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nachsagen lassen, dass ich mich mit den Meinigen in eine Familie eingedrungen hab, wo wir überlästig sind."

"Redet mit dem Pfarrer und dem Chirurgus, wenn ich fort bin", sagte Friedrich, "denn fort muss ich jedenfalls auf einige Zeit, das tut mein Vater nicht anders. Und füget mir's dann zu wissen, wie die Unterredung ausgefallen ist. Jetzt aber bin ich die längst Zeit dagewesen, und Ihr werdet es nicht anders als billig finden, dass ich von meinem Schatz unter vier Augen Abschied nehm, denn mein Schatz ist und bleibt sie, und wenn der Himmel einfällt. Nun behüt euch Gott, Vetter und Bas, und geb, dass ich bald Schwährvater und Schwieger zu euch sagen kann. Haltet mir mein' Schatz gut; ich will nicht, dass sie euch zur Last fallen soll, und werde das Kostgeld für sie bezahlen, solang sie bei euch im Haus ist, denn ich sehe sie als mein Eigentum an und will sie bei euch eingestellt haben wie das Lamm, das ihr gehört." – Hiermit legte er lachend einen guten teil des Reisegeldes, das ihm sein Vater gegeben hatte, auf den Tisch; denn er hatte unter dem Reden wahrgenommen, dass sich die zerbrochene Scheibe noch in. dem Zustande, wie sie von Christinen verstopft worden war, befand, und daraus den Schluss gezogen, dass die Armut der Leute nicht einmal gestattet habe, den Glaser zu holen. "Ihr zwei aber", sagte er zu den beiden Söhnen, die ebenfalls in der stube anwesend waren, sich aber sowenig wie Christine ins Gespräch mischten, "ihr zwei kommt in einer Stunde ins Beckenhaus, wir müssen den Abend noch einen Abschiedstrunk miteinander tun."

Er gab dem Bauer und der Bäuerin die Hand zum Lebewohl, und sie liessen es schweigend geschehen, dass er sein Mädchen am arme nahm und mit sich aus der stube zog. Ein Seufzer der Bäuerin, den man verschieden auslegen konnte, und ein Kopfschütteln des Bauern, das schon nicht so viele Deutungen zuliess, war alles, was nach seinem Weggehen geäussert wurde.

Christine fiel ihm draussen laut weinend um den Hals. "Wenn mich nur mein Vater geschlagen hätt", schluchzte sie, "vielleicht wär mir's leichter geworden. Sieh, es hat mir Stich auf Stich durchs Herz geben, wie ich gehört hab, dass du fortgehst; mein Herz hat sich ganz zusammengezogen, und seitdem tut mir's fortwährend weh. Ach Gott, was soll aus mir werden, wenn ich dich nicht mehr hab!"

"Mach mir das Herz nicht schwer", sagte er. "Sieh, es ist mir ja schrecklich, dass ich von dir gehen muss, aber es kann nicht anders sein, und ich bin bei dir und du bei mir, wo ich auch sein mag in der Welt. Es ist wohl weit weg, aber doch nicht so gar weit, dass wir nicht einander schreiben oder sogar zueinander kommen könnten, wenn's nottut. denke dir alle Möglichkeiten der Reih nach, so muss es uns doch zuletzt nach Wunsch und Willen gehen. Entweder gibt mein Vater nach, wenn er unsere Beständigkeit sieht, dann ist ja alles recht und gut; oder wir müssen warten, bis er das Zeitliche segnet, dann ist's zwar schlimm, aber doch besser als gar nichts; oder er verstosst mich, wenn er mir den Sinn nicht brechen kann, dann kann er mir aber auch nichts mehr verbieten, und heisst's eben: Mann, nimm deine Hau, ernähr deine Frau; oder find ich vielleicht in der Fremde bei meinem Vatersbruder oder sonstwo eine Heimat, man kann ja nicht wissen, wie's geht in der Welt, dann lass ich dich nachkommen; wenn's vielleicht fürs erst nur ein Dienst wär, den ich dir da drunten verschaffen könnt, so wären wir doch näher beieinander und könnten's nach und nach weiterbringen. Kurzum, ich mag mir ausdenken, was ich will, das ende vom Lied ist eben immer, dass wir Mann und Weib werden."

"Ja, aber da drunten gibt's gewiss schöne Jungfern, die mich bei dir ausstechen."

"Sorg du nicht für mich, hab du vielmehr acht, dass du mich nicht von den Ebersbacher Buben aus deinem Herzen vertreiben lässt."

"Ei, so lass doch endlich das Geschwätz mit den Buben sein!" sagte sie schmollend.

"Was dir recht ist, muss mir billig sein", erwiderte er. "Such du mich nicht hinterm Ofen, dann guck ich auch nicht, ob du dahinter steckst. Jetzt lass uns aber die letzten Stunden nicht mit Zank und Trutz verderben, es ist ja doch keinem von uns beiden Ernst damit."

Nachdem sie noch längere Zeit in solchen Wechselreden verbracht, sagte Friedrich: "Ich muss jetzt gehen, ich hab noch Geschäfte mit meinem Pfleger. Ich nehm aber jetzt nicht Abschied von dir, denn ich tu's nicht anders, ich komm heute zu dir in deine kammer, nachdem's jetzt mit deinen Eltern so gut wie richtig ist."

"Sei aber vorsichtig", sagte sie, "und mach kein Geräusch, sonst könntest bald sehen, dass es nicht so richtig ist, wie du meinst."

"Hab du keine Angst", erwiderte er.

Er begab sich zu seinem Vormund