hatte, machte den Jüngling an sich und der Welt verzweifeln, und abermals wollte der wilde Geist über ihn kommen, den er schon so manches Unheil hatte vollbringen lassen.
Das Jahr ging zu Ende. Am letzten Tage sass Friedrich in einer müssigen Stunde am runden Tische in der grossen Wirtsstube und las in der Bibel, die mit ihren Heldensagen und Abenteuern der Phantasie des Volkes eine von der Kirche erlaubte Unterhaltung und einen Ersatz für die verschütteten heimischen Überlieferungen bot. Er las eigentlich nicht, sondern blätterte nur, denn er wusste alle diese Geschichten auswendig, die in der Predigt und Kinderlehre geistlich gedeutet wurden, beim unbefangenen Lesen zu haus aber mit ihren guten und bösen Beispielen einen ganz natürlichen Eindruck machten. Da waren Geschichten von Erzvätern, die sich betranken, Kebsweiber hielten und verstiessen, durch Schelmenstreiche reiche Familienhäupter wurden oder in fremdem Hofdienste sich gegen das Volk zu Finanzkünsten hergaben, welche einen Württemberger sehr an den erst zwölf Jahre zuvor in Stuttgart gehängten "Jud Süss" erinnern mussten. Liebliche und heldenmässige Züge wechselten da mit gar unheiligen: ein Volk zog aus einem land auf das Geheiss seines Führers, der einen Totschlag begangen, wie eine Zigeunerbande fort, indem es die entlehnten silbernen und goldenen Geräte behielt; ein kühner Hirt und Räuber, durch treue Freundschaft ewig im Lied zu leben würdig, stahl als Hauptmann einer Schar loser Leute seinem König einen Zipfel des Mantels vom leib weg samt Speer und Becher, diente als Überläufer dem Reichsfeind und missbrauchte, als er später daheim die Krone trug, sein königliches Amt zu Lüsternheit und Meuchelmord, wobei er sich von jenen Erzvätern, wie auch von späteren Landesvätern, doch wenigstens dadurch unterschied, dass er über seine Tat nachher Leid und Reue trug. Bedenkliche und zweifelhafte fragen über diese Erzählungen, die beinahe die einzige geistige Speise des Volkes waren, konnte der junge Mensch, das wusste er wohl, keiner Seele in seiner Umgebung vorlegen. Hatte doch selbst der Waisenpfarrer einmal einen leisen Versuch mit den Worten abgewiesen, man müsse nicht gar zu viel grübeln, Gott wähle oft seine eigentümlichen Wege und Werkzeuge, um seine Pläne auszuführen. Am liebsten aber schlug er die beiden Bücher von den ritterlichen Taten der Makkabäer auf, und oft musste er unwillkürlich nach der nahen Alb hinübersehen, wenn er las, wie diese Helden sich in das Gebirge warfen, um von dort aus die Freiheit und das Gesetz ihres Landes zu verteidigen. Eben las er wieder, wie sie beschlossen, sich durch die Heiligung des Sabbats nicht vom Kampfe abhalten zu lassen, gleich ihren Brüdern, die sich wehrlos in der Höhle schlachten liessen, da ertönte in der Strasse die Schelle des Aufrufers, und er öffnete das Fenster, um zu hören, was es gäbe. Das löbliche Amt liess durch den Flekkenschützen ausschellen, die jungen Burschen sollen sich bei Strafe nicht beigehen lassen, in der kommenden Neujahrsnacht zu schiessen, ein Verbot, das jährlich eingeschärft und übertreten wurde. "Die können nichts als verbieten!" brummte Friedrich, indem er das Fenster zuschlug, "das Schiessen ist nun einmal ein alter Brauch, wiewohl, wenn man's dem Ungeschick überliess, die Jugend durch Verlust von je und je ein paar gesunden Fingern zu kurieren, was ja sowieso geschieht, so wär's wahrscheinlich längst mit dem Knallen vorbei. Aber der Reiz des Verbotenen zieht eben viel stärker als die Furcht vor Schaden. Es ist mir, als ob der Schütz beim Ausrufen ein auge zu mir hätt herauflaufen lassen. Umsonst hat er wohl auch nicht g'rad vor meinem Haus geschellt. So? meint ihr? Dein Amtmann und du, ihr habt, scheint's, ein besonderes Zutrauen zu mir? Ich will euch Ehre machen. Wartet einmal, ob ihr mich kriegt."
Er dachte nicht daran, wie oft er zu sich gesagt, dass er die Knabenschuhe vertreten habe, sondern schlich sich, als es dunkel wurde, zu einem Invaliden, der nicht weit von der 'Sonne' auf Leibgeding wohnte, und dem er schon manchen Bissen und Trunk gespendet hatte. Von diesem entlehnte er sein altes Schlachtgewehr, das schlecht schoss, aber um so mächtiger knallte, und bald unterschied man aus den Schüssen, die im Flecken und um denselben losgingen, einen, der alle anderen überdonnerte. Er hatte die Silvesternacht eröffnet und krachte regelmässig in kurzen Pausen durch das Geknatter des jugendlichen Mutwillens hindurch. Da und dort geschah ein Unglück, da und dort fiel einer der Lärmmacher den hin und her rennenden Wächtern in die hände, und sein Puffer verstummte; aber den Donnerknall hörte man ununterbrochen beinahe die ganze Vormittnacht und jedesmal weit entfernt von dem Orte, wo der vorübergehende Schuss gefallen war und die Wächter angelockt hatte. "Wer feuert denn so kartaunenmässig?" fragten die Leute im Flecken. "Wer sonst, als der Sonnenwirtle", antworteten andere, "er ist am besten an dem zu erkennen, dass ihn keiner von den Scharwächtern erwischt." Für den Eingeweihten war das sicherste Wahrzeichen wohl das, dass der unsichtbare Donnerer überall, nur nicht an des Hirschbauern Haus sich hören liess. Das hätte ihm der Stolz und der Groll nicht zugelassen. Doch lobte er die alte Muskete und verglich sie in seinem Sinn mit Davids Saitenspiel, vor welchem der böse Geist von Saul entwich; denn mit jedem Schusse, der aus dem schwergeladenen Laufe fuhr, meinte er um einen teil seines Unmuts erleichtert zu sein, und es war ihm, als ob