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Ich hab nicht längere Weil gehabt; wann ich mich sehen darf lassen, so will ich mündlich mit Ihm reden. Er ist von mir viel tausendmal gegrüsst und schliesse ihn in die Vorsorg Gottes. Sein getreuer Schwager bis in den Tod."

"Es muss ein wenig konfus in seinem Kopf hergehen", fügte der Chirurg hinzu, "denn er lebt mit dem Datum noch im vorigen Jahr."

"Er kann eben in gar nichts ordentlich sein", bemerkte die Sonnenwirtin.

"Jetzt, was ist zu tun?" fragte der Chirurg.

Der Krämer, der nicht wieder die Missgriffe von neulich begehen wollte, half sich mit Achselzucken, Händereiben und Lächeln nach allen Seiten hin.

Die Sonnenwirtin sagte: "Entweder ist er der Landstreicherei obgelegen, hat sein Geld vertan und ist gar nicht bei dem Vetter gewesen, oder hat er drunten gleich zum Einstand schlechte Streich gemacht und ist wieder fortgejagt worden. Wenn sein Gewissen gut wär, tät er nicht so erbärmlich und so untertänig schreiben. Das ist sonst sein sache nicht."

"Soviel ist richtig", sagte der Sonnenwirt nach einigem Nachdenken, "dass der Gerichtsschreiber in Boll drüben einen Sohn in die Fremde geschickt hat, und das erst ganz kürzlich, denn ich hab's erst vor ein paar Tagen gehört, nur hab ich nicht sagen hören, wohin. Weil er aber allerdings zu unsrer Gefreundschaft gehört, und mein Bruder in Sachsenhausen also auch ein Vetter von ihm ist, so ist's wohl möglich, dass er ihn dortin getan hat; denn seine Buben sind dickköpfig und haben wenig Beruf für die Schreiberei."

"Es kommt natürlich alles darauf an, ob die Angabe wahr ist", bemerkte der Chirurg.

"Wenn's wahr ist", sagte der Sonnenwirt, "so müssen die beiden schier miteinander bei meinem Bruder drunten angekommen sein."

"Man muss eben hinunter schreiben", meinte Magdalene.

"Ja, aber was fangt man derweil mit dem Buben an, bis Antwort kommt?" fragte die Krämerin. "In Plochingen, von wo er schreibt, kann man ihn doch nicht liegenlassen, dass er dort eine rechte Zech hinmacht."

"Und wenn man ihn ohne weiters wieder ins Haus nimmt", sagte die Sonnenwirtin, "so setzt er sich fest und fangt das alt Lied wieder an und ist dann nicht mehr fortzubringen, wenn's auch zehnmal von Sachsenhausen kommt, dass all sein Vorgeben verlogen sei."

In diesem Augenblicke hörte man ein Postorn und gleich darauf den Knall einer Peitsche. "Der Postreiter hält vorm Haus, der Hausknecht soll ihm das Pferd halten", sagte der Sonnenwirt, der ans Fenster getreten war. Es freute ihn jedesmal, wenn Briefe für den Flecken in der 'Sonne' abgegeben wurden oder wenn Postpferde zur Einkehr genötigt waren, weil er den Beweis darauf zu gründen hoffte, dass eine Zwischenpost hier errichtet werden sollte. Nach einer Weile kam der Postknecht herein und überreichte ihm einen Brief: "An Herrn Hans Jerg Schwan zur löblichen Sonne in Eberspbach". Der Sonnenwirt befahl einen Schoppen und las den Brief bedächtig, während jener den Wein stehend trank; denn in seinen hohen, steifen Stiefeln würde ihm das Sitzen eine Arbeit gekostet haben, die sich für einen kurzen Aufentalt nicht verlohnte.

Der Sonnenwirt hatte den Brief erst zu Ende gelesen, als der Postknecht schon wieder zu Pferde sass und blasend gegen Göppingen weiter ritt. "Der Bub hat nicht gelogen", sagte er, "es verhält sich vielmehr alles so, wie er behauptet. Mein Bruder schreibt mir da, er hätt ihn gern behalten, aber er habe dem Gerichtsschreiber in Boll für dessen Sohn bereits zugesagt gehabt. Als Gast wär er ihm willkommen gewesen, solang er hätte bleiben mögen, auch habe alles im Haus den Vetter gern gehabt; der aber habe sich nicht halten lassen, sondern sei nach etlichen Tagen wieder fort."

"Und hat sich, Gott weiss wie lang, in der Welt herumgetrieben", sagte die Sonnenwirtin.

"Nicht gar lang, dem Datum nach", entgegnete der Chirurg, dem der Sonnenwirt den Brief hingereicht hatte.

"Es ist zwar dumm von dem Buben", versetzte der Sonnenwirt, "dass er auf die Einladung nicht länger blieben ist; man hätt sich unterdessen für ihn umsehen und ihn anderswo unterbringen können. Aber verdenken kann ich's ihm doch grad auch nicht, dass er seinen Verwandten nicht als unnützer Brotesser hat hinliegen wollen, nachdem man ihn nicht zum Schaffen angenommen hat."

"Ja", bemerkte Magdalene, "das Sprichwort sagt: Zwei Tag ein Gast, den dritten ein Überlast."

"Von seiner Liebschaft schreibt er gar nichts", sagte die Sonnenwirtin. "Soviel gute Wörtlein er sonst gibt, so spricht er doch nicht mit einer Silbe davon, dass er in d e m Stück nachgeben wolle."

"Er schreibt aber, er wolle in a l l e n Stücken gehorsam sein und nicht das geringste mehr anstellen", entgegnete der Chirurgus. "Man kann ihn also beim Wort nehmen und ihm beweisen, dass er auch d a s versprochen habe."

"Recht degenmässig schreibt er, das muss man sagen", bemerkte die Krämerin. "Ich hätt gar nicht glaubt, dass der Strobelkopf, der störrig, so mürb werden könnt."

"Der hat sich in der Fremde die Hörner