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person, von der ich die sache weiss, nichts weiter sagt, damit's nicht vor den Pfarrer kommt, was dein christlich gesinnter Sohn unter Gottesdienst versteht."

Der Krämer kicherte und riss einige Witze, die Friedrich beinahe ausser sich brachten; aber er schwieg noch, denn die plötzliche Entdeckung, dass er nicht bloss, wie ihm schon zuvor klar gewesen, verraten, sondern dass sein Geheimnis in die schlimmsten hände überliefert sei, hatte ihn etwas seiner Fassung beraubt.

"Wer hat dir denn die sache hinterbracht?" fragte der Sonnenwirt seine Frau.

"Das darf ich nicht sagen", antwortete sie, "ich hab Stillschweigen angeloben müssen, kannst dir wohl denken warum, aber die person ist zuverlässig."

"Und doch möchte ich raten", sagte der Chirurg mit einem wohlwollenden Blicke auf seinen jungen Schwager, "solchen unbekannten Personen nicht allzuviel zu trauen. Man muss einen nicht gleich auf eine blosse Delation hin verdammen." – Der Chirurg war weltklug: er wollte es mit der angegriffenen Partei nicht verderben; auch hatte er, seit sein Ziel erreicht war, seiner Schwiegermutter mehrfach gezeigt, dass er nicht ganz und gar in ihr Hörnlein zu blasen gesonnen sei. Dabei mochte er ein wenig von der Abneigung seiner Frau angesteckt worden sein, gegen welche er sich oft über die Unselbständigkeit und Untertänigkeit des Krämers lustig machte.

Die Sonnenwirtin hatte inzwischen in dem gesicht ihres Stiefsohnes gelesen. "Was brauchen wir weiter Zeugnis?" rief sie. "Er leugnet's ja selber nicht, dass er sich mit dem schlechten Mensch eingelassen hat."

Der Sonnenwirt hatte eben die Gabel mit einem Stücke Braten erhoben; es war aber in Gottes Ratschluss vorgesehen, dass er dasselbe nicht in den Mund bringen sollte, denn Friedrich fuhr auf, durch das böse Wort aus seiner Befangenheit herausgerissen, und rief: "Über mich kann man sagen, was man will, das will ich alles geduldig tragen, aber auf das Mädle lass ich nichts kommen, denn das Mädle ist brav, und wer schlecht von ihr reden will, der kann sich vor mir in acht nehmen; ich leid's von niemand, selbst von Vater und Mutter nicht! Es ist mir leid, Vater, dass die sache so vor Euch gebracht worden ist, denn ich hab's ganz anders fürgehabt, wie Ihr Euch wohl selber einbilden könnt. Aber nun es einmal ohne meine Schuld heraus ist, will ich's Euch frei bekennen: das Mädle ist mein Schatz, und ich hab's treulich und ehrlich mit ihr und will keine andere heiraten als das Christinele allein. Ich hab mir Eure Einwilligung zu einer gelegeneren Zeit erbitten wollen, aber jetzt ist eben die gelegenheit vom Zaun gebrochen."

Ein starres, sprachloses Staunen hatte sich der Familie auf dieses unumwundene Geständnis bemächtigt; der Sonnenwirt hatte die Gabel mit dem Braten auf das Tischtuch fallen lassen, wo sie, über den Rand hinausragend, keinen Halt fand und, der Sonnenwirtin unterwegs das Taffetkleid beschmutzend, ihren Fall auf den Boden fortsetzte. Die Anstifterin des Auftrittes konnte deshalb an dem ersten Geräusche der Explosion keinen Anteil nehmen; sie schoss mit einem wütenden Blicke auf ihren ungeschickten Eheherrn hinaus, um die Flecken an ihrem Kleide womöglich zu vertilgen. Nachdem die bestürzten Geister sich wieder etwas gesammelt hatten, machten sich die Gefühle über das unerhörte Unterfangen des jungen Menschen in verschiedener Weise Luft. Der Krämer stiess ein schrillendes Gelächter aus, das dem Geheul eines jungen Hundes nicht unähnlich klang, und seine kleinen Äuglein verschwanden in den Fettbergen, womit sie umgeben waren. Seine Frau, Friedrichs älteste Schwester, schlug die hände über dem Kopf zusammen und lamentierte. Der Chirurgus bewegte den seinigen gravitätisch hin und her und begnügte sich, durch die stumme Gebärde seine ernste, aber unvorgreifliche Missbilligung an den Tag zu legen, während seine Frau schmerzlich ausrief: "Ach Bruder, wirst denn gar nie gescheit werden?"

Der Sonnenwirt hatte gleichfalls einige Zeit gebraucht, um aus einer Art von Erstarrung zu sich zu kommen. Als er sich erholt hatte, streckte er den Finger gebieterisch gegen seinen Sohn aus. "Lass dir im Hirn verganten!" rief er, "vor allem aber reis dich, dass ich dich heute nicht mehr sehen muss, und hörst? komm mir ein paar ganze Tag gar nicht vors Angesicht."

Friedrich stand gelassen auf, um dem Gebote seines Vaters zu gehorchen. "Ihr werdet noch besser von der sache denken lernen, Vater", sagte er, indem er sich zum Gehen anschickte.

"Still!" rief der Alte, "sei ganz still, rede gar nichts, denn jedes Wort, das aus deinem mund geht, ist ein Nagel zu meinem Sarg."

Der Sohn schwieg und ging schnell zur tür hinaus.

"Es ist doch schrecklich", jammerte die Krämerin, "dass sich der Bub gar nicht geben will. Kaum meint man, man hab ihn auf dem rechten Weg, so kommt wieder ein ärgerer Streich."

"Ja", sagte der Krämer, "das gäb eine Eh, die man aus dem Heiligen verhalten müsst."

"Freilich, wie die Lumpensippschaft, aus der das liederlich Ding abstammt", ergänzte seine Frau.

"Ach Gott, ich will ihr ja sonst weiter nichts nachgered't haben", sagte ihre jüngere Schwester, die sich zur Heirat mit dem Chirurgen bequemt hatte, "aber sie hat