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bei diesen Worten hob er liebreich den Finger gegen ihn auf –, "ich fürchte, dieses trotzige Gemüt muss noch durch Leiden gebeugt und recht umgebrochen werden, wenn es ein Boden werden soll, darin der Same zu Früchten aufgehen kann. Mein Sohn, habe Er immer den vor Augen, von dem wir jene Sprüche überkommen haben, der nicht schalt, da er geschlagen ward, und nicht dräuete, da er litt. Ich will Ihm aber nicht mit einem Male ein Werk auflegen, das für manche zartere Seelen noch zu schwer ist. Fange Er im Kleinen an, mein lieber Sohn. Strebe Er, sanftmütig zu werden. Denke Er immer zur rechten Zeit daran, den aufquellenden Zorn zu bezähmen; denn der Zorn hat einen bösen Urahn, den Mörder von Anbeginn, und wenn man ihn herauslässt, so gleicht er der Kugel, von der das Sprichwort sagt: 'wenn sie aus dem Rohr ist, so ist sie des Teufels'. Vor allem aber will ich Ihm eines ans Herz legen. Er ist vermöglicher Leute Kind, und in einem wirtshaus fallen manche Brocken ab. Benütze Er diese gelegenheit, um Gutes zu tun und nach Seinen Kräften den traurigen Unterschied, der in der Welt ist, ein wenig auszugleichen. Er kann, ohne Seinen Vater zu übervorteilenund das darf Er ja nicht tun! –, manchem armen Schlucker etwas zufliessen lassen. Ich sage das nicht, dass Er meinen soll, Er könne sich ein Verdienst vor Gott damit erwerben. Aber der rechte Glaube wird auch immer die rechten Werke gebären, und hinwiederum, wer die rechten Werke tut, der setzt zugleich sein Inneres in die rechte Verfassung, wie sie vor Gott sein soll; denn Gutes tun macht ein gelindes Herz. Deshalb, mein Sohn", beschloss er mit einem unbeschreiblich heitern und scherzhaften Lächeln, "will ich Ihm, da Er noch so jung ist, nicht zumuten, dass Er gleich als Flügelmann unter jene Kerntruppen tritt, von denen ich gesprochen habe. Suche Er nur zuerst als Marketender bei ihnen anzukommen, dann kann Er sich allmählich weiter aufdienen, bis –"

Ein Geräusch unterbrach ihn, das ihm den frommen Scherz aufs kläglichste verbitterte. Unzweideutige Schläge hallten von dem untern Stockwerk her, dem der Geistliche und sein aufmerksames Beichtkind nahe standen. Sie folgten mit unerbittlicher Regelmässigkeit aufeinander, so dass der Greis die schwache Hand ausstreckte, als ob diese abwehrende Gebärde der Grausamkeit ein Ende machen könnte. Man hörte kein Geschrei, sondern nur ein dumpfes Knurren, in welchem jedoch der menschliche Ton zu unterscheiden war. Dieses Knurren, das sich in Zwischenräumen wiederholte, machte den Vorgang weit unheimlicher, als wenn die lautesten Wehklagen ihn begleitet hätten.

Der junge Friedrich ballte die Faust gegen das Gebäude. "Diese Prügelhunde!" rief er, "es ist ihnen nur wohl, wenn sie zuschlagen können."

Der Waisenpfarrer legte ihm wieder die Hand, die aber diesmal zitterte, auf die Schulter. "Mein Sohn", sagte er, "die Menschen haben es mit der Sünde verdient, dass der Schmerz und das Wehtum in die Welt gekommen ist. Wo aber Strafe ist, heisst es, da ist Zucht, und wo Friede ist, da ist Gott."

Die Schläge hallten dazwischen fort. Der Greis brach mit einem tiefen Seufzer die Unterredung ab. "Nun lebe Er wohl, mein lieber Friedrich", sagte er. "Gott sei mit Ihm auf allen Seinen Wegen. Denke Er an das, was ich Ihm gesagt habe, damit wir uns fröhlich und ebendarum niemals mehr an diesem Orte wiedersehen."

Er drückte ihm die Hand und wankte, so eilig als er es vermochte, an seinem Stabe dahin. Zwar hatte auch er die Meinung seinerzeit ausgesprochen, dass durch grausame Züchtigungen der Wille Gottes erfüllt und sein Kommen vorbereitet werde, aber er schien doch nicht gern dabei zu sein und hatte es in diesem Augenblick wohl tief empfunden, dass das Reich Gottes, so wie er es verstand, noch sehr ferne sei.

Der junge Friedrich aber blieb unter den Fenstern des Zuchtauses stehen und lauschte dem Geräusch der Pein, vor welchem sein ehrwürdiger Beichtiger entflohen war. Er fühlte zwar nicht geringe Entrüstung über die Gewalt, die hier einem Menschen angetan wurde, aber der Schmerz des Armen verursachte ihm, der selbst schon manchen derben Puff ausgehalten hatte, kein besonders zartes Mitgefühl.

Die Schläge hörten endlich auf. Bald hernach öffnete sich die tür, und von einer unsichtbaren Hand geschleudert, kam ein Mensch herausgeflogen. Der Stoss war nicht eben sanft gewesen, doch hie der Hinausgeworfene sich wie eine Katze auf den Füssen. Sein Gesicht zeigte trotz der zigeunerischen Farbe die Spuren überstandener Anstrengung, es war dunkelrot, und ein schielendes Auge gab diesen jugendlichen Zügen einen furchtbaren Ausdruck. Der junge Zigeuner, der soeben einen rauhen Abschied durchgemacht hatte, schüttelte sich am ganzen leib, er kehrte sich gegen das Zuchtaus um, streckte die Zunge, so lang er konnte, heraus und ging dann gemächlich seiner Wege.

"Ich glaube, sie haben dich mit ungebrannter Asche gelaugt, und das scharf", sagte Friedrich, als er an ihm vorüberkam.

"Ich glaube auch", war die trockene Antwort des Zigeuners, der einen blick aus seinem scheelen Auge über den Frager hinlaufen liess und sich von dannen machte.

Friedrich, der auf den Burschen neugierig geworden war, folgte ihm von weitem nach. Aber erst als sie