er die Frau so plötzlich gegen sich aufgebracht habe. Desto deutlicher stand ihm die doppelte Tatsache vor Augen, dass er um eine nicht zu verachtende Gönnerschaft ärmer und um einen furchtbaren Feind reicher geworden sei. Er verabredete hinter dem rücken seines Vaters mit einem Knecht, dass dieser künftig statt seiner das Fleisch ins Amtshaus tragen solle; aber trotz dieser Auskunft machte ihm der Vorgang nicht wenig zu schaffen. Verschüttet Öl ist nicht gut aufheben, sagte er den ganzen Tag bedenklich mit dem Sprichwort zu sich.
Was konnte er unter dem Gewichte dieser Betrachtung Besseres vornehmen, als die Flasche aufzusuchen, in welcher der Deutsche, der Jüngling wie der Greis, der gemeine Mann wie der vornehme, schon so manche Verlegenheit ersäuft oder erst recht grossgezogen hat! Sein Vater war ausgeritten, Ochsen zu kaufen, und wurde erst in später Nacht zurückerwartet; die Stiefmutter aber stand nicht in so hohem Ansehen bei ihm, um ihretwegen die Hausordnung einzuhalten. Er erlaubte sich, das Nachtessen zu umgehen, und besuchte dafür ein Bäckerhaus, wo er gerne einzusprechen pflegte.
Die stube war halbdunkel, als er sie betrat. Auf einem Ofenbänkchen dämmerte der Bäcker, wie es ihm schien; die Wärme des Ofens liess sich bei der vorgerückten Jahreszeit recht behaglich empfinden. Hinter dem erhellten Fenster, das in die Küche ging, bewegte sich eine Gestalt, die er für die Bäckerin hielt. "Duselst, Beck?" sagte er, dem mann im Vorübergehen einen freundschaftlichen Rippenstoss versetzend; "'n Schoppen Grillengift, Beckin!" rief er dann, gegen die Küche gewendet, und schlug ein paarmal mit der Faust auf den Tisch. Dann setzte er sich und stützte verdriesslich den Kopf auf die Hand.
Ein Licht wurde gebracht und vor ihn gestellt, ohne dass er den Kopf erhob. Gleich darauf stellte dieselbe Hand den begehrten Wein im Schoppenglase vor ihn auf den Tisch. Ohne aufzusehen, wurde er doch der Hand gewahr, die mit dem Glase vor seinen Augen erschien. Sie hatte, trotzdem dass sie nichts weniger als glatt und geschont aussah, etwas Zartes; die wohlgedrechselten Fingerchen schlangen sich allerliebst um das Glas, und an die Hand schloss sich ein zierlicher, runder, voller Arm. Eben wollte er verwundert fragen, wie die beleibte Bäckersfrau zu so anmutigen Gliedmassen komme, als ein fremdes feines Stimmchen das in den Wirtshäusern übliche "Wohl bekomm's" dazu sprach. Er tat die Hand von den Augen, sah hin, liess den Arm auf den Tisch fallen, hob den Kopf und starrte mit freudigem Schrecken die Erscheinung an. Es wär niemand anders als das hübsche Mädchen mit den gelben Zöpfen, das ihm neulich bei seinem unglücklichen Werbungsversuch begegnet war, und das er seitdem nicht aus dem Sinn verloren hatte.
"Ei", sagte er lustig, "heute hätt ich eigentlich einen schwarzen Strich in den Kalender machen sollen, jetzt mach ich aber einen roten dafür. – Was ist denn das, Beckin?" rief er der eintretenden Frau entgegen. "Habt Ihr Euch eine Kellnerin aus dem himmlischen Reich verschrieben?"
"Das ist keine Kellnerin", entgegnete sie, "es ist mein Dötle (Patchen), das mir ein bissle im Haushalt und in der Wirtschaft aushilft."
"Wie heiss'st denn, du Herzkäferle?" fragte er.
"Christine", antwortete das Mädchen mit schüchternem Lächeln und trat einige Schritte von ihm weg, indem sie zugleich jenen hingebenden blick auf ihn fallen liess, der ihm schon einmal durch die Seele gedrungen wär.
"Bist du von hier?"
"Ja wäger ist sie von hier", sagte die Bäckerin, "sie ist ja des Hirschbauern Tochter."
"Dass dich der Strahl!" rief er. "Ich hätt geglaubt, ich sollt Kind und Kegel im Flecken hier kennen. Ja, dort hinaus bin ich freilich in Jahr und Tag nicht gekommen."
"arme leute sind unwert", versetzte die Bäckerin, "denen läuft niemand nach."
"Oh, Beckin, redet nicht so! Ihr wisst wohl, dass es mir anders ums Herz ist. Aber", wandte er sich zum Mädchen, "wo steckst denn du, du Zuckerstengele, dass ich dich noch kein einzig's Mal ins auge gefasst hab? Man sollt dich ja wahrhaftig für eine Fremde halten."
"Sie ist nie viel unter die leute kommen", antwortete ihre Patin für sie. "Sie ist von Kind auf immer so ein Dürftele gewesen."
"Es ist heute nicht das erst'mal", sagte Christine leise und freundlich.
"Ja, gelt?" erwiderte er lebhaft, "neulich sind wir einander auch begegnet?"
"Das ist wiederum nicht das erst'mal gewesen."
"Ja, das Mädle hat Euch noch einen Dank abzustatten von lang her, für etwas, da Euer Herz nicht mehr dran denkt. Geh, erzähl's ihm, Christinele."
"Ich nicht!" rief das Mädchen und zog sich kichernd hinter den Ofen zurück. "Erzählet Ihr's, Dotel"
"Muss ich das Maul für dich auftun, du Dichele?" sagte diese. "Nun also! Ich will anfangen, wie man ein Märlein anfängt. Es ist einmal ein klein's Mädle gewesen, hat Bäcklein gehabt wie Milch und Blut, das Spruchbuch hat's unterm Arm getragen, und ein grosser Apfel