Er sang, lachte, schwatzte viel und liess- seine gute Laune an einem und dem andern der Anwesenden aus, endlich aber auch an der abwesenden Frau Amtmännin, die er sich nicht entblödete, eine alte Kupplerin zu schelten. Wer weiss, welch törichtes Zeug er noch angerichtet haben würde, wenn nicht Christine, vielleicht absichtlich zu seinem Besten, den klugen Einfall gehabt hätte, die Magnetnadel nach dem entgegengesetzten Pol zu drehen. Sie wischte auf einmal mit einem 'Gut Nacht', das wenigstens deutlich auf sein Ohr berechnet war, zur tür hinaus. Er wagte ihr nicht seine Begleitung anzubieten, aber nun war auch seines Bleibens nicht länger mehr. Allen Neckereien und Herausforderungen der andern zum Trotz machte er sich so schnell als möglich los; er hoffte, sie noch unterwegs einzuholen. Da er aber bei all seiner Aufregung doch so viel Rücksicht genommen hatte, um einigermassen den Schein zu meiden, so gelang ihm sein Vorhaben nicht.
Er ging mit eiligen Schritten ans Ende des Flekkens, wo etwas abgesondert das Häuschen ihres Vaters lag. Seine Tritte hallten durch die Nacht. Er umging das Haus, aber kein Licht war zu sehen. Er lehnte sich lange an den Backofen, der wie ein grosser Bauch aus dem haus hervorragte. Dann setzte er sich auf die Deichsel des Wagens, der unter dem Schupfe stand. Im haus war alles stille, nirgends ein laut, weder ein Tritt in einer kammer, noch das Krachen einer Treppenstufe zu vernehmen. "Du leichtfüssig's Vögele du", sagte er, "bist schon ins Bett geschlupft und schlafst. Gut Nacht, Christinele, gut Nacht, Schatz! Mein musst du werden, und wenn ich die Stern vom Himmel reissen müsst!"
Seine Zechgenossen, als er die stube verlassen hatte, sahen einander erst stillschweigend an, dann machten sie allerlei Bemerkungen, sowohl über den unerhörten trunkenen Freimut, mit dem er die Maria Teresia des Fleckens anzutasten gewagt, als über das plötzliche Feuer, das sich durch Flammen und Rauch verraten hatte, und zwar kreuzten sich die Bemerkungen über diese beiden Gegenstände.
"Ich glaube, der hat 'n Leibschaden unterm Hut", fing einer an.
"Schätz wohl, und unterm Brusttuch desgleichen", sagte ein anderer.
"Der hat dem Dr– 'n Ohrfeig geben!" versetzte ein dritter.
"Reitet der das Maul spazieren, oder das Maul i h n ?"
"Ja, der reitet sich selber hinein."
"Und die Augen sind auch mit ihm durchgegangen."
"Ich glaube, die hat's ihm angetan."
"Beckin, ich glaube, Euer Dötle kann hexen. Sie gäb übrigens eine zierliche Sonnenwirtin, heisst das, wenn ihm der Alte, nach Gestalt der Sachen, die Regierung übergibt."
"Oh, ihr leute, redet doch nicht so gottlos!" sagte die Bäckerin lachend dazwischen.
"Der wird ankommen, wie die S– im Judenhaus."
"Er ist und bleibt halt des Sonnenwirts sein Frieder."
"Ja, ja!" riefen alle zusammen, und nachdem sie in solchen sprichwörtlichen Redensarten dem "Geist" Luft gemacht hatten, gingen sie heim, um denselben für dieses Mal "ruhen zu lassen".
5
Der trotzigste Bursche in ganz Ebersbach war mit einem Schlage so umgewandelt, dass ihn sein eigener Vater nicht mehr erkannte. Er zeigte sich demütig, dienstfertig und zu allem willig; seine angeborene Guterzigkeit brach siegreich hervor, wie wenn nach langem Unwetter der Himmel wieder blau erscheint. Sein Vater wurde täglich zufriedener mit ihm: denn einmal ersparte ihm Friedrich ein paar Knechte, so fleissig und anstellig war er jetzt; dann tat er der Kundschaft sichtlichen Vorschub, sowohl in der Metzig, wo der weibliche teil des Fleckens die Fleischeinkäufe am liebsten bei ihm besorgte, als auch in der Schenke, wo seine heitere Laune an die Gäste, während er selbst sich des Schlemmens entielt, manche Flasche mehr absetzte; und endlich konnte es dem Alten doch auch nicht ganz gleichgültig sein, den einzigen Sohn, in dessen hände dereinst die 'Sonne' kommen sollte, so einschlagen und in sich gehen zu sehen. Von dem Vorfall mit der Amtmännin erfuhr er nichts, denn diese hatte ihre Pille stillschweigend verschluckt; und als es ihm nach einiger Zeit auffiel, dass Friedrich kein Fleisch mehr ins Amtaus trug, so entschuldigte dieser sein Wegbleiben damit, dass die Amtmännin nicht undeutlich die Absicht blicken lasse, ihm ihre Köchin zu kuppeln, worauf der Alte sein Betragen höchlich billigte. Er liess schon in der Stille sein Auge unter zwei oder drei Postalterstöchtern in der Gegend umherschweifen, denn wie die alten Grafen von Württemberg auf den Herzogshut, so war der Sonnenwirt mit allen erdenklichen Mitteln darauf bedacht, der 'Sonne' durch Verbindung mit einer Postgerechtigkeit, die durch Heirat am wohlfeilsten zu erlangen war, einen höheren Aufschwung zu geben. Noch immer zwar blieb er in Mienen und Worten streng gegen seinen Sohn, denn er hielt es, wie er sagte, für geraten, den Burschen "in der Stange zu reiten"; aber wenn er sich von ihm unbeachtet glaubte, so schmunzelte er oft recht behaglich hinter ihm her. Unter diesen Umständen musste auch die Stiefmutter zu einer berechneten Freundlichkeit auftauen, denn bei eintretenden Veränderungen wurde Friedrich, ob es ihr nun gefallen mochte oder nicht, eine bedeutende person für sie. übrigens dauerte diese Konsideration, wie die Frau Amtmännin es genannt haben