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hätte, seinen tollen Jähzorn tätlich an ihr auslassen würde. Sie vermied es deshalb, allein mit ihm zusammenzutreffen. Da man ihr jetzt keinen Zwang mehr antat und ihr Bräutigam, geduldig auf besseres Wetter wartend, sich beizeiten nach haus gemacht hatte, so ging sie noch vor dem Abendessen zu Bette.

Auch diese Nacht konnte Friedrich die Augen lange nicht schliessen. Es war ihm sehr übel zumute. Der Zorn über das feige Benehmen seiner Schwester hatte sich in eine seltsame Bangigkeit verwandelt. Er fühlte sich ganz im Stich gelassen und begann zu ahnen, dass ihm das Leben noch harte Nüsse zu knacken geben werde. Dass die Menschen nicht seien, wie sie sein sollten, das war ihm klar geworden; wie er aber selbst unter solchen Umständen eigentlich sein sollte, das wusste er so wenig, dass es ihm nicht einmal einfiel, auch nur die Frage an sich zu stellen. Mitleid, Angst, Empörung wechselten auf die wunderlichste Weise in ihm ab, und das Heimweh nach der sichern Umfriedigung des Zuchtauses kehrte ihm aber und abermals zurück. Er hatte es mit angesehen, wie neben den Verbrechern auch arme Waisen zu nicht schimpflicher Arbeit in dasselbe aufgenommen wurden, und ihr Los wollte ihn wie ein neidenswertes Glück bedünken. Aber mitten unter diesen verschiedenen Regungen fand er noch Raum genug in seinem Herzen, um mit vielem Behagen an das hübsche Mädchen zu denken, das ihn heute auf der Strasse gegrüsst hatte.

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Der Jüngling, dessen groben, verworrenen Lebensfaden wir zu verfolgen unternommen haben, war, als er die väterliche Schwelle wieder betrat, über eine jener unsichtbaren Grenzen geschritten, welche sich durch die Gesellschaft und durch den einzelnen Menschen selbst hindurchziehen. Er empfand vor seinem Vater, wo nicht achtung, denn zu dieser gehört ein ausgebildeteres Bewusstsein, so doch eine unbestimmte Scheu, ja sogar unter rauher Decke einen Rest kindlicher Zuneigung; und dennoch sagte ihm ein unbestechliches Gefühl, dass er durch den blossen Rücktritt aus dem Kreise des Waisenpfarrers in den Kreis des Sonnenwirtshauses um eine Stufe gefallen sei. Das Leben war hier ein ganz anderes und wies mit seinen alltäglichen und doch gebieterischen Zwecken so manche Forderung der reifenden Seele zurück, welche dort, obwohl unter dem einförmigen Frondienst des Wollekrämpelns, von einem geist, den seine Zeitgenossen apostolisch nannten, geweckt worden war; aber die fortgesetzte Berührung mit dem Alltagsleben musste auch zugleich die wirkung haben, dass dieses Gefühl allmählich wieder in ihm abgestumpft wurde. Sein blutiges Handwerk, wie es das unendliche Weh, das aus den stummen Augen der Tiere jammert, zum Schweigen brachte, so schlug es auch die verwandte stimme in der Menschenbrust nieder. Daneben waren die Gäste, mit denen er täglich in der Wirtsstube zu tun hatte, gewiss lauter "ehrliche Leute", aber wahrhaftig keine Tugendspiegel, und er hatte nur zu viele gelegenheit, die mehr oder minder klare Betrachtung anzustellen, dass Achtbarkeit und guter Ruf in dieser Welt sehr oft weniger von einem streng ehrlichen und sittlichen Wesen, als von Klugheit und zufälligen Umständen abhängen. Je minder klar aber diese Betrachtung in ihm aufstieg, desto gefährlicher war sie ihm. Überhaupt wusste sein Kopf nichts von Nachdenken, sondern nur von raschen Eindrücken, die sich unter lärmenden Zechgenossen und auf dem Tanzboden entweder befestigten oder ebenso rasch wieder verdampften. Dieses Bedürfnis, eine immer rege missbehagliche Unruhe zu verjubeln, söhnte ihn auch wieder mit seiner Schwester aus, bald nachdem sie dem aufgedrungenen Bräutigam angetraut worden war. Denn da sie von ihrem mann ziemlich leidlich behandelt wurde, so hatte sie dann und wann den Trost, dem geliebten Bruder einen auf die Seite gebrachten Groschen zustecken zu können, und Friedrich, den der Vater sehr kurz zu halten für gut befand, verschmähte die klingenden Beweise der Schwesterliebe nicht.

Während er auf diese Weise teils gleichgültig, teils in dumpfer Lustigkeit dahinlebte, kehrten auch seine äusseren Umstände ganz in das gewöhnliche Geleise zurück. Zu haus ging er unangefochten aus und ein und stand mit der Stiefmutter in jenem mürrischen Verkehr, wo Gewohnheit die Stelle der Liebe vertritt. Auch in der Gemeinde wär er geduldet; niemand zeigte sich ihm widerwärtig, mancher blickte ihn freundlich an, und des Makels, der auf ihm haftete, schien nicht gedacht zu werden. Ihm selbst war nicht wohl und nicht wehe; mit dem Zuchtause hatte er auch den Waisenpfarrer vergessen. Ein strenges Gesicht machte ihm niemand mehr als der Amtmann. Aber dies hatte wenig zu sagen, denn der Amtmann galt persönlich nicht sehr viel bei der Gemeinde und zu haus gar nichts; auch nahm der im grund gutmütige und schwache Mann eigentlich nur deshalb eine Amtsmiene gegen ihn an, weil er ihn einmal in Untersuchung gehabt hatte und ihn nun, wo nicht mit Worten und Werken, so doch mit Gebärden polizeilich überwachen zu müssen glaubte. Dagegen war er bei der Frau Amtmännin sehr gut angeschrieben, und zwar zu seiner eigenen Verwunderung besser, als er es verdiente, denn er hatte sich schon manche boshafte Bemerkung über ihr Pantoffelregiment erlaubt. Vielleicht wär ihr nichts davon zu Ohren gekommen; genug, die stolze, kräftige Frau empfand eine gewisse Teilnahme für den jungen Burschen, der schon so früh über die Schranken der bürgerlichen Ordnung gesprungen war. Es schien ihr nicht unangenehm zu sein, wenn sie ihren Fleischbedarf von ihm ins Haus getragen bekam, und der alte Sonnenwirt, der keine Art von Gnadenschimmer aus den Augen liess, sorgte alsbald dafür, seinem Sohne dieses Ehrenrecht auf dem Wege des Herkommens zu überweisen. Die gestrenge Frau pflegte ihn