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einer derben Liebkosung. – "Was die Sonnenwirtin noch ein fester Kerl ist!" rief er, "ich glaube, die wär Manns genug, um noch Zwillinge zu bringen."

Die Frau schoss einen scharfen blick aus ihren grauen Augen auf den Necker, stiess ihn mit einem halb scherzhaft, halb ernstlich gemeinten Scheltwort zurück und verliess, ihren Geschäften nachgehend, das Wirtszimmer.

"Ich glaube, Euch juckt's schon wieder nach einem Prozess, Vetter!" sagte der jüngere Müller lachend. "Passt nur auf, d i e da versteht keinen Spass. Ihr werdet wohl wissen, dass man ihr kein gebrannteres Herzeleid antun kann, als wenn man sie an ihre Kinderlosigkeit erinnert."

"Weiss wohl", entgegnete der andere, "und ebendarum hab ich's getan, weil ich die neidige, gelbe, giftige Kröte noch gelber sehen will, als unser Herrgott sie geschaffen hat. – Komm her, Peter", unterbrach er sich, einem Eintretenden zurufend, "du hast treulich mit zum Frieden geraten, nun ist's billig, dass du auch mit uns trinkst. Ihr werdet nichts dagegen haben, Vetter, wenn ich meinem Knecht einschenke? Hol dir ein Glas und geh her."

Der Knecht tat, wie ihm geheissen wurde, und setzte sich dann hinter einen andern Tisch auf die Bank, die vorm Ofen längs der Wand hinlief. Von dort aus nahm er seinen wohlberechtigten Anteil am Gespräch, stellte sich auch in seinem Reden und Benehmen völlig auf den Gleichheitsfuss mit seinem Herrn und dessen gefährten; nur dadurch, dass er nicht unmittelbar bei ihnen Platz nahm, beobachtete er den Standesunterschied.

"Der gelbe Neidteufel!" fuhr der obere Müller fort. "Man darf nur den Sonnenwirt vergleichen, was er unter seinem ersten Weib für ein Mann war, und was er unter dem dürren Rippenstück für einer geworden ist. Damals war er aufgeweckt und kameradschaftlich und gar nicht b'häb in Handel und Wandel und Geldsachen. Jetzt ist er schwach und hat keinen eigenen Willen mehr, dabei aber gegen andere Leute ein wahres Untier an Geiz und Hochmut. Der alte Kerl, er trägt den Kopf wie ein Edelmann und meint wahrhaftig, er sei aus anderem Teig gebacken als wie unsereiner."

"Das macht eben der Reichtum", sagte der Knecht von seiner Bank herüber.

"Ja, er ist grausig reich", versetzte der untere Müller. "Der Holzschlegel rindert ihm auf der Bühne. Er wird wohl auf zwölftausend Gulden geschätzt. Aber freilich, wie Ihr sagt, Vetter, so verhält sich's: er ist b'häb und fasst das Tuch an fünf Zipfeln."

"Ja, und guckt in neun Häfen zumal", fiel der andere ein.

"W o d e r gedroschen hat, darf man kein Korn mehr suchen", ergänzte der Knecht.

"An all dem ist das vorteilhaftige böse Weibsbild schuldig! Sie will alleweil oben hinaus; sie möchte's gern der Pfarrerin und der Amtmännin gleichtun, schmeichelt sich auch bei ihnen an und verlästert andere Leute, denn das hören solche Frauen immer gern. Oh, die ist falsch wie Galgenholz. Und wie ist sie nur mit ihren Stiefkindern umgegangen! Die hat sie von Anfang an zurückgesetzt und verkürzt, in der Meinung, sie werde eigene bekommen, und wie das nicht eingetroffen ist, so hat sie's ihnen aus Missgunst noch ärger gemacht. Die älteste Tochter hat den kahlköpfigen, trockenen Krämer da drüben geheiratet, um nur aus der Hölle loszuwerden. Die andere, die Magdalene, tät, schätz ich wohl, mit einem Frosch vorliebnehmen, wie die Prinzessin im Märlein."

"Ihr trefft den Nagel auf den Kopf, Vetter?" rief der jüngere Müller mit mürrischem lachen. "Wie? oder wisst Ihr's nicht? Hat ein blindes Schwein eine Eichel gefunden?"

"Nun, was ist's denn?"

"Habt Ihr den Laubfrosch noch nie aus und ein gehen sehen? Wisst Ihr denn nicht, was man für Werg an der Kunkel hat?"

Der andere schüttelte den Kopf.

"Das Ausrufungszeichen in dem froschgrünen Rock!" fuhr der jüngere hitzig fort. "Er sieht akkurat aus, wie Ihr ihn gestempelt habt. Seid Ihr denn heute ganz auf den Kopf gefallen?"

"Was, der Bartkratzer, der sogenannte Herr Chirurgus, der Heuchler, der Kopfhänger, die magere Kuh Pharaonis? Jetzt wird mir's anders! Jetzt hab ich eine Stärkung vonnöten! kommt, Vetter, ich will's an Euch hinlassen."

Damit erhob er sein Glas. "Ich will's ausstehen", erwiderte der andere mit sauersüsser Miene, kam ihm mit dem seinigen entgegen, und sie stiessen miteinander an. Nachdem der Knecht durch einen Wink beschieden worden war, den Dreiklang voll zu machen, lehnte sich der ältere Müller in seinen Stuhl zurück und fuhr verwundert fort: "Ei so guck einer! Der Alte schlägt seine Mädchen doch recht unterm Preis los, denn die paar Fussbreit Grundherrschaft, die der grüne Darmfeger besitzt, werden justement einen Sack Erdbirnen ausgeben, und was er jahraus, jahrein mit seiner Rasiererklinge aus den hiesigen Schweinsborsten und Igelsstacheln heraussticht und schabt, das wird ihn auch nicht gerade fett machen. Die Figur gibt's. Aber der Alte trifft zwei Fliegen mit einem Schlag. So ein Schlucker darf kein gross Heiratgut