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wilden Schweinen übel zugerichtet gewesen sind. Da hat der Konvent ein Einsehen gehabt und hat judiziert, es sei ein Notwerk gewesen."

"Ja, was!" sagte ein Bauer, "bei so fürnehme leute hat man freilich ein Einsehen."

"Ich will doch nicht hoffen", rief ein anderer, "dass der Kirchenkonvent auch noch den wilden Säuen den Kopf heben sollt, die uns das Feld verderben und die beste Frucht wegfressen! Unsereins muss sich das ganze Jahr hindurch schinden und plagen, damit man in Stuttgart in Saus und Braus leben kann, und man sollt nicht einmal seine Frucht eintun dürfen, eh die Beester sie vollends ruiniert haben?"

"Man hat nicht bloss mit dem Sonnenwirt und solchen Leuten ein Einsehen", bemerkte der Schütz dem vorigen Redner, "sondern auch mit dem gemeinen Mann. Wie im Heuet das Gewitter auf unsere Markung geschlagen hat, Göppingen zu, und ein Hochwasser zu befürchten gewesen ist, hat nicht da der Herr Amtmann am Sonntag früh ausschellen lassen, die Leute sollen und müssen ihr Heu sogleich heimtun, dass und damit es nicht vom wasser fortgenommen werde?"

"Ei, ich wollt, er hätt's draussen gelassen", erwiderte der Angeredete, "das wasser ist nicht stärker worden, wie man hat voraussehen können, und mit dem Heu hat man nachher seine liebe Not gehabt. Hätt man's liegenlassen dürfen, so wär's auf dem Feld trokken worden."

"Das war dazumal", sagte einer aus der Gesellschaft lachend, "wo der Blitz dem Käsbaltes sein Paar Ochsen erschlagen hat. Ich sehe ihn noch immer, wie er dagestanden ist und eine Faust gegen den Himmel gemacht und geschrien hat: 'Jetzt soll aber auch unserm Herrgott sein bestes Paar Engel verr–.'"

Ein schallendes Gelächter folgte auf diese Erzählung. "Das dürft auch nicht beim Kirchenkonvent vorkommen", bemerkte einer.

"Ei, so schlag!" rief der Müllerknecht, immer von neuem in lachen ausbrechend und das verpönte Wort in unschuldigerer Wendung wiederholend: "so, unserm Herrgott soll sein bestes Paar Engel kapores gehen?"

"Ja, und dem Herzog sein schönstes Paar Tänzerinnen!" knirschte der Kübler, indem er das Glas auf den Tisch stiess.

In der Wirtsstube wurde es plötzlich so still, dass man eine Fliege summen hörte, die sich in der Tag und Nacht gleichen Wärme des Bäckerhauses lebendig erhalten hatte.

"Oh, dass ich könnte ein Schloss an meinen Mund legen und ein fest Siegel auf mein Maul drücken!" sagte die Bäckerin mit biblischer Betonung.

"Was!" rief der Kühler wild, "ist denn eine zerbrochene Fensterscheib in der Stub, dass man seine Wort hüten muss?"

Friedrich sah unwillkürlich nach dem Schützen hin.

"Vor Kirchenkonvent wenigstens dürft so etwas nicht bekannt werden", sagte der Müllerknecht, der soeben noch eine Verwünschung der Engel Gottes weit minder verfänglich gefunden hatte als einen Fluch über die Tänzerinnen des Herzogs.

Der Schütz, dem der blick des jungen Burschen nicht entgangen war, versetzte: "Ich denke, der Herr Amtmann und der Herr Pfarrer werden froh sein, wenn sie nichts davon erfahren. Es ist besser, eine solche unverständige rede bleibt in der Gemeind, denn wenn sie weiter käm, so könnt sie einen an Leib und Seel zeitlebens unglücklich machen."

Der Kübler, dem der Wein mehr und mehr in den Kopf stieg, brummte einiges dagegen, und der Schütz, etwas steif von Trunkenheit und Autoritätsbewusstsein, schien nicht geneigt, ihm eine Antwort schuldig zu bleiben, so dass der Invalide sich abermals ins Mittel legen zu müssen meinte. "Ich hab die Kirchenkonventsgeschichten satt bis oben herauf", sagte er leise zu Friedrich, "und doch weiss ich dem Kerl das Maul nicht anders zu stopfen, denn dass ich ihn aus der Schul schwatzen lass; das kitzelt seinen Hochmut." Und zum drittenmal fragte er ihn, "was sonst noch verhandelt worden sei". "Ein Husarentanz", sagte der Schütz.

"Was?" riefen die andern und sperrten Maul und Augen auf.

"Die Konventsherren werden doch nicht getanzt haben", sagte der Müllerknecht.

"Dummes Geschwätz!" entgegnete der Schütz. "Dem Herrn Amtmann war angezeigt worden, dass in einem Lichtkarz bei der kropfigen Lisabet Kuchen gegessen worden seien und dass des Xanders Bäsle, die bei ihm dient, den Husarentanz dabei getanzt habe, wobei auch ledige Bursche zugegen gewesen seien. Die Tänzerin und die Lisabet, weil die den Karz ohne Erlaubnis gehalten, sind jede ein paar Stunden ins Häusle gesprochen und mit einem Weiberfrevel gestraft worden, und von dem Weibsgeziefer, das im Karz Kuchen gessen hat, ist jede um elf Kreuzer gestraft worden, so auch der Beck, der neben der Lisabet wohnt und die Kuchen backen hat."

Friedrich horchte hoch auf: dies war der Karz, in welchen Christine durch seine Vermittlung eingeführt worden war. Er hütete sich aber wohl zu fragen, ob Christine unter den Gestraften gewesen sei.

"Der Husarentanz?" fragte der Müllerknecht, "was ist denn das für ein Tanz?"

"Kein besonders anständiger", antwortete ihm Friedrich.

"Der Husarentanz", sagte der Schütz, "nun, das ist eben der Husarentanz. Wer wird denn den nicht kennen?"

"Der Schütz", rief der Kübler, "stellt sich doch, als ob