ich gleich ganz bei dir bleib?"
"Nein. Ich hab vor etlich Wochen im Karz gehört, wie man's machen muss, wenn eins dem andern aus der Ferne ein Zeichen geben will, dass man aneinander denkt. Komm, streif dein linken Arm auf."
Er entblösste den Arm. Sie machte ihm mit dem Messer eine kleine Wunde daran und sagte: "Jetzt lass mir geschwind an meinem Goldfinger ein wenig Blut heraus."
"Das kann ich nicht", sagte er, "ich kann dir nicht weh tun."
"Es ist kein Wehe so gross als Herzeleid, sagt dein Jesus Sirach", erwiderte sie. "Wenn du aber nicht willst, so muss ich's eben selber tun." Sie tat's und tropfte ihm ihr Blut in seine Wunde, die sie alsbald sorgfältig verband. Dann ritzte sie sich gleicherweise an ihrem linken Arm, gab ihm das Messer und sagte: "Gib mir auch Blut von deinem Goldfinger – mach's aber nicht so arg, sei doch nicht so grob gegen dich, ein paar Tropfen sind genug." Nachdem sie sich sein Blut angeeignet, verband sie gleichfalls eilig ihren Arm.
"Jetzt sind wir ja ganz blutsverwandt", bemerkte er.
"Das ist's nicht allein", erwiderte sie. "Wenn's wieder verheilt ist, so brauch ich nur mit der Nadel drin zu stüren, dann gibt's dir einen Stich in Arm, da, wo du mein Blut drein empfangen hast, und ebenso umgekehrt, wenn ich einen Stich da spür in meinem Arm, so weiss ich, dass du mir an dem deinigen ein Zeichen gibst, und sehe daraus, dass mein Schatz in dem Augenblick an mich denkt."
Er lachte. "So lang die Narben frisch sind", sagte er, "mag's wohl sein, dass sie hie und da ein wenig stechen. Aber ich werde auch ohne das oft genug an dich denken."
"Wenn's nun aber sein muss", versetzte Christine, "so mach in Gottes Namen, dass du fortkommst, und geh recht leis mein Katzenstiegele hinunter, damit niemand im Haus aufwacht."
Sie herzten und küssten einander, dass Friedrichs Ausspruch, "alles müsse ein Ende haben", beinahe darüber zuschanden geworden wäre, und nachdem er manchen vergeblichen Versuch gemacht, den Strom ihrer Tränen durch Abtrocknen zu hemmen, schlich er so leise, dass man kein Geräusch hören konnte, die schmale steile Treppe hinab und kam mit Hilfe des hölzernen Riegels, der anstatt eines Schlosses diente, leicht durch die hintere tür aus dem Haus.
Nachdem er sich noch mehrmals umgekehrt und manchen blick nach dem Schauplatze seines Glückes zurückgesendet hatte, ging er der Sonne zu, um sein Reisebündel zu holen. Alles schlief noch; ungehört betrat und verliess er sein väterliches Haus. Aber auch von diesem, so wenig Gutes er in letzter Zeit daselbst erlebt zu haben meinte, fühlte er sich noch eine geraume Weile festgehalten und starrte mit feuchten Augen nach den Fenstern hinauf, hinter welchen seine Mutter ihn geboren und mit so unendlicher Liebe aufgezogen hatte, hinter welchen der Mann waltete, der doch immer sein Vater war. Sein rauhes Herz war von einer unsäglichen Wehmut ergriffen, in welcher die innerste Seele des Volksstammes, dem er angehörte, sich spiegelte. Der Schwabe, obgleich er eines der unstätesten Völker ist und vielleicht sogar seinen Namen vom Schweben und Schweifen hat, ist doch darum dem Heimtum nicht minder als dem Wandertriebe verfallen. Während viele jahraus, jahrein entlegene Länder durchziehen, kleben andere an ihrer Heimstätte fest, als ob sie mit ihr verwachsen wären, – ja, man erzählt von einer alten Frau, die in Tübingen auf der Ammerseite wohnte, sie habe nie in ihrem Leben den Neckar gesehen –, und selbst von jenen reisst sich mancher erst nach vergeblichen Versuchen und nur um den Preis des bittersten Heimwehs von der heimischen Scholle los, mag aber auch freilich, wenn einmal das Heimweh überwunden ist, an sich erleben, dass die Heimat, die er nicht entbehren zu können glaubte, jahrelang fern und tot und seinem Herzen etwas Fremdes hinter ihm liegt. Doch wird es kaum einen geben, den nicht wenigstens im Alter wieder die sehnsucht nach den heimischen Bergen, Tälern und Gewässern befinge. Freilich werden diese widersprechenden Triebe der Wanderlust und der Heimseligkeit, die bei dem Schwaben nur mit besonderer Stärke hervortreten, in jedem Menschenschlage wahrzunehmen sein.
Friedrich wischte sich die Augen mit der Hand aus, stiess seinen Wanderstecken hart auf den Boden und ging in entschlossenem Reiseschritt die Strasse hinab; da räusperte sich jemand über ihm, und eine stimme rief: "Wo naus schon, Frieder, wo naus?"
Er blickte ärgerlich in die Höhe und erkannte seinen Invaliden, der nach der Weise alter Leute nicht lange schlafen konnte und zu dieser frühen Stunde aus seinem Ausgedingstübchen zum Fenster heraussah. "In die Fremde", antwortete er, einen mutigen Ton in seine stimme legend.
"Weiss schon", erwiderte der Invalide, "und weiss eigentlich auch, warum."
"Ja freilich!" entgegnete Friedrich lachend, "es gibt kein Warum, das nicht auch sein Darum hätt. übrigens sagt man: die Fremde macht leute."
"Ich streit's nicht. Wer nie hinauskommt, kommt auch nie hinein. Und was das Heimweh betrifft, so hat selbiger