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auf einmal sieht er einen Lichtschein vor sich in der Tiefe, und eine stimme ruft von unten herauf: 'Um Jesu Christi willen, gehet keinen Schritt weiter oder Ihr seid des Todes!' Wie nun das Licht näher kommen ist, da hat er erst gesehen, dass er vor der Kelleröffnung steht, und tief unter ihm steht der Wirt mit dem Licht in der Hand und heisst ihn warten, bis er heraufkomme und die Falltür zumache. Drauf hat er sich umgesehen nach dem Freund, der ihn vor dem jähen Sturz bewahrt hat, aber da ist niemand weit und breit gewesen. Wer kann's also anders gewesen sein als der Engel, der ihn zu seinem Schutz begleitet hat? Sieh, und einem solchen Engel möchte ich dich auch anempfohlen haben, dass er keinmal von dir wiche und liesse dir kein Leid geschehen."

"Wie der, der mit dem jungen Tobias auf die Wanderschaft gangen ist? Ich liess mir's auch gefallen, wenn d u der Engel wärst."

"Ach, wenn ich mit dir könnt! Ich wollt gewiss nie über Müdigkeit klagen."

"Das wär ein lustig's Reisen und ein tröstlicher Reis'kamerad. Aber

Weil's aber nicht kann sein,

Nicht kann sein, nicht kann sein,

Bleibst du allhier."

"Oh, wenn ich dran denke", rief Christine, von einem plötzlichen Schauer ergriffen, "dass ich dich nimmer sähund alles, was dann über mich käm –, ich tät mir einen Tod an."

"Wie meine Schwester? Die hat auch gesagt, sie spring in die Fils, und den Tag drauf hat sie meinen Schwager genommen. Damit jedoch die arm Seel Ruh hat, will ich dir jeden Trost und jede Hoffnung und jeden Schwur, alles von A bis Z noch einmal runtersagen." Nachdem er dies unter wiederholten Liebkosungen getan, schob er sie sanft einige Schritte in rückwärtsgekehrter Richtung auf der Strasse fort und sagte dann: "Jetzt tu mir's zulieb und sieh dich nicht mehr um; ich will mich auch nicht mehr umsehen."

Er wandte sich und schlug rasch seinen kräftigen Wanderschritt wieder an. Kaum hatte er sich ein wenig entfernt, so rief sie: "Frieder, nur noch ein einzigen blick!"

Er blieb stehen.

"Nur noch ein einzig's Wort!" rief sie. "Will und Lieb, die stiehlt kein Dieb. Nicht wahr?"

"Ja, lieb's Weible", antwortete er. "Will und Lieb, die stiehlt kein Dieb. Jetzt aber geh heim. Der Morgen kommt, es wird empfindlich kalt. Willst gleich machen, dass da fortkommst?" wiederholte er und bückte sich, als ob er den harten Schnee zu einem Wurfe ballen wollte.

Sie lief lachend eine Strecke weit davon. Als sie haltmachte und sich nach ihm umsehen wollte, war er schon hinter der nächsten Biegung der Strasse verschwunden, und schluchzend deckte sie die Augen mit der Schürze zu.

14

Selten wohl hat ein deutscher Hausknecht dem Fürsten Reichserbpostmeister in so kurzer Zeit soviel zu verdienen gegeben als der junge Schwabe, der in der 'Sonne' zu Sachsenhausen eingetreten war. In Ebersbach fragte man sich noch, ob er jetzt wohl sein Reiseziel erreicht haben werde, da kam schon ein Brief von ihm "An die ehrbare und bescheidene Jungfer Christina Müllerin, in beliebigen Händen zu eröffnen, in Ebersbach, cito, cito, franco." Der Brief lautet so: "Gott zum Gruss und Jesum zum Beistand. Hertzgeliebter Schatz, ich muss Dich mit einem betrübten herzen beschreiben, und diese Zeilen werden Dich, wie ich in meinem herzen glaube, betrübet antreffen. So will ich Dein Hertz erleichtern und Dich mit ernstaftem herzen berichten: Liebe Christina, glaube Du, dass mein Hertz nicht wanckhen wird und Dir noch jederzeit treu verbleiben, so lang noch Gott eine Ader in meinem Leib lasst. Wann Du andere Buben entlassst und Dich ihrer entlässst, und ich erfahre, dass Du Dich so haltst, wie es einem braven Menschen gehört, so soll mir keine Andere mehr an meine Seite kommen. Ich wollt Dir gern was schicken, ich forcht, Du möchtest in dem Eberspächer Markt zu dem Tanz gehen und Dich mit Einem einlassen; so will ich jetzt Dir noch nichts schicken, sondern auf Deine Aufführung warten. Wann Du Dich hältst, so will ich Deiner nicht vergessen und Dich auch nicht lassen. Solltest Du Dir Dein Leben verkürzen, wie Du gesagt hast, so schreibe ich mich aus der Schuld und gib es Dir und den Deinigen über. Was ich gesagt hab, das halt ich Dir und lass Dir Deinen Willen. Ich wünsche, dass Gott der Allmächtige Dein Hertz regiere, und führe Dich zu allem Guten, und gebe Dir Glück und Segen, und regiere Dein Hertz, dass es nicht fallen noch irr gehen kann. Das wünsch ich Dir aus getreuem herzen. Noch Eins: Ich verlange eine Nachricht von Dir. Ich will Dir die Überschrift sagen, wie Du an mich schreiben sollst. Weiter kann ich Dir nicht schreiben, als Du sollst mir nicht übel nehmen, weil ich so s–mässig geschrieben hab. Die Nacht ist mir auf den Halss gekommen, und vor Betrübnus hats nicht sein können. Du und die Deinige seind tausendmal gegrüsst und in den Schutz Gottes befohlen, und bleibe Dir getreu bis in den Tod