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beste sein, ich geb's ihr derweil in Verwahrung und lass ihr's anbefohlen sein, bis ich's einmal nötiger hab als just heute; mir ist's nicht so eilig damit, und bei ihr kommt vielleicht einmal eine Zeit, wo sie ihr Herz von dem Tierlein losmacht und an etwas anders hängt." – Er blickte ihr dabei listig lächelnd ins Gesicht, wo durch die Regenschauer wieder ein Sonnenschein geschlichen kam, und da dem Hirschbauer die Sache weder lieb noch leid zu sein schien, die Mutter aber beifällig lachte, so fuhr er fort: "So wären wir also handelseins, aber das muss ich mir ausbedingen, dass ich unterzwisperts nach meinem Lamm schauen darf, ob's auch in guter Wartung steht, denn es ist und bleibt mein Eigentum, und ich will's hier nur eingestellt haben; also von Zeit zu Zeit werde ich so frei sein und anfragen, ob's brav gedeiht." Dabei krabbelte er kunstgerecht an dem Lämmchen herum, wartete keine Antwort ab, sondern sprang gewandt wie ein Kavalier auf andere Dinge über, schwatzte von dem und jenem, streichelte und neckte den kleinen Wollkopf, der, dem Äussern nach noch glücklicher als Christine, sein gerettetes Lamm festielt, fragte nach den beiden älteren Söhnen, welche ja seine Schulkameraden seien, und als die Mutter nicht ermangelte, dieselben herbeizurufen, so lud er sie kurzweg ein, den "Weinkauf" über den abgeschlossenen Handel zu trinken, denn derselbe müsse stät und fest sein. Dabei fasste er die beiden Bursche, die ungefähr in seinem Alter sein mochten, an den Armen, trieb sie zur Tür hinaus, ohne ihnen Zeit zu einer Widerrede zu lassen, nahm Abschied und war mit ihnen fort, ehe jemand etwas zu tun oder zu sagen wusste. Die Hirschbäuerin allein war gefasst genug, ihm nachzurufen, er möchte so frei sein, ihnen bald wieder die Ehre zu schenken.

Der Hirschbauer sah sein Weib eine Weile in stiller Verwunderung an, während Christine sich wieder auf die Seite machte, um wenigstens dem ersten Anlauf etwaiger Erörterungen auszuweichen, wobei sie jedoch wohlweislich die tür ein wenig offen liess.

"Das hätt'st du auch können bleiben lassen", sagte er endlich verdriesslich, "es kommt mir grad vor, wie wenn man dem Marder den Schlüssel zum Taubenschlag ausliefert."

"Wenn du dich nur nicht auf Gesichter verstehen wolltest", entgegnete sie. "Hast ihm denn nicht in die Augen gesehen? Der meint's ehrlich."

"Ein Sohn aus einem fürnehmen Haus!"

"Ei, hat nicht auch der reiche Boas die Rut geheiratet, die arme Ährenleserin?"

"Man lebt jetzt nicht mehr im Alten Testament. Und wenn auch e r aus der Art geschlagen wär, was wird der Sonnenwirt dazu sagen? Wart, du wirst eine Ehr aufheben."

"kommt Zeit, kommt Rat."

"Die Zeit bringt nicht bloss Rosen, sie bringt auch Disteln."

"Je nachdem man's pflanzt. Das Sprichwort sagt: Mädchen müssen nach einer Feder über drei Zäune springen. Von den armen gilt das zweimal."

"Ich will mein Kind keinem nachwerfen", fuhr er "Davon ist auch nicht die rede", sagte sie. "Nach"Schwätz du dem Teufel ein Ohr weg", sagte er, "Du bist kurz angebunden", warf sie ihm nach, Der Alte blieb in der tür stehen. Die letzten BeDie Mutter rief Christinen, die gar nicht weit geweweit und du könnest Feierabend machen?"

"Mutter", erwiderte das Mädchen, auf die grobe Füllung der Kunkel deutend, "ich weiss wohl, das gibt kein Hochzeitskleid."

"Unser Herrgott hat die Welt aus nichts erschaffen und den Menschen aus einem Erdenkloss. Die Amtmännin ist, just wie ihre Katrine, eine arme Hausjungfer gewesen bei einer grossen herrschaft, und jetzt ist sie eine allmächtige Frau, die einen ganzen Flekken regiert, und wie! Lass du nur den lieben Gott walten. Aber das sag ich dir", rief die alte Bäuerin mit erhobener stimme, indem sie dicht vor ihre Tochter trat und ihr die geballte Faust vor das Gesicht hielt, "das sag ich dir, dass du mir keinen dummen Streich machst, sonst lass ich kein ganzes Glied an dir."

Christine antwortete nichts, sie spann emsig fort und liess die Spindel nur leise auf dem Boden tanzen.

Während dieser Zeit war es ihren Brüdern im Bäkkerhause, wohin Friedrich sie geführt, nicht wenig wohlgegangen. Wein war eine seltene Kostbarkeit für sie, und die Kameradschaft des Sonnen wirtssohnes schmeichelte ihnen, unerachtet des Makels, der ihm anklebte, so sehr, dass sie den Mund kaum zusammenbrachten und jeden Spass, den er auftischte, mit lautem Gelächter begrüssten. Christinens wurde mit keinem Wort erwähnt, aber beim Aufbruch gab er ihnen eine Flasche von seinem "Grillengift" mit, damit die zu haus, wie er sich ausdrückte, auch etwas davon hätten. Ohne Zweifel hatte er damit nicht bloss die beiden Alten gemeint. Zur Steuer der Wahrheit und Vollständigkeit der geschichte muss noch gesagt werden, dass er die Zeche schuldig bleiben und sich von der schmunzelnden Wirtin eine Borgfrist von etlichen Tagen erbitten musste; denn der Schafhandel, so grosse Vorteile er ihm auch in der Zukunft versprach, hatte für den Augenblick seine Barschaft völlig erschöpft.

Im Weggehen wandte er sich an den einen von