er alle Hindernisse, die sich ihm in dieser schnöden Welt entgegenstellten, über den Haufen schiesse.
Dazwischen ging er einmal in die 'Sonne', um nachzusehen, ob man seiner nicht bei der Bedienung der Gäste bedürfe. Die Einkehr war diesen Abend nicht so stark wie sonst, weil sich die Neujahrsnachtgäste in die vielen Wirtshäuser des Fleckens verteilten und weil man wusste, dass der Sonnenwirt auf eine zeitige Ruhe mehr hielt als auf eine lange Silvesterfeier. Derselbe war jedoch heute ungewöhnlich aufgeräumt, er trank, schwatzte, lachte und kneipte abwechselnd ein paar junge Weiber, die mit ihren Männern zum Weine gekommen, in die Backen, so dass einer der Anwesenden dem Wirtssohne zuflüsterte: "Du, dein Gestrenger hat'n Sturm." "Da braucht's keine Brille, um das zu sehen", erwiderte Friedrich. Die Sonnenwirtin, die vor den Leuten gute Miene zum bösen Spiele machen musste, suchte ihrem mann sein Betragen, womit er vielleicht bloss den umlaufenden Gerüchten zu trotzen beabsichtigte, durch Spottreden zu verleiden: "Du bist so alt", sagte sie, "dass die Männer da nicht einmal mehr eifersüchtig auf dich werden." "Es ist auch ziemlich lang her", entgegnete der Sonnenwirt lachend, "dass du ein junger Drach gewesen bist, und euer Gift ist doch nur süss, so lang die Drachen jung sind. Ich weiss nicht", setzte er, gegen die Gesellschaft gewendet, hinzu, "meine Alte ist das Leben ziemlich gewöhnt, sie ist verhärtet, aber wenn sie unser Herrgott oben hielt und ich an den Füssen, ich glaube, ich liess schnappen und nahm mir eine Junge." "Ich wollt auch", rief die Sonnenwirtin, "unser Herrgott nahm eins von uns beiden zu sich, dann ging ich wieder nach Strümpfelbach." Das Gelächter, womit diese Reden aufgenommen wurden, bezeugte, dass an und für sich nichts Feindseliges damit gesagt sein sollte, wie man denn auch wusste, dass die Sonnenwirtin nicht von Strümpfelbach gebürtig war: es waren uralte landläufige Witze, die man im Scherze von den verträglichsten Ehepaaren hören konnte. Hier aber war ihnen viel geheime Galle beigemischt, und Friedrich nahm wahr, dass sich zwischen dem Vater und der Stiefmutter eine Kluft zu öffnen beginne, die, wenn sie nicht die belachte Ortsveränderung zur Folge hatte, doch den Vater bald ganz auf die Seite des Sohnes bringen konnte. "Jetzt wär's gut Wetter für mich", dachte er unwillkürlich, "jetzt würde ich vielleicht meine Rechnung nicht ohne den Wirt machen. Der Fehler ist nur, dass ich gar keine zu machen habe. Die Hauptnummer, die Glücksnummer will nicht her, die mit den gelben Zöpfen und dem verstockten, trotzigen Herzen; was helfen mir alle Anschläge ohne sie? Drauf! drein! Schlagt an! Feuer! drunter und drüber!"
Und abermals krachten die schweren Schüsse, in welchen der törichte Knabe seinen Unmut und sein Pulver verschoss.
8
Eben hatte er wieder seine Davidsharfe brummen lassen und eilte in schnellen Wendungen durch Zwischengässchen vor den Wächtern davon; da führte ihn sein Weg an dem Bäckerhause vorbei, wo er Christinen zuerst gesehen hatte. Er hörte lustige Stimmen hinter den Läden und blickte durch eine Spalte in die stube, wo er seinen Invaliden und andere Bekannte am Wirtstische sitzen sah. Christine war nicht zu sehen, also konnte ihm sein trutziges Ehrgefühl den Eintritt nicht verwehren. Während er sich noch ein wenig besann, wo er das Gewehr unterbringen sollte, sah er in der schneehellen Nacht einen Mann nicht mit den sichersten Schritten daherkommen, in welchem er den Fleckenschützen erkannte. "Der hat schon einen Stich", sagte er zu sich, "und will noch die Sicherheit des Orts bewachen; da wird's heute Nacht noch zum Durchbruch kommen; ich will ihm einstweilen eins aufspielen, damit er munter bleibt." Er schlich sich auf die Seite und gab in der Geschwindigkeit seinem Gewehr eine verdoppelte Ladung; dann kam er leise hinter den Schützen herangeschlichen. Dieser hatte das Geräusch des Ladstocks gehört und lauschte vorgebeugt mit dem Finger an der Nase, ohne recht zu wissen, wohin er sich wenden solle; auf einmal tat es hart an seinem Ohr einen Knall, dass er der Länge nach mit der Nase in den Schnee fiel und sein dreiekkiger Hut weit hinausflog. Im Nu hatte der Täter das Gewehr versteckt und sass drinnen in der Wirtsstube neben dem Invaliden, der ihn mit einem pfiffigen Blinzeln bewillkommte. "Nicht wahr, meine alte Lise ist noch gut bei Stimm?" flüsterte er ihm ins Ohr, "ich hab jeden Knall herausgehört, und bei jedem hat mir das Herz im Leib gelacht." Dann fuhr er in einer angefangenen geschichte vom Prinzen Eugen zu erzählen fort, unter welchem er es bis zum Profosen gebracht hatte. Friedrich wusste seine Geschichten alle auswendig, versah ihn mit Wein und liess ihn erzählen und unterhielt sich indessen leise mit dem uns schon bekannten Müllersknecht, der ihm seit jener Schilderung seiner Jugendbegegnisse eine Art von Bewunderung zollte, seine Bekanntschaft teils in der 'Sonne', teils an anderen Orten pflegte und auf den Hass seines Meisters gegen den mannhaften jungen Burschen so wenig Rücksicht nahm, dass er selbst durch den Verdacht des Müllers wegen des Bienendiebstahls, nachdem Friedrich ihm mit der aufrichtigsten Miene seine Unschuld versichert hatte, sich nicht im geringsten gegen ihn einnehmen liess. Der Alte sollte jedoch seine geschichte nicht zu Ende bringen