seines jungen Freundes nicht begriff. "Ich hab mich hinter die Tür versteckt. Wo ist er denn hin?" "Rechts hinunter, der 'Sonne' zu." "Ruft ihn, ruft ihn zurück!" sagte Friedrich mit grösster Hast, ohne zu bedenken, dass dazu ein hölzernes Bein nicht das tauglichste war. "Es ist zu spät", murmelte er in kalter Bestürzung, "gebt acht, jetzt fliegt er."
Dem Invaliden ging ein Licht auf. Es war aber keine Zeit mehr, etwas zu ersinnen, das die Gefahr abwenden konnte, ohne den Täter zu verraten, denn in demselben Augenblick erfolgte auf der Strasse ein furchtbarer Knall, der das Haus erschütterte. Alle sprangen vom Tisch auf, ausgenommen den Kübler, der stumm verwundert um sich sah. Friedrich war der erste, welcher hinausstürmte, da er glaubte, unmittelbar nach dem Knall, dessen Ursache ihm nur zu gut bekannt war, einen Schrei von einer weiblichen stimme vernommen zu haben, der ihm das Mark durchschnitt. Draussen stand der Schütz unbeweglich wie eine Salzsäule. Er überliess es den andern, sich mit ihm zu beschäftigen, und eilte mit klopfendem Herzen weiter. Obgleich es hell war, sah er niemand und wollte eben wieder umkehren, als er nicht weit von sich schluchzen hörte. Er ging dem Tone nach. Im Schatten eines Hauses stand ein Mädchen angelehnt, das die hände vors Gesicht hielt und heftig zitterte. "Um Gottes Jesu willen!" sagte er, "ist ein Unglück geschehen?" Er eilte auf sie zu und zog ihr die hände vom Gesicht. Es war Christine.
"Hat's dir etwas getan?" fragte er verzweiflungsvoll.
"Nein, es ist nur der Schreck", antwortete sie. "Es ist mir in alle Glieder gefahren und hat mich so angegriffen, dass ich weinen muss."
"Gott sei Lob und Dank!" flüsterte er. "Da hätt ich eine schöne Dummheit anrichten können."
"So?" sagte sie, noch immer weinend, "jetzt weiss ich, wer mir das getan hat; für solche Streich bedank ich mich. Vor so einem Mutwillen ist man ja seines Lebens nicht sicher."
Der Brauskopf, der soeben noch bereit gewesen wäre, sie fussfällig um Verzeihung seiner unsinnigen Torheit zu bitten, war plötzlich umgewandelt. "Du tust ja, wie wenn's dich mitten auseinandergerissen hätt", sagte er kalt. "Sei du froh, dass dir's nichts getan hat, und lauf nicht rum bei der Nacht, dann widerfährt dir nichts."
"Ich kann ja heimgehen", erwiderte sie tiefbeleidigt. "D e n gang hätt ich mir ersparen können. Ich will mir's merken. Gut Nacht!" Sie bog um das Haus und war verschwunden.
Er wandte sich trotzig und ging zurück. Die Gesellschaft hatte indessen den Schützen wieder in die Wirtsstube gebracht. Auch an ihm war die Gefahr glücklich vorübergegangen, und nur der Knall hatte ihn anfangs bis zur Sinnlosigkeit betäubt. Doch führte er noch etwas verwirrte Reden und versicherte, er habe einen Geist gesehen, einen weiblichen Geist, der ihn durch den Blitz des Feuers mit grossen Augen angestarrt habe. Es wurde lebendig in der Wirtschaft. Die Scharwache kam, um vergebliche Untersuchungen nach dem Urheber der gefährlichen Mine anzustellen; auch hatte der Lärm Gäste aus anderen Wirtshäusern hergelockt. Friedrich liess Wein heraufschaffen, zunächst für den Schrecken, wie er sagte, den der Schütz gehabt; aber es fanden sich auch noch andere Abnehmer. Man sprach und schrie über den Vorfall; die einen schimpften auf den Täter, die andern lachten. Der Invalide spottete, dass man über einen Mordschlag ein so grosses Aufheben mache; in seinen Schlachten habe es anders gedonnert, sagte er und machte einen neuen Versuch, seine Kriegsgeschichten zu erzählen; aber die Leute waren zu aufgeregt, um ihm zuzuhören. Gegen Friedrich wurde kein Verdacht laut; die wenigen, die den wahren Täter erraten hatten, wussten zu schweigen.
Mitten im Tumult zupfte ihn die Bäckerin am Arm und gab ihm ein Zeichen. Er folgte ihr in die Küche. "Es ist ein absonderlicher Briefträger dagewesen", sagte sie und gab ihm einen Brief: "Das Christinele hat gesagt, es hab den ganzen Abend keinen Menschen finden können, der ihm den Brief fortgetragen hätt, und in die 'Sonne' hab es nicht mit ihm gehen mögen; da hab es eben versucht, ob das Briefle nicht hier an seinen Mann zu bringen wär, und richtig, es hat keinen Metzgergang getan. Ich bin nur froh, dass dem Kind nichts geschehen ist; denn kaum ist es fortgewesen, so ist der teufelhäftig Knall losgegangen. Die Jugend wird immer schlimmer. Ich wollt, man tät den Malefizkerl, der den Mordschlag gelegt hat, an den Ohren kriegen und tüchtig schütteln, das wär ihm gesund."
"Dem Mädle ist nichts widerfahren", sagte Friedrich etwas verlegen, "ich hab draussen nachgesehen, es ist kein Mensch verunglückt. Was steht denn in dem Brief?"
"Weiss ich das?" entgegnete sie mit schlauem Lächeln, "kann ich wissen, was ihr für Geschäfte miteinander habt? Nun, ich will nicht neugierig sein."
Sie ging in die stube. Friedrich erbrach mit bebender Hand den Brief und las ihn bei der trüben Küchenampel. Christine bat ihn um Verzeihung und rief ihn