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den Mund stopfen liess.

"Zu was wären sie denn sonst da?" bemerkte Friedrich.

Der Invalide stiess ihn an und flüsterte: "Sei Er doch politisch und lass Er den Kübler allein das Maul brauchen. Der steckt in Schuhen, woran nichts mehr zu flicken ist. Aber Ihm könnt's Schaden bringen, denn der Schütz ist ein Kalfakter; er schmarotzt, soviel man ihm gibt, und nachher trägt er alles, was er dabei gehört hat, seinen Herren wieder zu."

"Was liegt mir dran?" entgegnete Friedrich trotzig.

"Und was ist denn noch mehr heute vorgekommen bei der Kirchenzensur?" fragte der Invalide den Schützen, um das Gespräch abzulenken.

"Oh, mehr als viel", sagte dieser, "die Sitzung hat noch nie so lang gedauert, es ist mir ganz schwach worden vom langen Warten im Öhrn. Zuerst", begann er mit einer Amtsmiene, "sind Kirchenstuhlstreitigkeiten unter den Weibern abgemacht worden; das ist ja ein stehender Artikel bei allen Konventssitzungen. Dann hat man junge Bursche vorgefordert, die aus der Kinderlehre weggeblieben sind, und hat sie mit Vermahnung wieder springen lassen."

Friedrich biss sich auf die Lippen, sagte aber nichts, um nicht den Spott der Gesellschaft gegen sich herauszufordern.

"Dann hat man eine Separatistin fürgehabt, die in Jebenhausen drüben bei der gnädigen Frau in die stunde gangen ist."

Der Gesellschaft war dies so gleichgültig, dass sie nicht einmal nach dem Namen fragte.

"Ferner hat man die alte Anna fürgenommen, die mit dem krummen Fuss, die mit ihren drei Waisen dreissig Kreuzer wöchentlich hat. Der ist fürgehalten worden, dass sie als ein altes baufälliges Weib gleichwohl etlichmal nach Zell hinunter in die Kirche gegangen sei, mit Verachtung des hiesigen Gottesdienstes, und habe sich deshalb die Bürgerschaft über sie beschwert."

"Ja, die Bürgerschaft!" rief der Kübler. "Ein paar alte Weiber werden zum Pfarrer geloffen sein, und vielleicht der Kreuzwirt, und werden ihm nach dem Maul geredt han."

"Was ist ihr geschehen?" fragte der wohlwollende Invalide, in der Absicht, seinen Liebling nicht auch wieder in diesen Ton verfallen zu lassen.

"Sie hat sich verantwortet, sie hab's nur drei- oder viermal getan und sei sie allweg von andern Leuten hinuntergeschickt worden, weil sie eben unerachtet ihrer Gebrechlichkeit sehen müsse, wie sie etwas verdiene, und dann sei sie, um wenigstens das Wort Gottes zu hören, dort in die Kirche gegangen. Man hat dann beschlossen, dass man ihr von den dreissig Kreuzern, die sie aus dem Almosen hat, zehn nehmen und künftig nur noch zwanzig geben wolle, und ihr bedeutet, wenn sie ferner nach Zell in die Kirche gehe, so werde man ihr das Almosen gar nehmen. Sie hat mich gedauert, denn sie hat schrecklich geheult."

"Predigt man denn in Zell ein anderes Wort Gottes als hier?" rief Friedrich, indem er wild mit der Faust auf den Tisch schlug. "Das ist doch ü b e r a u s , wenn so einer besann sich vor dem Schützen einen Augenblick –, wenn so ein Pfarrer meint, man dürf keinen anderen hören als i h n , und nimmt einem armen alten Weib darum das Brot! Und was man in den Kirchen hört, das ist doch meistens nur um der Einkünfte willen gepredigt. Wenn sie's umsonst tun müssten, wie im Evangelium, und dem Volk noch Brot dazu geben, ei, wie geschwind stünden die Kanzeln leer."

Ein Gemurmel durchlief die Gesellschaft; es schien aber keinen Widerspruch anzudeuten. Der Invalide fragte schnell: "Was hat's noch weiter geben?" und schob sein Glas dem Schützen hin, der ihm bereitwillig Bescheid tat, ohne den rebellischen Reden sichtliche Aufmerksamkeit zu schenken.

"Allerlei Sabbatenteiligungen sind abgerügt worden", fuhr er fort. "Einer ist am Sonntag ins Feld gangen, ein anderer hat gedroschen, und des Kühlers sein Bruder ist auch vorgewesen, der hat am Sonntag eine Bettlade angestrichen, und so noch andere mehr. Die sind ein jedweder um ein halb Pfund heller in Heiligen gestraft worden."

"Nächstens wird man am Sonntag nicht einmal mehr einen Bissen zu sich nehmen dürfen", murrte Friedrich.

"Ja", rief der Kühler, "du hast vielleicht gar nicht weit daran vorbeigeschossen, denn der Pfarrer in Hattenhofen drüben hat sich bereits verlauten lassen, man sollt eigentlich den Tag des Herrn mit Fasten zubringen."

Die Gesellschaft lachte unwillig.

"Die Obrigkeit macht aber doch auch billige Ausnahmen", sagte der Schütz zu Friedrich. "Wie Sein Vater verwichenes Jahr um Ostern angebracht worden ist, dass er am Sonntag mit einem Wagen Haber nacher Stuttgart gefahren sei, da ist ihm nichts geschehen, weil er sich hat verantworten können, der Haber gehöre der herrschaft und habe zur Gottesdienstzeit in Stuttgart sein müssen."

"Jawohl!" lachte Friedrich bitter, "wenn's für die herrschaft ist, dann ist's keine Sund! Ich hab geglaubt, vor Gott sei alles gleich. Aber der Herzog jagt auch am Sonntag, wenn's ihn ankommt, und fragt nach keinem Pfarrer nichts. Ich hab ihn selber schon am Sonntag hier durchreiten sehen."

"Und letzten Sommer hat man Seinen Schwager auch entschuldigt, weil er an einem Sonntag Garben eingeführt hat, die von den