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er wieder an, "so hätt ich auch können daheim bleiben."

Sie legte das Buch auf den Tisch. "Es ist nicht meine Schuld", sagte sie. "Ich hab's ja nicht so haben wollen. Aber ich möchte mich an keinen hängen, der schlecht von mir denkt und mich eine Nachtläuferin heisst. Ich hab noch niemand Anlass geben, etwas Unrechts von mir zu glauben, am allerwenigsten –" Sie stockte, denn das Du wollte ihr nicht über die Lippen.

"Hab ich denn wissen können, dass du meinetwegen unterwegs bist?" rief er.

"Das ist gleichviel", erwiderte sie. "Niemand hat das Recht, wenn er mich auch bei Nacht antrifft, mir das Rumlaufen vorzurücken, und das auf eine Art, dass man wohl versteht, wie's gemeint ist. Ich bin noch keinem nachgelaufen und werde auch keinem nachlaufen mehr."

"Nun ja", versetzte er, "wenn ich gewusst hätt, was für einen Botengang du tust, so hätt ich ja gewiss nichts dergleichen gesagt."

"Das glaube ich", bemerkte sie, unmutig über diese leichte Entschuldigung.

"Jetzt lass es aber gut sein!" rief er, auf sie zugehend. "Bis du austrutzt hast und auspredigt, ist der Pfarrer mit der Predigt auch zu ende."

"Nicht so geschwind!" rief sie und wich rasch vor ihm zurück.

"So? da kann ich also heimgehen?" sagte er, erbittert über den ernstlichen Ton, mit dem sie ihn zurückgewiesen hatte.

Sie gab keine Antwort.

"So kann's nicht zwischen uns fortgehen!" rief er, allmählich wild werdend. "Jetzt sag's grad raus und lass mich nicht lang warten: wie hast's mit mir?"

"Ich weiss nicht", sagte sie, "ich glaube, wir taugen nicht recht zusammen, wir zwei beide. Ich will nicht von den vielen Haken reden, die die sache hat und die mich schon oft traurig gemacht haben. Aber wer mein Schatz sein will, der darf mich nicht so anfahren und darf mich nicht gleich beschuldigen, dass ich auf unrechten Wegen sei, eh er sich nur Zeit nimmt, die Augen aufzutun. Wenn einer auf seinen Schatz nichts hält, so tut's nicht gut zwischen ihnen. Mein Vater und meine Mutter sind oft hart gegen mich; wenn mein Schatz auch so wär, was hätt ich dann gewonnen? Mit meinem Schatz will ich ein besseres Leben führen, oder lieber will ich bleiben, wie ich bin. Es ist mir ohnehin nicht so besonders drum zu tun; ich kann allein sein, und ich glaube, ich will's auch."

Obgleich er sich gestehen musste, dass das Mädchen vollkommen recht habe, und obgleich sie ihm in diesem Augenblicke mit ihrer ganzen Art zu denken und zu reden unsäglich gefiel, denn das war nicht mehr das schüchterne, kindische Wesen, das andere Leute für sich reden liess, so gestattete ihm doch sein starrer Trotz nicht, aus ihren Worten etwas anderes als einen bittern Bescheid herauszulesen. "Wenn man mir so ausbietet", sagte er, "dann will ich nicht überlästig sein."

Sie schwieg, ohne aufzublicken.

"Es ist also Ernst?" wiederholte er. "Ich soll gehen?"

"Wer mir's so macht, den werde ich nicht bleiben heissen", antwortete sie entschlossen, aber zugleich drangen ihr die Tränen in die Augen.

"Nein!" rief er wild, und die seinigen rollten, während er das Messer zog. "So geh ich nicht fort! Hie auf dem Platz muss es sich zwischen uns entscheiden. Sag ja oder nein, willst du mich, oder willst du mich nicht? Wenn du mich willst, so versprech ich dir, dass dergleichen Dummheiten, wie gestern nacht, von nun an nicht wieder vorkommen sollen, du bist ohnehin ganz allein schuld daran gewesen, weil du mich ganz wild und falsch gemacht hast die Zeit daher, und unartig will ich auch nicht mehr gegen dich sein, will dich vielmehr auf den Händen tragen und ein Leben mit dir führen, dass ganz Ebersbach ein Exempel dran nehmen soll. Willst du mich aber nicht, so verzeih mir's Gott, du kommst nicht lebendig von der Stell. Sieh das Messer hier, das bis jetzt bloss unvernünftigen Geschöpfen den Lebensfaden abgeschnitten hat, das soll dann ein edleres Blut trinken. Sag nein, und ich stech dir's ins Herz, ich treff gut, darauf kannst dich verlassen, und das auf den ersten Stoss. Der zweite dann, der gilt mir, denn wenn du nicht mein werden willst, so soll dich auch kein anderer haben, und wenn du tot bist, so will ich auch nicht mehr leben. Dich will ich, auf der ganzen weiten Welt nur dich, und wenn das nicht sein kann, so ist es zu dieser Stunde mit uns beiden aus."

Christine war einen Augenblick starr und bleich vor Schrecken dagestanden, wie er mit dem funkelnden Messer auf sie zuschritt. Bald aber änderte sich ihr Gesicht. Im Gegensatz zu ihm, der in ihren Reden nur Bitterkeit fand, sog sie aus den seinigen nur den Honig heraus. Aufgelöst durch das Übermass von Feuer und Liebe, das aus dieser fürchterlichen Liebeserklärung hervorbrach, und ohne sich durch die rohe,