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ihm denn ausrichten?"

"Ach, Bas, Ihr machet mir das Herz schwer. Es wird doch so schlimm nicht sein."

"Wie Gott will. Wo soll sich der Jerg einfinden?"

"Man passt mir auf jedem Schlich auf. Saget meinem Schwager und vergesset ja nicht, ihn so zu heissen, morgen um Vesperzeit oder etwas später, wenn der Tag sich neigt, woll ich ihn unter den Linden an der Schiessmauer treffen. Den Grund, warum ich nicht zu ihm ins Haus kommen kann, und alles andere will ich ihm mündlich sagen."

"Kann mir's schon denken. Es soll pünktlich ausgerichtet werden. heute abend muss er noch zu mir kommen."

Hierauf erzählte er ihr, wie seine Reise abgelaufen und unter welcher Bedingung er in sein väterliches Haus zurückgekehrt sei. Dann sprach er ihr von den Vorsätzen, an welchen er gleichwohl in betreff seiner Liebsten festalten werde, unterbrach sich aber bald mit den Worten: "Ich sehe wohl, Ihr habt Ruh nötig, und ich darf nicht lang ausbleiben. Gott tröst Euch, Bas, ich dank vielmals für die Freundschaft und will bald wieder nach Euch sehen."

Die beiden Schwäger, wie sie sich nannten, begrüssten sich den folgenden Abend an dem verabredeten Orte aufs herzlichste. – "Wir haben schon gewusst, dass du wieder da bist aus der Welt", sagte Christinens Bruder, der nach Bauernart nicht sogleich den eigentlichen Zweck der Zusammenkunft berührte. "Das Christinele hat vor Freuden geweint. Jetzt sag mir nur auch, wie ist's dir denn gangen da draussen?"

"So so, la la", antwortete Friedrich. "Die leute wären schon recht, aber 's ist eben alles ganz anders als bei uns. Da schnurrt jedermann nur so an einem vorbei und lässt einem das Nachsehen; und wenn einer so im Vorbeischiessen was an dich hinwelscht, – bis dir eine Antwort eingefallen ist, ist der schon über alle Berg. Dann können sie doch auch wieder recht gesellschaftlich sein, sonderlich die in Sachsenhausen; und wenn sie dich gern haben, so geben sie dir die gröbsten Schimpfreden, über die's bei uns zu Mordhändeln käm. Bei ihnen aber ist das aus Freundschaft gered't, und wenn sie dich ein schlechts Luder heissen, so ist das lauter Liebe und Güte. Die in Frankfort, die auch viel rüber kommen sind, und wir zu ihnen nüber, die sind feiner, aber sie hänseln und föppeln einen gern, und in ihrer schnellen, spitzigen Sprach kann dir das in die Nas fahren wie ein Pfeil. Wiewohl, ich bin ihnen auch nichts schuldig blieben. Einmal haben sie mich gefragt, wie man denn im Schwabenland die HolderküchleHolderküchelche sagen siemacht. Ich hab aber gleich gemerkt, dass sie bloss ihren Spott mit mir treiben wollen, und hab ihnen erzählt, man mach das Feuer und den Teig grad unter dem Holderbaum an und zieh dann einen Zweig um den andern mit dem Blust nur in den Teig runter und lass wieder schnappen, dann hängen die Küchelche am Baum, wie wenn sie dran gewachsen wären."

Jerg lachte unmässig. "Wenn sie das glaubt haben, so müssen sie rechtschaffen dumm sein."

"Nein, dumm sind sie grad nicht. Sie haben eben arg drüber gelacht. Jetzt wollen wir aber von andern Dingen reden, Jerg, denn wir sind hier nicht zusammen kommen, dass ich dir Späss vormach, sondern mir ist's Ernst, und das bitterer. Sieh, ich bin noch ganz der nämlich gegen euch, wie da ich gangen bin, aber die sache ist ein wenig anders worden. Zuerst, und vor allem andern muss ich dir sagen, dass ich der Christine mein Wort halt, der Schein mag sein, wie er will."

"Das kannst ihr ja selber sagen, Frieder", sagte Jerg mit schlauem Lächeln.

"Nein, Jerg, das ist's ja eben. Sieh, ich will und muss dir's frei heraus bekennen, dass ich hab versprechen müssen, mit deiner Schwester weder mündlich noch schriftlich etwas zu haben."

"Das ist freilich ein ander Ding", sagte Jerg.

"Hör mich voraus. Wenn ich nichts mehr von ihr wollt, so hätt ich mir's ersparen können, mit dir zu reden; aber darum grad hab ich dich ja hieher bestellt, denn mit dir ist mir's nicht verboten."

"So rede, dass man weiss, wie man mit dir dran ist."

"Sieh, Jerg, wie ich die Stell bei meinem Vetter besetzt gefunden hab und ist meines Bleibens nicht gewesen, da ist mir die Welt auf einmal vorkommen wie ein gross wasser, in das ich gestossen bin und untergesunken bis an Hals. Ich hab auch die Welt erst kennenlernen und hab jetzt eingesehen, dass es nicht so leicht ist, in dem wasser zu schwimmen, als ich vorher gemeint hab, und hab keine gelegenheit hinausgelassen, mit verständigen Leuten drüber zu reden, die in der Welt herumgekommen sind. Sieh, überall ist alles zünftig, und da kann man nicht so hineinsitzen, wie man will. Das kann nur der, der ein Geschäft ererbt oder so viel Geld hat, um sich eins zu kaufen. Andere schlupfen hinein, indem sie eine Meisterstochter oder Witwe heiraten, und dabei muss man oft ein auge zudrucken