1855_Kurz_155_45.txt

er alles wüsst! Ich bin euch gut dafür, dass er ihn selber nicht kennt."

"Was, ich?" erwiderte der Schütz und richtete sich stolz empor, "ich soll ihn nicht kennen?"

"Nein, ich wett, was du willst."

"Ein Flasch Wein!"

"Eingeschlagen!"

Und ohne an seine Amtswürde zu denken, sprang der Schütz vom Stuhl auf, setzte den Hut verkehrt auf den Kopf, nahm die Rockzipfel zwischen die Zähne und führte einen seltsamen Tanz mit plumpen Sprüngen auf, die sich um so abscheulicher ausnahmen, da er im wachsenden Rausche seines Körpers nicht mehr mächtig war. Wenn das Mädchen, von dem er erzählte, nur zum zehnten teil so hässlich getanzt hatte, so hatte Friedrich mit seiner Bezeichnung vollauf recht gehabt. Die Gesellschaft brüllte vor lachen, aber in den Augen der Männer malte sich zugleich die Verachtung, welche die Bäckerin noch deutlicher ausdrückte, indem sie, ohne lachen zu können, mitleidig nach dem Lustigmacher hinsah. "Da tanzt unsere Obrigkeit!" sagte der Kübler.

"So, das ist der Husarentanz!" keuchte der Schütz, indem er atemlos auf seinen Stuhl zurückfiel. "Jetzt eine Halbe dem Küblerfritz!"

Das Gelächter dauerte noch lange fort, während er sich schon den Preis seiner Schaustellung schmecken liess. Er wurde mit zweideutigen und spöttischen Lobsprüchen überschüttet, und der Invalide sagte ihm, er sollte sich beim Ballett in Stuttgart anstellen lassen, da würde er am besten hintaugen.

Diese Aufnahme seiner künstlerischen Produktion machte ihn wieder ein wenig nüchtern. "Aber das Schönste hab ich noch gar nicht erzählt!" rief er, um den ihm allmählich klar werdenden Eindruck des Possenspiels, das er soeben aufgeführt hatte, zu verwischen. "Ein Hexenprozess ist heute noch zu guter Letzt verhandelt worden!"

"Ein Hexenprozess? Was? Wird wieder einmal eine Hex verbrennt?"

"Nein, dazu bietet die Obrigkeit nimmermehr die Hand. Aber doch ist's ein Hexenprozess gewesen, und das ein saftiger. Ich hab schon gemeint, die Sitzung geh zu ende, die Herren haben nur noch ein wenig von wegen der Kirche und Schule diskuriertder Wetterhahn ist lahm worden, und die Schulmeisterin will eine Küche und mag sich nicht mehr mit dem schlechten Verschlag zum Kochen behelfenda kommt auf einmal der Franzos den gang herangestiegen, wie ein welscher Hahn, und den Hut hat er ganz schief aufgehabt, so dass ich gleich gedacht hab, da sei bös Wetter im Anzug."

"Wer ist der Franzos?" fragte der Müllerknecht.

"Man heisst ihn so, weil er ein Jahr im Elsass das Sattlerhandwerk gelernt hat und davon ein wenig welscht. Er hat eine Hammelayin zum Weib. Ich hab ihn gleich müssen bei Konvent anmelden, und weil ich neugierig gewesen bin, hab ich die Tür ein wenig offengelassen. Da hat er schrecklich getan und immer mit den Händen dazu gefochten und hat den Schmiedhannes verklagt, dass er heute in Gegenwart des ganzen löblichen Magistrats, just vor der Konventssitzung, in einem Streit wegen eines Gartenzaunes die Hammelayischen insgesamt Hexen gescholten habe. Das sei ein Schimpf und eine Schande für ihn und seine Gefreund'ten, und er klage im Namen der ganzen Hammelayischen Familie, man möchte den Schmied zur gebührenden Strafe ziehen und ihm eine christliche Abbitte auferlegen. Ich hab gleich den Schmiedehannes holen müssen, und der hat auch ohne weiteres bekannt, dass er diese Rede vor gesessenem Gericht ausgestossen hab, und es sei wahr, er bleibe dabei, denn die alte Hammelayin sei ihm schon vor fünf Jahren einmal in aller Früh ohne Haub im Hemd und Rock begegnet, hab auch eine schwarze Katz bei sich gehabt, die so gross als ein Kalb gewesen sei. Der Herr Amtmann hat ihm drauf die sache ausreden wollen, er hab vielleicht einen starken Morgenschnaps getrunken gehabt und die Katz durch eine zu grosse Brill angesehen. Er aber ist dabei beharrt, dass er keinen Rausch gehabt habe, und wie ihm der Herr Amtmann zugesetzt hat, so ist er zornig worden und hat sich verschworen, der Teufel solle ihn zu Sägmehl verreissen, wenn er weiter als für sechs Kreuzer getrunken gehabt hab. Auf das ist der Herr Pfarrer aufgefahren, und der Herr Amtmann hat ihm gleich zwei Pfund heller andiktiert, weil er sich mit Fluchen vermessen hab, absonderlich in Gegenwart des Herrn Pfarrers. Das hat ihn denn etwas mürber gemacht, und endlich hat er sich zureden lassen, dass er den Hammelayischen solche Gottlosigkeiten nicht beweisen könne, sondern aus Zorn und Unverstand gered't hab. Er hat dann dem Franzosen für die Hammelayischen Abbitte tun müssen und ist als ein schlecht bemittelter Mann, den die zwei Pfund heller schon sauer ankommen, auf zweimal vierundzwanzig stunde in Turn gesprochen worden, heisst das, erst wenn das Quartier vom Küfer frei wird."

"So was muss man eben auch nicht auf seine Nebenmenschen bringen, wenn man's nicht beweisen kann", bemerkte der Müllerknecht, "das ist doch das Allerärgste, was man einem nachsagen kann."

"Die Obrigkeit nimmt ja so etwas gar nicht mehr an", sagte einer der Bauern, die in der Gesellschaft sassen, verdriesslich. "Da können alle Greuel geschehen, man fragt nichts darnach, und wenn einer das Maul drüber auftut, so wird er noch gestraft. Die Herren glauben's nicht oder tun wenigstens so, und man sagt, auch der