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seinen beiden neuen Freunden. "Tätest mir einen Gefallen, Jerg?"

"Zwei für ein', Frieder."

"Ich hab eine schöne Pirschbüchse", sagte er lächelnd, "die mir unwert geworden ist. Sei so gut und trag sie morgen nach Rechberghausen zum Krämerchristle; der wird dir dafür geben, was recht und billig ist. Erinnere ihn, dass er mir versprochen habe, sie wieder zurückzunehmen, wenn ich sie nicht mehr wolle. Ich muss morgen meinem Vater einen gang nach Esslingen tun und kann's also nicht selbst besorgen. Auf die Nacht, wenn's dunkel ist, geb ich dir das Gewehr, und morgen abend, wenn ich von Esslingen komm, könntest draussen auf der Ruhbank auf mich warten."

"Gern."

"Der dreiäugig Spitzbub!" rief er am andern Abend, als er das Geld zählte, mit welchem ihn sein Freund vor dem Flecken an der Strasse erwartete, "der nimmt ja einen Heidenprofit und milkt mich wie eine Kuh, aber ich will ihn schon dafür kriegen. Was hat er denn gesagt?"

"Er hat gesagt, er hab dir freilich versprochen, er wolle die Büchse wiedernehmen, aber nur für den Fall, dass sie dir nicht gut genug sei, und das könnest du selbst nicht sagen; aber dass die Katze je vom Mausen lassen könnte, das hab er nicht geglaubt und auch kein Versprechen darauf getan."

Friedrich lachte überaus lustig. "Der Galgenstrick!" sagte er, "so, der will mich noch dafür strafen? Nun", setzte er mit ernstem Tone hinzu, "ich hoff, das soll meine letzte Strafe gewesen sein. Auf dem Weg, den ich geh, kann ich keine Strafe mehr brauchen."

Es war ein doppelter Zweck, den er mit diesem Geschäft erreichen wollte. Erstens hatte er nun wieder etwas Klingendes in der tasche, denn es wäre ihm unerträglich gewesen, mit leeren Händen zu lieben. Zweitens aberund das war der Grund, warum er Christinens Bruder mit dem Verkauf des Jagdgewehres beauftragthatte er sein Mädchen in verdeckter Weise wissen lassen, dass er um ihretwillen nicht bloss auf den Pfad der Tugend zurückkehren, sondern auch jeden andern Weg meiden wolle, der, wenn auch nicht gerade bürgerliche Verabscheuung darauf ruhte, doch anderswohin als zu der Verbindung mit ihr führen konnte.

6

Immer häufiger wurden die Besuche und heimlichen Berichte, die der Fischer der Sonnenwirtin abstattete und für die er nicht nur manche Guttat aus Küche und Keller nach haus trug, sondern auch das Versprechen erhielt, dass es ihm dereinst, wenn sie durch allfällige Ereignisse zur ausschliesslichen herrschaft im haus gelangen würde, noch viel besser gehen solle. Denn wer hinderte sie zu hoffen, dass, wenn der einzige Sohn aus der Art schlüge und sich selbst um die Erbschaft betröge, sie durch ein Testament ihres Mannes, dem sie im Alter ziemlich weit nachstand, in die Führung der Wirtschaft eingesetzt werden könnte, zu welcher sie sich für tüchtiger erkannte als die beiden Tochtermänner, den Chirurgus und den Handelsmann.

Aber auch unter den Mitbürgern des jungen Mannes erregte das neue Leben, das ihm aufgegangen war, ein grosses Gemurmel. Man konnte der Familie des Hirschbauern nichts vorwerfen als ihre Armut, allein diese Eigenschaft genügte, um den Umgang eines Wohlhabenden mit ihr für die öffentliche Meinung des Fleckens, und zumal in den Augen des städtisch gekleideten Teils desselben, höchst verwerflich zu machen. Gestern hatte man sie noch mit einer Mischung von Mitleid und Geringschätzung arme Leute genannt, heute hiess man sie schon Gesindel, das mit Preisgebung der eigenen Ehre ein ungeratenes Früchtlein aus gutem haus einziehe; und Friedrich selbst, dem man seine bisherigen Jugendstreiche beinahe so gut wie vergeben hatte, kam nun als Genosse dieser Verachtung nur um so schlimmer weg, indem man alles Vergangene auffrischte, um zu beweisen, dass er von jeher nur Zuneigung zu schlechtem volk und Hang zu schlechten Streichen gehabt habe. Ihm wurde es als Verbrechen geachtet, dass er sich zu so geringen Leuten herunter gab; Christinen und den Ihrigen wurde es als Schimpf angerechnet, dass sie sich mit einem gewesenen Sträfling einliessen, der doch so manchem, wenn er seine Neigung anderswohin gewendet haben würde, gut genug gewesen wäre. Das Gerücht von abermaliger übler Aufführung des jungen Sonnenwirtle drang bald zu der Frau Amtmännin, die es nach Kräften verbreitete und in den nächsten Tagen der Frau Pfarrerin, als diese auf einen Nachmittagsbesuch zu ihr kam, erzählte. Diese wusste es schon, obgleich nicht so vollständig wie die Frau Amtmännin. Beide Frauen liessen die Sonnenwirtin holen und empfingen sie mit einem Strom von wetteifernden Zurufen: "denke Sie doch, Frau Sonnenwirtin" – und: "Ei, was denkt Sie denn, dass Sie Ihrem ungeratenen Sohn so freien Lauf lässtWeiss Sie denn auch –? Das sollt Sie seinem Vater sagen, damit er dem Unfug ein Ende macht!" Die Sonnenwirtin, als sie endlich das Wort ergreifen konnte, versicherte zum grössten Verdruss der beiden vollgeladenen Erzählungshaubitzen mit Seufzen, dass sie von allem bereits vollständig unterrichtet sei; dem Vater, setzte sie kopfhängerisch hinzu, habe sie bisher nichts sagen mögen, teils um ihm einen so schweren Herzstoss, teils um dem Sohn, den sie vergebens in Güte herumzubringen gehofft, böse Tage zu ersparen; sie sehe aber wohl ein, dass sie endlich, obgleich ungern genug, den Mund auftun müsse. In diesem löblichen Vorsatze