das Haus durch die hintere tür zu verlassen. "Nein", sagte er, "vorn, wo ich herein bin, da will ich auch wieder hinaus. Ich rede ohnehin nächster Tag ganz frei und offen mit deinen Eltern."
"Lass es nur noch ein wenig anstehen", sagte sie, "es ist mir so angst."
"Und wenn sie fragen, ob jemand unter der Kirch bei dir gewesen sei, so sagst ohne weiteres ja, ich sei dagewesen."
Sie versprach alles und trieb ihn wiederholt zur Eile an, so dass er, als sie sich voneinander losrissen, noch lange nicht genug geküsst zu haben meinte.
Er hatte seinen guten Grund, das Haus auf der Vorderseite zu verlassen. Es sollten nicht doppelte Fussstapfen hinterbleiben, die vielleicht ein endloses Gewirr von Vermutungen wachgerufen haben würden. Er trat sorgfältig in die vorhandenen Spuren und folgte ihnen, um auf diese Weise etwa herauszubringen, wer vor dem Fenster gewesen sein möchte. Die Spuren führten an den äussersten Häusern des Fleckens hin und dann kreuz und quer durch einige Gässchen, wo sie sich aber bald mit anderen Fussstapfen vermischten. Er musste seine Nachforschung als fruchtlos erkennen und ging kopfschüttelnd seines Weges. Die Leute kamen eben aus der Kirche. Er konnte es nicht vermeiden, manchem verwunderten und neugierigen blick zu begegnen; da er sich aber ruhig in den Zug mischte, so brachte dies viele, die sich mehr mit Anhörung der Predigt als mit Musterung der Zuhörer beschäftigt hatten, auf den Glauben, dass er gleichfalls aus der Kirche komme.
10
In der 'Sonne' wurde der Neujahrstag mit einem Familienessen gefeiert. Die beiden Schwiegersöhne hatten sich mit ihren Frauen nach der Kirche zur Gratulation eingefunden und blieben nach hergebrachter Weise zu Tische da. Als Friedrich nach haus kam, fand er schon die ganze Familie versammelt. "Da muss irgendwo ein Rädle gebrochen sein", dachte er, denn der Empfang war in der Tat ein sehr wunderlicher. Der Chirurg wusste seinem Gesicht einen gewissen verlegenen Ausdruck zu geben; der Handelsmann, ein kugelrundes Figürchen in hellgelbem Rock, himmelblauer Weste und mit lang herabfallenden weissen Halstuchzipfeln, drückte seine kleinen Äuglein listig zusammen und liess dabei die vorspringenden wulstigen Lippen offenstehen, so dass sie gleichsam einen stummen, aber sichtbaren Seufzer eines ehrbaren Verwerfungsurteils bildeten; die beiden Frauen schlugen die Augen nieder und schienen sich kaum entschliessen zu können, dem Bruder die Hand zu geben, als dieser mit einem treuherzigen "Prosit 's Neujahr!" auf sie zugegangen kam. Der Sonnenwirt sah dieser gezwungenen Begrüssung etwas verwundert zu; er kannte augenscheinlich den Grund derselben noch nicht, mochte aber denken, sein Sohn werde es bei der Verwandtschaft durch irgendein nicht gar zu bedeutendes Ungeschick verschüttet haben; wenigstens liess er das, was vor seinen Augen vorging, geschehen, ohne sich mit fragen darein zu mischen. Friedrich aber hatte sogleich an dem zuverlässigsten Wetterglase erkannt, dass etwas Schweres gegen ihn im Werke sein müsse, nämlich an dem gelben gesicht seiner Stiefmutter, welchem ein offener triumphierender Hohn eine Art von Blüte verlieh. Es war ihm übrigens jede Verlegenheit erspart, denn die Kinder des Krämers, die dieser mitgebracht hatte, deckten mit ihrem jubelnden Empfange alle Lücken in der Liebe der Erwachsenen zu: sie hatten dem Grossvater geschriebene Neujahrswünsche überreicht und als Gegengeschenk neue Kreuzer nebst mürbem Gebäck erhalten; jetzt sprangen sie im vollen jubel ihres Glückes an dem kinderfreundlichen jungen Oheim empor und nahmen ihn in Beschlag, bis das Essen aufgetragen war.
Solange das Gesinde, das diesmal an einem besonderen Tische speiste, sich in der stube befand, wurde von der Witterung und von der heutigen Predigt gesprochen, welche sich der mit einem guten Gedächtnis begabte Chirurg sehr ausführlich anzueignen gewusst hatte. Nachdem aber Knechte und Mägde sich entfernt und auch die Kinder auf Befehl ihres Vaters, jedes ein Stückchen Kuchen in der Hand, die stube verlassen hatten, begann dieser mit mutwilligem Blinzeln: "Ist der Schwager heute auch in der Kirche gewesen?"
Friedrich wurde rot. "Ich hab Gott anders gedient", sagte er.
"Vielleicht zu Haus eine schöne Predigt gelesen oder ein Stück in Arndts 'Wahrem Christentum'?"
Friedrich schwieg, der inquisitorische Ton, aus welchem eine geheime Bosheit sprach, machte ihm das Blut, aber jetzt nicht aus Scham, nach dem kopf steigen.
Der Sonnenwirt, der noch mächtig am Braten arbeitete, hielt einen Augenblick inne, um zu schauen, wo die Sache hinaus wolle, und sah bald den Tochtermann, bald den Sohn mit fragenden Blicken an.
Die Sonnenwirtin hatte dem ersteren, der den Laufgraben mit so viel Geschick eröffnet, einen blick der Zufriedenheit zugeworfen. Nun rückte sie selbst ins Feld, um ihm zu Hilfe zu kommen. "Wenn er's nicht sagen will, wo er gewesen ist, so muss ich das Maul für ihn auftun", sagte sie. "Des Hirschbauern seiner Jungfer Tochter hat er den Morgensegen vorgebetet, just unter der Kirch. Nun gibt's zwar Freigeister, die alles auf die leicht Achsel nehmen – (dabei liess sie einen blick an ihrem mann hinstreifen) – und Spülwasser löscht auch den Durst, wie das Sprichwort sagt; aber noch sagen, man hab Gott gedient, das ist eine Sünd, die unser Herrgott gewisslich zu den anderen Missetaten mit aufhaspeln wird. Ich hab mich's von deinem Hab und Gut kosten lassen", setzte sie gegen ihren Mann hinzu, "dass die