sich alle um einen und denselben Angelpunkt drehten. Von seinem eigenen Ergehen schrieb er kein Wort, auch nicht von dem, was er im fremden land zu sehen und zu hören bekam. Dagegen zeigten seine Briefe die Merkwürdigkeit, dass er fortwährend mit der Jahreszahl auf gespanntem fuss stand. Seine Hand schien einen unbezwinglichen Widerwillen gegen dieselbe zu empfinden. In allen diesen Briefen hatte er immer zuerst die falsche Zahl hingeschrieben, dann ausgestrichen und die richtige darübergesetzt; in einem war sogar das falsche Datum unberichtigt stehengeblieben. Allerdings ein unerheblicher Umstand für ein Mädchen, das kein andres Datum kannte als "diesen Tag", an welchem sie ihrem Liebsten schrieb.
Zweiter teil
15
Christinens Brief war immer noch nicht fertig, und ihr Vater hatte den Weg zum Pfarrer und Chirurgus gleichfalls noch nicht gefunden, da verbreitete sich eines Tages im Flecken das Geschrei, des Sonnenwirts Frieder sei wieder da oder wenigstens im Anzuge begriffen. Die Nachricht drang mit grosser Schnelligkeit selbst zu dem entlegenen haus des Hirschbauers, und einer von Christinens Brüdern machte sich sogleich auf, um Kundschaft einzuziehen. Es verhielt sich wirklich so, wie das Gerücht sagte. Ein Fuhrmann, der in der 'Sonne' einkehrte, hatte den Erben derselben unterwegs, und zwar in ziemlich abgerissenem Zustande, angetroffen; zur Bestätigung, dass er die Wahrheit sage, zeigte er ein Schreiben vor, das ihm der Wanderer mitgegeben hatte, um es an denjenigen seiner beiden Schwäger, zu welchem er noch das meiste Vertrauen hatte, zu bestellen. Es ging soeben sehr lebhaft in der 'Sonne' zu, weshalb die Neuigkeit wie ein Lauffeuer sich verbreitete. Der Fuhrmann erzählte noch, er habe den Frieder aufsitzen heissen; derselbe habe sich aber geweigert, da er nicht nach haus kommen wolle, bis er wisse, wie er aufgenommen werde. Er gab den Brief einem Knechte, der ihn zum Chirurgus hinübertrug. Dieser liess nach einer Weile dem Sonnenwirt sagen, es sei endlich Nachricht von seinem Sohne da; wenn der Herr Vater aufgelegt sei, sie zu hören, so wolle er mit dem Briefe herüberkommen. Der Sonnenwirt antwortete, er habe im Augenblick alle hände voll zu tun, und auf den Abend wolle er Ruhe haben; morgen sei auch ein Tag, um von verdriesslichen Dingen zu reden.
Auf den andern Tag wurde in der 'Sonne' ein Familienrat zusammenberufen, welchem der Chirurgus den Brief seines jungen Schwagers vorlas. Derselbe lautete gleich eingangs so über alle massen niedergeschlagen und unterwürfig, dass die Sonnenwirtin einmal über das andere in ein triumphierendes Gelächter ausbrach. "Geliebter Schwager", las der Chirurg, "ich weiss mir nicht mehr zu helfen, so will ich Ihn um Gottes Willen gebeten haben, mir einen Rat zu erteilen, denn ich laufe in der Irr, als wie ein verlornes Schaf; so rufe ich zu Gott, er möchte mir einen Hirten senden, der mich wieder auf den rechten Weg bringen sollte. Meine Reise ist nicht bestanden, wie ich geglaubt hab: mein Herr Vetter hat des Gerichtsschreibers Sohn von Boll zum Knecht, und hat ihn nicht fortschicken können, weil er auch ein Freund von ihm sei. So bin ich diesesmal in mich selber gangen und musst erst erkennen, was ich bei meinem Vater vor gute Tag gehabt hab und ihm nicht gefolgt, so bitte ich nur noch diesesmal zu helfen und mich nicht zu verlassen. Meine Eine bitte an die Meinen ist, mir nur noch so viel zu helfen, dass ich nur einer von seinen Taglöhnern sein möchte. Ich werde gewiss meinem Vater in allen Stücken gehorsam sein; wann ich es nicht tue und ihm im Geringsten was anstelle, so sprich ich das Urteil wider mich und schreibe meine eignige Hand unter, dass ich auf den ewigen Arrest soll gesetzt werden. Ich weiss wohl, ich hab es gegen den Herrn Schwager nicht verdient, weil ich Ihn schon in vielen Stücken erzürnt und beleidiget hab, es ist mir aber herzlich leid, es wird inskünftige nicht mehr geschehen. So mein ich nun, ob der Schwager nicht eine Bitte vor mich bei dem Herrn Amtmann tun möchte. Man redt wider mich in Eberspbach, es sollte einen Heiden erbarmen über solche Reden: ich soll gesagt haben, ich wolle alle Häuser in Brand stecken und den und jenen tot stechen. Mein Hertze hat noch niemal daran gedacht. Geliebter Herr Schwager, ich gedenke auch noch an Gott, und gedenke bei mir selbst, ich möchte hinkommen wo ich wollt, und Gott möchte mich auf das Krankenbette legen, ich gewiss mein Vaterland durch solche Streich nicht verschertzen will. So bitte ich den Schwager mich auf diesesmal nicht zu verlassen und mir einen Rad zu geben und zu helfen" –
"'Rad' schreibt er", unterbrach sich der Chirurg im Lesen: "er kann doch sonst besser schreiben und hat das Wort weiter oben auch richtig geschrieben."
"Seine Hand weiss mehr als er und hat das Rechte troffen", bemerkte die Sonnenwirtin, "der Weg, den er geht, führt wohl noch zu Galgen und Rad."
"Ist der Brief aus?" fragte der Sonnenwirt.
"Ich hab das Vertrauen zu Ihm", fuhr der Vorleser fort, "und glaube in meinem herzen, dass Er des Herrn Amtmanns sein Hertze am besten erweichen kann. Mein Vater schickt einen Knecht fort auf Fastnacht; er erbarmet sich meiner gewiss und nimmt mich wieder an, wann ich befreit bin von dem Herrn Amtmann.