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zu sich zurück! In seinem Entzücken dachte er nicht daran, dass seit der Ankunft dieses Briefes schon wieder eine neue Wolke zwischen ihn und sie getreten war, er stand wie von einer Flamme umgeben, drückte den Brief ans Herz und jauchzte laut auf. Zu gleicher Zeit erscholl auch in der stube ein Jauchzen und Gläsergeklirr. Die Glocke vom Turm hatte den neuen Zeitabschnitt zu verkündigen begonnen, der eigentlich mit jeder Sekunde eintritt, der aber da, wo zugleich die Jahreszahl sich mit ihm verändert, einen tieferen Eindruck auf den Menschen macht, und nach alter Sitte stiessen die Leute mit den Gläsern an und riefen einander Glückwünsche auf das neue Jahr mit seinen noch verschleierten Geschicken zu.

Friedrich eilte in die stube, ergriff sein Glas und stiess mit an.

"Prosit's Neujahr!" rief ihm der Invalide zu. "Es lebe das Jahr Siebenzehnhundertneunundvierzig!" antwortete er.

"Siebenzehnhundertfünfzig!" schrie man ihm von allen Seiten entgegen, und der Rechnungsfehler wurde mit lautem Gelächter zurechtgewiesen. "Der will das Neujahr leben lassen und kann nicht hinein!" spottete einer. "Fünfzig schreibt man jetzt, und das zehn Jahr lang, musst dich dran gewöhnen", sagte ein anderer. "Kannst nicht aus der Zahl heraus, wo das Jahrhundert in sein Schwabenalter gekommen ist?" fragte ein dritter.

"Mag leicht sein", sagte Friedrich halblaut, so dass nur der Invalide es hören konnte, "in dem Jahrzehnt, das sich mit vierzig schreibt, hat meine rechte Mutter noch gelebt, und da ist es wohl zu begreifen, dass mir die Zahl wie eine alte Heimat ist, aus der man nicht gern heraus mag. Also das Jahr Siebenzehnhundertfünfzig soll leben!" rief er, nochmals das Glas erhebend, und in seinem Herzen setzte er hinzu: "das Jahr, das mir Ersatz geben soll!" Es war ihm, als ob er jetzt wieder eine Mutter hätte. Er hielt es nicht lange in der Gesellschaft mehr aus. Es war still und sanft in ihm geworden, und diese innere Glückseligkeit taugte nicht zu dem, was um ihn her vorging. Das lachen und Johlen nahm überhand, und zwar um so ungestörter, als die Polizei sich selbst daran beteiligte. Der Schütz, der durch den Schrecken ziemlich nüchtern geworden war, hatte die neue gelegenheit zum Trinken nach Kräften benutzt und machte schon wieder Riesenfortschritte in der Trunkenheit. Der Kübler hatte von seinen fünf Sinnen keinen einzigen mehr ganz beisammen und belustigte die Gesellschaft durch die grunzenden Laute, die er von sich gab. "Bringet die Noten im Kübel her, die S– will singen!" rief der Schütz, aber während er sich über seinen Genossen lustig machen wollte, stürzte er auf einmal mitsamt dem Stuhl zu Boden und stand nicht mehr auf. Das wilde Gelächter über diesen Auftritt schallte noch lange hinter dem Flüchtling her, der die Herrlichkeit hinter sich liess, ohne gute Nacht gesagt zu haben.

Zu haus fand er seinen Vater noch wach und noch immer von Gesellschaft umgeben. Er brummte über sein langes Ausbleiben, doch mehr, wie es schien, aus väterlichem Wohlwollen, dass er sich ihm an einem so heiteren Abend entzogen hatte, als aus Missmut darüber, dass er seiner Pflicht nicht nachgekommen war. Noch in später Stunde waren Fuhrleute angelangt; sie fluchten wacker über den langen Aufentalt, der ihnen durch verschiedene Zufälle und am meisten durch den Esslinger Zoll verursacht worden war. Friedrich widmete sich mit Eifer ihrer Bedienung, und ihre Scherzreden bewiesen, dass er von lange her bei ihnen wohl angeschrieben sei. "Er geht so leichtfüssig einher, als ob er in der Luft wandeln tät", sagte einer derselben von ihm, und die Bezeichnung war richtig, denn das Gefühl, das ihn seit dem Empfang von Christinens Brieflein beseelte, hatte ihm gleichsam Flügel an die Sohlen geheftet.

Er ging als ein glücklicher Mensch zu Bette, trunken von Liebe und auch ein wenig vom Wein. Da er nicht sogleich einschlafen konnte, so hörte er noch den Neujahrswunsch der armen Kinder, die, mit Lichtern umherziehend, vor den Häusern zu singen pflegten. Es war ein einziger Vers, der für jedes Mitglied der Familie, und wenn sich ihre Zahl noch so hoch belief, besonders wiederholt wurde. Zuerst traf die Reihe den Hausvater, dann die Mutter; die Kinder, soviel ihrer waren, wurden jedes einzeln angesungen, dann kamen die Mägde, dann die Knechte und ganz zuletzt, wenn der Gratulationszug vor einem wirtshaus hielt, die bekannteren Gäste, die darin wohnten. Sie sangen, als die Reihe an Friedrich kam: Jetzt wünschen wir auch dem Herrn Johann Frieder

ein gut's neu's Jahr,

Ein gesundes Jahr, Ein glücklich's Jahr, An Fried und Freud ein reiches Jahr. Gott mach es wahr! Gott gebe, dass es werde wahr! "Gott gebe, dass es werde wahr!" sprach Friedrich in seiner kammer nach.

9

Der erste Gegenstand, mit welchem er sich bei seinem Erwachen am Neujahrsmorgen beschäftigte, war der Brief, der ihn gestern nacht so glücklich gemacht hatte. Er zog ihn unter dem Kopfkissen hervor und las ihn aber und abermals. Dabei konnte er freilich eine Wahrnehmung, die ihm im ersten jubel so gut wie entgangen war, nicht ganz unterdrücken. Der Brief war ziemlich abscheulich geschrieben, sowohl was die Handschrift, als was die Rechtschreibung betraf; jene stellte in Unbehilflichkeit und Verworrenheit das