von der Beschwerde des Körpers und den Vorwürfen der Seele verschafft, so überfiel ihn das Bedenken, ob auch Christine ihn so schnell zu absolvieren geneigt sein werde. Alle Zurückweisungen, die er von ihr hatte erdulden müssen, kamen ihm wieder in den Sinn, und der Gedanke, dass sie ihn heute heimgehen heissen könnte, wie er sie gestern heimgeschickt hatte, erfüllte ihn nach der kurzen Anwandlung von Heiterkeit plötzlich mit Wut und Verzweiflung. Im ersten Augenblick entschloss er sich trotzig zum Dableiben, als ob sie ihm den gefürchteten Schimpf bereits angetan hätte; im nächsten trieb ihn sein kochendes Herz wieder zum Gehen an. Aus diesen blitzschnell und gewaltsam abwechselnden Empfindungen der heftigsten leidenschaft und des misstrauisch aufgeregten Stolzes entsprang endlich eine Liebeserklärung, die keiner Anleitung zur Kunst des Liebens entnommen war, auch keineswegs ein Muster in derselben genannt zu werden verdient, aber als eine glaubwürdig überlieferte und ihren Helden scharf zeichnende Begebenheit nicht verschwiegen werden darf.
Dass er Christinen diesen Vormittag allein zu haus finden würde, hatte ihm ihr Brief klar gesagt, obgleich es nicht mit Worten darin zu lesen stand: denn wozu würde sie sich gestern nacht so viele Mühe gegeben haben, den Brief noch in seine. hände zu bringen, wenn sie nicht sicher gewesen wäre, dass die Ihrigen am Neujahrsfeste alle in die Kirche gehen würden.
Die Glocke hatte schon das zweite Zeichen geläutet, als er die 'Sonne' verliess und mit einer Bedächtigkeit, welcher man seinen inneren Zustand nicht angesehen haben würde, verschiedene Seitengässchen einschlug, um möglichst wenigen Kirchengängern zu begegnen. Und doch konnte er sich überall sehen lassen: in dem neuen Rock von dunkelblauem Tuch mit grossen Knöpfen und in den kurzen Beinkleidern von schwarzem Samt – die hirschledernen, über die er gegen den Zigeuner gescherzt hatte, waren seit Weihnachten verbannt – trat seine gedrungene Gestalt stattlich hervor; das scharlachene Brusttuch (Weste) passte zu dem Stahl und Messer, die er in den Gürtel gesteckt; der Dreispitz auf dem kopf gab dem jugendlich kräftigen Gesicht ein unternehmendes Aussehen, und die weissen Strümpfe über den Schnallenschuhen umschlossen ein derbes Paar Beine, auf welchen der Mann im Vollgefühl der Jugend wie auf festen Säulen wandelte. Er wandte sich dem feld zu, wo er zu dieser Stunde auf niemand treffen konnte und wo die dicht fallenden Schneeflocken die Spuren seiner Tritte schnell wieder ausfüllten. Die Glocken läuteten zusammen; als sie schwiegen und die Orgel einfiel, die man bis aufs Feld heraus hörte, lenkte er die Schritte zu des Hirschbauern Haus. Er fand die hintere tür angelehnt, verschmähte es aber, sich derselben zu bedienen, sondern stieg die aussen an der Seite emporführende Treppe hinauf, welche den rechtmässigen Eingang ins Haus gewährte. Im Hinaufsteigen konnte er durch das Fenster sehen, und seine Auslegung der nächtlichen Briefträgerei hatte ihn nicht getäuscht, denn Christine sass allein in der stube und las, so schien es wenigstens, ganz vertieft im Gesangbuch, auf dessen aufgeschlagener Seite ein Blättchen mit einem flammenden, von einem Schwert durchstochenen Herzen eingelegt war.
Sie musste jedoch nicht so vertieft gewesen sein, als sie scheinen wollte, denn als er zur tür eintrat, sass sie nicht mehr am Tisch, sondern stand aufrecht mit dem Buch in der Hand; allein so eifrig sie darin zu lesen schien, so zeigte sich doch in ihren Mienen eine Spannung und Bewegung, welche deutlich verriet, dass ihre Gedanken ganz anderswo als bei einem geistlichen lied waren. Sie war ihm nie so schön vorgekommen: ihr helles Gesicht, obgleich heute nicht so rotwangig wie sonst, blinkte von Morgenfrische, und die gelblichblonden, streng gescheitelten Haare umschlossen es mit einem freundlichen Rahmen; ein feuchter Schimmer schwamm in den niedergeschlagenen Augen; durch das schwarze Gesangbuch, das in den gefalteten Händen ruhte, erhielt das gleichfalls schwarze Wams, das sonst ein alltäglicher Anblick ist, etwas Feierliches, das den lockenden Reiz der Erscheinung dämpfte; das ärmliche Unterkleid war von einer reinlichen weissen Schürze beinahe ganz zugedeckt.
Sein Herz klopfte, während er im langsamen Eintreten die liebreizende Gestalt mit den Augen verschlang. "Ist's erlaubt?" sagte er, an der tür stehen bleibend.
"Ich kann's nicht verwehren", antwortete sie, und ihre Augen verirrten sich von dem lied, aber nicht weiter als bis an den Rand des Buches.
"Sie trutzt mit mir", dachte er.
Beide schwiegen geraume Zeit still, dann begann er wieder: "Ich hab geglaubt, wenn man einen einlade, so vergönne man ihm auch ein gutes Wort. Wird ja einer nicht vor Amt geladen, ohne dass man ihm dort eröffnet, warum er vorgeladen ist."
"Das ist auch meine Absicht gewesen", sagte Christine, "aber wie ich den Brief geschrieben hab und bei Nacht ausgetragen, weil ich meine Brüder nicht hab drum wissen lassen wollen, und hab nicht früher fortkommen können, als bis alles im Bett gewesen ist, da hab ich nicht gewusst, dass es mir so aufgenommen wird und so ausgelegt. Es ist mich sauer genug ankommen, denn ich hab mir wohl sagen können, dass sich so etwas nicht schickt. Deswegen bin ich nun auch bitter gestraft dafür und sehe's jetzt vollends ganz ein, dass ich's hätt nicht sollen tun."
"Der Brief gilt also nichts?" fragte er.
Sie sah in ihr Gesangbuch, ohne zu antworten. Abermals folgte ein langes Stillschweigen.
"Wenn's so steht zwischen uns", hob