' s eben nicht!" flüsterte sie, indem sie in der gestrigen Haltung auf den Boden stampfte; aber ihre stimme klang wie eine ohnmächtige Einsprache gegen das Schicksal, und über ihre Augen flog ein Nebel hin. Die Geschwister hörten des Vaters Tritt; da stoben sie auseinander.
Friedrichs Beklemmung stieg immer höher. Der Geist der Gewalttätigkeit begann in ihm wach zu werden. Er ging unruhig durch das Haus und suchte ein Brett, das ihm gerecht wäre. Dann stieg er auf den Boden, um Erbsen zu holen. Er wollte dem Chirurgus einen halsbrechenden Empfang bereiten. "Wenn sie mich auch wieder nach Ludwigsburg schicken", dachte er, "was tut's!" Als er aber mit seinen Vorbereitungen fertig wär, fiel es ihm ein, dass die geistlichen Herren, die heute ihr "Kränzchen" in der 'Sonne' hatten, mit nächstem anrücken würden, und er entsagte seinem Attentat. Vor der Klerisei hatte er einen wohlbegründeten Respekt. Denn, dachte er in seiner rohen Weise, statt des Chirurgen könnt mir auch einer von den Pfarrern abe hageln, und das tät mir schlimmer gedeihen, als wenn ich meinem Vater einen Strick um den Hals gemacht hätt und hätt ihn an den Schild hinausgehenkt. Nicht lange, so erschienen die ersten der erwarteten Ankömmlinge. Von ihren weitschössigen schwarzen Röcken umrauscht, stiegen sie ernstaft die Treppe empor, und ihre weissen Bäffchen oder Überschlägchen, wie man dieses geistliche Würdezeichen in Süddeutschland heisst, begleiteten ihre Unterredung, indem sie, beim Sprechen von den Halsmuskeln in Bewegung gesetzt, taktmässig über der Brust auf und nieder klappten. Arglos überschritten die Pastoren die verhängnisvolle Staffel, die, wenn Gedanke und Tat ein Ding wären, ihnen ein Stein des Anstosses und gewiss auch nicht geringen Ärgernisses geworden sein würde. Dem Chirurgus hatte es sein guter Geist eingegeben, dass er die Nachhut bildete, und so gelangte auch er wohlbehalten unter den Fittichen der geistlichen Macht herauf. Die Herren verfügten sich in ihr besonderes Kabinett. Die übrigen Mitglieder der Gesellschaft liessen nun auch nicht länger auf sich warten; als die allerletzten kamen, um keine unschickliche Eile zu beweisen, der Pfarrer und, Saul unter den Propheten, der Amtmann des Orts. Mittlerweile fanden die dampfenden Schüsseln ihren Weg aus der Küche ins Kabinett. Die Sonnenwirtin und Magdalene trugen sie. Letztere hatte, als einen schwachen Versuch, sich mit Krankheit zu entschuldigen, ein Tuch um den Kopf gebunden, das ihr aber noch unterwegs von der sorgsamen Mutter abgerissen wurde. "Morgen kannst Kopfweh haben, soviel du willst", sagte sie, "aber heute darfst nicht wehleidig sein." Der Sonnenwirt begnügte sich, die Herren zu empfangen, ins Kabinett hinein zu komplimentieren und von Zeit zu Zeit nachzusehen, ob nichts fehle. Der Chirurgus durfte die Flaschen auftragen helfen, was dem Amtmann und dem Pfarrer Anlass gab, ein wenig zu sticheln. nachher hatte er die Ehre, einem von den Herren Schnupftabak zu besorgen, und zuletzt, als man nichts mehr von ihm wollte, zog er sich mit einer feinen Wendung zurück. Mit dem Hauptauftritt musste man natürlich warten, bis die Herren ihre nächste Aufgabe, nämlich die teils gebackenen, teils blau abgesottenen Forellen vom Tische verschwinden zu machen, bereinigt haben würden.
Friedrich war mit der Aufwartung im gewöhnlichen Wirtszimmer bei den Fuhrleuten betraut worden, erhielt aber nach einiger Zeit durch Vermittlung seiner Mutter, die ihm doch nicht recht traute, vom Vater den Befehl, in den Stall zu gehen und die Pferde zu füttern. Die unschuldigen Tiere mussten sich dabei manchen Puff gefallen lassen. Als er wieder heraufkam, sah er, was ihm sein Verstand schon gestern abend hätte voraussagen können, seine Schwester als "glückliche Braut". Der Vater hatte sich inzwischen die Freiheit und die Ehre genommen, sie als solche im Kabinett vorzustellen, das man, um der Sache mehr Öffentlichkeit und Ansehen zu geben, gegen das Wirtszimmer offengelassen hatte. Die Herren wünschten Glück, stiessen mit den Gläsern an und machten etliche versteckte skurrile Witze, alles das, wie es bei solchen Gelegenheiten zu geschehen pflegt. Magdalene knixte mit ängstlichem Lächeln und zwang die Tränen zurück, die freilich sehr nahe waren, aber wie hätte sie vor so gewaltigen Herren wagen können, einen Willen geltend zu machen? Der Chirurgus stand neben ihr, ganz grün vor Seligkeit. Die Sonnenwirtin freute sich, dass sie den niederdrückenden Einfluss, den die Herrengesellschaft auf das Mädchen üben würde, so sicher voraus berechnet hatte. Der Sonnenwirt schmunzelte und schwamm in Wohlbehagen über die honoratiorenschaftliche Haupt- und Staatsaktion. Friedrich seinerseits liess im Wirtszimmer seine festliche Bewegung an einer Flasche aus, die, als sie mit lautem Klirren am Boden zerbrach, die allgemeine Stimmung durch Schrecken, lachen, Zorn und Scheltworte hindurch in das gewöhnliche Geleise zurückbrachte. Die tür des Kabinetts schloss sich wieder, die Wirtschaft ging ihren gang, und als die Herren abends ihre Sitzung aufhoben, blieb es ein Geheimnis, was der Gegenstand ihrer Unterhaltung gewesen war, ob die Ewigkeit der Höllenstrafen oder die Aufbesserung der Besoldungen. Nur eines hatte sich entschieden und unabänderlich festgestellt, nämlich, dass Magdalene jetzt das wär, was sie vergangene Nacht um keinen Preis, selbst nicht um den Preis ihres Lebens, hatte werden wollen.
Friedrich redete den ganzen Abend kein Wort mit seiner Schwester. Als sie ihn einmal lange schüchtern und bittend ansah, antwortete er mit einem blick, der ihr deutlich sagte, dass er, wenn er gelegenheit