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Herz ein. Wie er aber näher kam, so schien es, als ob ihn bloss der Zufall diesen Weg führe, denn er sah sich nicht einmal um. Sie rief ihm einen Gruss zu und fragte, eingedenk der Lehre, die ihr so eben die Mutter gegeben: "Willst nicht auch einmal wieder nach deinem Lamm sehen?" – Da der Schatz, wie sie ihm erlaubt hatte, sich zu nennen, keine Antwort gab, obwohl er unschlüssig stehengeblieben war, so fuhr sie etwas vorschnell fort: "Oder magst 's nicht wenigstens holen, wenn du nichts mehr von uns willst?"

Friedrich hörte aus diesen Worten nichts als spöttische Ablehnung heraus. "Es ist schon so gut wie abgestochen!" erwiderte er, indem er den Fuss zum Weitergehen hob.

Dieser starre Trotz verdross sie, und sie rief ihm nun mit nicht sehr glücklichem Spotte nach: "Da wird man dem Herrn wenigstens das Fell herausgeben müssen und die Wolle."

Sein Blut kochte, denn er glaubte eine Anspielung zu vernehmen, an die das Mädchen entfernt nicht dachte. Von der Wolle hörte er nun einmal gar nicht gerne reden. "Das Fell behalt Sie, Jungfer", sagte er, "und die Wolle kann Sie an die vielen Dörner stekken, an denen Sie letzt hangenblieben ist." Damit ging er fort. Sie lehnte sich an den Türpfosten und blieb noch lange, bitterlich weinend und vor Kälte zitternd, stehen, bis die Tritte ihres Vaters und ihrer Brüder, die von einem Geschäft nach haus kamen, sie vertrieben.

Mit den beiden letzteren setzte Friedrich den gewohnten Umgang fort. Wie aber zwischen ihm und ihnen von der Herzensangelegenheit nie gesprochen worden war und selbst die Verabredungen, wonach sie ihre Schwester da oder dortin bringen sollten, immer in gleichgültiger Form gemacht worden waren, so wurde auch der Störung des Verhältnisses nicht erwähnt. Nur einmal sagte Friedrich mit deutlicher Beziehung: "Ich merk's eben wohl, man vergisst mir meine Strafen nicht, man sieht mich für gezeichnet an." Worauf jene ruhig antworteten: "Wird doch das nicht sein."

Unmut und Unruhe trieben ihn umher, und auch in ruhigeren Stunden, wenn dann und wann der Schmerz der vermeintlich verschmähten Liebe ihn zu quälen abliess, empfand er eine drückende Leere, und das Leben kam ihm schrecklich arm und öde vor. Er fühlte es, ohne es klar zu erkennen, dass die Menschen um ihn her wie Schatten waren, dass keiner ihm etwas sein konnte, dass niemand in seiner ganzen Umgebung seinem wie in der Wildnis und Irre schweifenden Gemüt, seinem hungernden Geist eine Heimat und Erquikkung zu geben vermögend war. Was er aber hell bewusst in sich trug, war eine masslose rebellische Bitterkeit darüber, dass er, statt ins Ehebett, in die Kinderlehre wandern sollte. Einen grausameren Hohn über seine verunglückte Bewerbung meinte er sich nicht erdenken zu können. Dazu fühlte er sich nicht bloss alt genug und den Kinderschuhen entwachsen, um vom Leben noch eine andere Schule zu verlangen, als die Eintrichterung von Bibelsprüchen und Gesangbuchversen, sondern er hatte auch diese Sprüche und Verse samt der ganzen Schulbildung, worin er selbst Höhergestellten wenig oder nicht nachstand, so vollkommen inne, dass die Wiederholung des Unterrichts ihn nicht einmal in diesem Fache mehr fördern konnte. Für die Bildung seines "inneren Menschen" aber, woran die Religionsschule, die diesen Ausdruck gern gebrauchte, sich hätte erproben lassen können, war das bürgerliche und gesellschaftliche Leben, in dessen Schösse er sich tummelte, so inhaltsleer und so sehr in die blinde Unterwerfung unter eine gewissenlos schwelgende "herrschaft" hineingepredigt, dass es zu den Glücksfällen gerechnet werden musste, wenn eine über das gewöhnliche Mass ausgestattete natur in diesem Wesen eine wohnliche Hütte fand oder, was noch besser, auf gelindem Wege hinausgedrängt wurde. Eine Hütte aber, wohnlich nicht bloss für den Leib, sondern auch für die Seele, war kaum anderswo zu finden als bei den Pietisten, welche auf einem noch ungebrochenen Glauben fussten, dessen kindliche Kraft noch nicht durch die Ausbreitung der Bildung und Wissenschaft verlorengegangen war, auf einem Glauben, der ihnen in körperlicher Wirklichkeit vormalte, wie sie dereinst nach der Erlösung aus diesem Tal des Jammers und der Sünde in den Wohnungen der Seligen über dem blauen Himmelsgewölbe mit Kronen auf den Häuptern und in weissen Gewanden einherwandeln würden, der aber in seinen Beziehungen zum irdischen Leben die dürre streit- und herrschsüchtige Kirchenlehre, mit welcher er nur über das Jenseits einverstanden war, weit hinter sich liess und eine Liebe und Gleichheit der Kinder Gottes predigte, woran trotz der Demut dieser Predigt die Inhaber von Tron und Altar grosses Ärgernis nahmen. Allein, es war nicht jedem gegeben, ein Pietist zu werden, und nicht jeder, dem es gegeben gewesen wäre, hatte das freilich sauer erworbene Glück, sein Lebenlang unter den Flügeln eines Mannes, wie der Waisenpfarrer im Ludwigsburger Zuchtause, geborgen zu sein.

In dieser Verlassenheit und Vernachlässigung mussten alle Richtungen einer so kräftig angelegten Seele in einen unbezähmbaren Willensdrang verschmelzen, der in seiner dumpfen Ungeduld überall auf ebenso dumpfe Hindernisse wie auf Mauern ohne Fenster stiess und ziellos, zwischen Antrieben bald des Wohlwollens, bald der Widerspenstigkeit umherirrend, zuletzt an einem einzigen gegenstand haften blieb, von welchem dieser noch durch den Stachel beleidigter Eitelkeit gespornte Wille Befriedigung aller sehnsucht und Heilung aller Schäden für das ganze Leben forderte. Die Versagung dieses höchsten Wunsches, an den er zumal die besten Vorsätze für sein künftiges Verhalten geknüpft