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gewalttätige Beimischung von neuem abstossen zu lassen, warf sie sich ihm, als er geendet hatte, so heftig an den Hals, dass sie ihm kaum noch Zeit liess, die Spitze des Messers zu wenden. Er schleuderte es rasch zu Boden, während sie ihn mit beiden Händen umklammerte. "Stich zu, wenn du das Herz hast!" rief sie laut weinend. Er schlug die arme um sie und drückte sie fest ans Herz. Sie machte die eine Hand los und hielt sie ihm vor die Augen. "Da sieh, du blinder Hess, du ungläubiger Tomas", sagte sie, unter dem Weinen lachend, "wie kannst du so an der Wand hinauffahren und so ruchlos Zeug machen, siehst denn nicht, dass ich deinen Ring am Finger hab, seit du da bist? Ich hab dir doch vorher müssen ein wenig schandlich tun, du unartiger Bub du!"

"Ist's wahr?" rief er. "Willst mein sein? Sag'snoch einmal."

"Meinst du's auch ehrlich mit mir?" fragte sie, indem sie den Kopf aufhob und ihm in die Augen sah.

Er schwur es mit tausend Eiden, wovon einer den andern an Kraft und Derbheit übertraf. "Bist jetzt mein?" fragte er dann abermals.

"Ja!" schrie sie unter dem Druck seiner arme, die sie wie eiserne Klammern pressten.

"Ganz mein?"

"Ganz! Du kannst mich sieden oder braten, nur erstick mich nicht."

Er liess sie einen Augenblick los, aber nur, um sie im nächsten desto fester in die arme zu fassen, und die Sinne vergingen ihr unter dem Ungewitter der leidenschaft, das über sie losbrach. Es war, als ob der Pfarrer mit den Liebenden im Bunde wäre, denn seine heutige Neujahrspredigt schien die längste werden zu wollen, die er je gehalten hatte.

"Jetzt will ich gern sterben", seufzte Friedrich, als er aus dem Rausche des Entzückens endlich wieder zu sich kam. "Noch einmal will ich dir's geschworen haben, dass ich nimmer von dir lassen will, was auch kommen mag, und will dir treu sein bis in den Tod."

"Du musst jetzt nicht vom Sterben reden", sagte ihm Christine leise ins Ohr, indem sie den Kopf verschämt an seine Schulter lehnte, "ich hab's jetzt doppelt nötig, dass du für mich lebst."

"Ja, ich will, und Müh will ich mir geben, dass ich immer den richtigen Weg geh und dass du keine Unehr von mir hast und keine Sorgen um mich. Gelt, das ist doch eigentlich ursache gewesen, dass du dich so lang besonnen hast? Gesteh's nur frei heraus, ich nehm's dir nicht übel."

"Nein", sagte sie, "ich hab mich nie zum Richter über dich aufgeworfen und hab's ja wohl gewusst, wie gut du bist und dass in deinem Herzen kein fauler Butzen ist und kein falscher Blutstropfen in deinen Adern. Meinst du denn, sonst hätt ich dir s o getraut?"

"Warum hast du mich dann aber so lang zappeln lassen und hast mir soviel böse Stunden gemacht?"

"Ei, bin ich's nicht wert, dass du dich ein wenig um mich hast verleiden müssen?"

"Freilich bist du's wert. Ich mein nur, wenn du so grosse Stück auf mich hältst, wie ich's in meinen Augen nicht verdien, und hast zugesehen, wie ich mich verleiden muss, so hast du ja dir auch eine Qual mit angetan. Und hast du nicht selber geschrieben, du seiest so traurig, dass du vor lauter Leid schier nicht schreiben könnest?"

"O du!" sagte sie und schlug ihn mit dem Finger auf die Lippen.

"Ich will den Baum nicht loben, der auf den ersten Streich fällt, aber du hast mir's doch ein wenig gar zu arg gemacht, hast mich ja am ewigen Feuer braten lassen. Hättest's dir selber nicht zuleid tun sollen. Jetzt sag's nur: warum bist so unbarmherzig gewesen gegen mich und dich?"

"Ich kann's nicht sagen", kicherte Christine wie damals, als sie sich im Bäckerhause hinter dem Ofen versteckte.

"Ich küss dich so lang, bis du's sagst, denn ich merk jetzt schon, dass es was zu bedeuten hat."

"Da kannst lang küssen."

"Oder ich drück dich, bis dir der Atem ausgeht."

"Dann sterb ich in deinem Arm."

"Wart, ich will dir schon zeigen, wer Herr ist. Willst du Daumenschrauben kennenlernen?"

Kaum hatte er ihre Finger etwas zwischen den seinigen gepresst, so schrie sie: "Halt! Lass nach! Ich will ja alles gestehen!" Sie legte den Mund an sein Ohr und sagte: "Sieh, meine Mutter hat zu mir gesagt, wenn ich einen dummen Streich mache, so schlage sie mir alle Glieder entzwei, und –"

"Ja? Und?"

"Ach, du brauchst nicht alles zu wissen."

Er erhaschte ihre Finger und wiederholte die vorige Folter. "Und damit's nicht zu dem kommen soll, was mir meine Mutter gedroht hat", bekannte sie stöhnend und lachend zugleich, "hab ich dich