigte, jeder Unterredung mit seinem Vater auszuweichen, der wirklich zu glauben schien, er werde, in den Lauf der Welt sich fügend und von der Unmöglichkeit einer anderen Handlungsweise übermannt, sein Mädchen die ganze Verantwortlichkeit für das Geschehene allein tragen lassen.

Die gefürchtete Stunde war endlich angebrochen. Er nahm Christinen an der Hand und führte sie mit tröstlichen Worten von ihren Eltern fort. Arm in Arm ging er mit ihr durch den Flecken, und die lachende Frühlingssonne, die zu dem