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verstossen", sagte der Sonnenwirt behaglich lachend; "das sieht man jedem Wort an, das er schreibt. Jetzt weiss er nimmer, wo aus und wo ein. Ja, ja, es ist eben ein ganz anders Leben da drunten als bei uns. Die leute sind dort viel alerter und aufgeweckter, und wenn auch bei manchem nicht viel dahinter ist, so ist's eben doch unsereinem, wie wenn er der Garnichts dagegen wär."

"Das glaube ich", sagte der Chirurg, "das kann solch einem trutzigen, stutzigen Schwabenkopf spanisch vorkommen."

"Ich bin ja selbst auch schon drunten gewesen", fuhr der Sonnenwirt fort. "Ja was! Bis unsereiner sich nur besinnt, was er sagen soll, haben die dem Teufel ein Ohr weggeschwätzt. Es mag sein, dass wir im Schreiben und sonst in mancherlei Solidität mehr sind als sie, wenigstens gibt man sich bei uns in der Schul mehr Müh, aber nachher müssen wir ihnen weit nachstehen, sie sind viel zu geschwind für uns. Mein Sohn ist gewiss keiner von den Langsamen im Geist, aber ich steh dafür und kann ganz ins Feuer sehen, dass sie ihm gleich über den Kopf gewachsen sind. Und dann machen sie gar keine Umständ, wie man's bei uns macht. Sie sind eigentlich doch auch wieder fadengrad wie wir, und noch mehr als wir. Bei uns, da tut man einen Besuch jeden Tag, den er da ist, gleichsam mit dem Seilstumpen anbinden, damit er ja sieht, dass man ihn nicht fortlassen will. Mein Bruder aber, der gar kein Schwab mehr ist und in dem Klima ganz die Art angenommen hat, wie die andern auch sind, der hat wahrscheinlich ein einzigs Mal gesagt: Du bist willkommen, Vetter, und bleib, solang du magst; und dann hat der Bub natürlich bald gemeint, man sei seiner überdrüssig, weil man's ihm nicht zehn-und zwanzigmal gesagt hat. Es hätt aber nichts zu sagen gehabt, denn wenn sie einen loswerden wollen, so wissen sie schon den Schnabel aufzutun. Nun, jetzt hat er auf einmal einsehen gelernt, dass die Welt grösser ist als sein Kopf, und kommt aus der Fremde wie der Schneck, wenn er die Hörner einzieht und wieder in sein Haus zurückgeht."

"Der Herr Vater ist also der Meinung, ihn wieder anzunehmen?" fragte der Chirurg.

"Was bleibt sonst übrig?" antwortete der Sonnenwirt. "Ich wüsst nicht, wo ich ihn in der Geschwindigkeit hinschicken sollt."

"Dann kann er gleich den alten Tanz wieder anfangen", sagte die Sonnenwirtin.

"D a f ü r kann man ihm tun", entgegnete er. "Eh er nicht ausdrücklich versprochen hat, dass er sich mit der person weder mündlich noch schriftlich mehr einlassen will, kommt er mir nicht ins Haus."

"Ich will ihm das nach Plochingen schreiben", erbot sich der Chirurg.

"Braucht nichts zu schreiben", versetzte der Sonnenwirt. "Zuerst muss man ja doch mit dem Amtmann reden, dass der seiner Heimkunft keine Schwierigkeit in den Weg legt, nachdem er nun einmal die Hand in der sache hat. Dann ist's überhaupt besser, man gibt dem Buben gar keine Antwort und lässt ihn zappeln, er wird dadurch nur um so mürber."

"Wart, du wirst eine schöne Rechnung vom Plochinger Bärenwirt kriegen", lachte die Sonnenwirtin.

"Ich hab ihn nicht heissen in den Plochinger Bären hinliegen."

"Irgendwo muss er aber doch sein", bemerkte die Frau des Chirurgen schüchtern.

"Warum ist er nicht gleich hierhergekommen?" entgegnete der Sonnenwirt. "Wenn ich ihn auch nicht ohne weiters angenommen hätt, so hätt man doch dafür sorgen können, dass er eine Weile wo unterkommen wär."

"Mir scheint's auch das nötigste, dass man sich zuerst mit dem Amt verständigt", sagte der Chirurg.

"Das übrige wird sich finden. Er hat Verwandte hier und in der Gegend und wird nicht im Bären bleiben, denn er weiss, dass das den Herrn Vater verdriessen muss."

"Wenn nur auch der Herr Amtmann seinen Konsens gibt", bemerkte der Krämer, der die notwendigkeit fühlte, im Familienrat endlich etwas, das einer eigenen Meinung glich, zu äussern.

"Es liegt ja nichts Sonderliches wider ihn vor", versetzte der Sonnenwirt.

"Wenn's dem Herrn Vater geliebt", sagte der Chirurg, "so bin ich erbötig, ins Amtaus mitzugehen. Ich muss nur erst einen andern Kittel anziehen, damit ich ein wenig amtsmässiger aussehe."

"Ja, wir wollen die sache lieber gleich abmachen", erwiderte der Sonnenwirt.

Als der Chirurg mit seiner Frau nach haus ging, um sich "amtsmässig" anzuziehen, sagte diese zu ihm: "Wenn du nichts dagegen hast, so will ich meinem Bruder nach Plochingen schreiben, will ihm auch etwas Geld schicken, dass er seine Rechnung dort zahlen kann, und will ihn nach Hattenhofen hinüber zum Vetter gehen heissen; der behält ihn schon etliche Zeit, und dort ist er auch mehr abseits, dass ihn nicht so viele Menschen sehen."

"Tu das meinetwegen", sagte ihr Mann.

Die beiden Männer gingen ins Amtaus und trugen dem Amtmann ihr Anliegen vor. Derselbe machte ein bedenkliches Gesicht und sagte: "Ich hätte rebus sic stantibus