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wenn's donnert", raunte er ihr zu; "stell dich krank, Magdalene, stell dich krank und mach, dass du nur über den Tag hinüberkommst."

"Es wär keine Verstellung", erwiderte sie, "wenn ich mich wieder legte."

"Tu's, tu's!" rief er und sprang die letzten acht Staffeln mit einem Satz hinab.

Er ging den Fussweg am Bache hin, der mitten durch den Flecken läuft. Die Gänge der Mühle klapperten ihm eifrig entgegen. Von der brücke aus sah er den jungen Müller im hof beschäftigt, allerlei Holz zusammenzusägen. Er blieb unschlüssig stehen, als aber jener aufblickte, setzte er sich in Bewegung, als ob ihn der Weg zufällig hier vorüberführe.

"Guten Morgen", rief er in den Hof hinein.

"Schön Dank."

"Treibt's gut um?"

"So so, la la", war die verdrossene Antwort.

"Ich glaube, an dir ist ein Zimmermann verloren gangen", sagte Friedrich, indem er näher trat und sich gegen die Mauer lehnte.

"Hm, 's ist nur so ein wenig gebosselt."

"Man sagt ja, du wollest bauen, Georg?"

"Willst mir dabei an die Hand gehen, Frieder?"

"Ja, ich! Was hätt'st du von mir? Soll ich dir Steine zutragen?"

"Hm, ja, aber solche, wo der Karl Herzog drauf geprägt ist."

"Oder der alt Kaiser? Du hast's gut vor, Brüderle, solche Bausteine sind mir zu schwer, die muss ich liegen lassen."

Die beiden sahen einander an, und ihre scheinbar gleichgültigen Mienen spielten ein langes stummes Frag- und Antwortspiel.

"Ich muss eben sehen, wie ich ein Dukatenmännle ins Haus krieg", sagte der Müller endlich. "Vielleicht wissen mir die Zigeuner eins."

"Oder ein Bettelmädle mit ein paar tausend Gulden", entgegnete Friedrich, den Stich verbeissend.

"Weisst mir eine?" fragte der Müller und sah ihn forschend an.

Friedrich schlug die Augen nieder und wühlte mit dem Fuss im Sägmehl, das am Boden lag. "Ist denn das Bauwesen so nötig?" fuhr er endlich in seiner Verlegenheit heraus.

"Justement so nötig, als dein Geschwätz unnötig ist", war die Antwort.

"Oh, ich will nicht lang mit dir ränkeln, du zuckerigs Bürschle, du. Bau du mein'twegen so hoch, wie der babylonisch Turm gewesen ist."

Dieses brummend, nahm er einen verdeckten Rückzug, das heisst, er setzte den eingeschlagenen Weg an der Mühle vorüber fort, um in einem weiten Bogen wieder nach haus zu kommen.

Der junge Müller sah ihm verwundert und ärgerlich nach. "Ich glaube, der hat Maulaffen feil", brummte er, indem er wieder zur Säge griff.

"Die Katz maust links, die Katz maust links!" sagte Friedrich zu sich, mit bedenklichem gesicht seine Schritte fördernd. "Ich wollt nur, dass d e r Tag im Kalender durchgestrichen wär."

Von Not und Eifer getrieben rannte er dahin, obgleich er eigentlich nicht wusste, warum er zu eilen habe; es wär eine Aufregung in ihm, die seinem Gesicht in diesem Augenblick ein besonders kräftiges Aussehen gab. Die Leute, die auf der Strasse oder an den Fenstern waren, mussten ihn unwillkürlich mit Wohlgefallen betrachten, und ein Mädchen, das ihm begegnete, grüsste ihn auf eine Weise, die trotz seiner gedankenvollen Selbstvergessenheit nicht unbemerkt von ihm blieb. Es wär ein schlankes Mädchen mit gelben Zöpfen, noch sehr jung und von auffallend hellen Gesichtszügen; in ihren Mienen lag eine eigentümliche Mischung von Zutraulichkeit und Unschuld. Sie grüsste ihn mit dem gebräuchlichen Bauerngrusse, das heisst, sie "wünschte ihm die Zeit", aber mit einem Blicke, der, so schnell und schüchtern er vorüberglitt, eine Freundlichkeit, eine gewisse Teilnahme und Hingebung aussprach, die nur in einem Blicke so ausgesprochen und eben deshalb nicht weiter beschrieben werden kann. Genug, ihm wär, als hätte sich das junge Mädchen mit diesem Blicke ganz und voll und warm in seine arme gelegt, und er, für einen solchen Eindruck nichts weniger als unempfänglich, fühlte sich hingerissen, obgleich er sich erst einige Sekunden nach der Begegnung bewusst ward, dass er gegrüsst worden sei, dass er einen blick dabei wahrgenommen und dass dieser blick ihm gegolten habe. Jetzt erst blieb er stehen und sah ihr nach. Sie wär schon ziemlich weit entfernt, und ihre Zöpfe flogen lustig hinter ihr her. "Ich kenn doch jedes Kind hier", sagte er, "ist's vielleicht eine Fremde? Sie trägt sich übrigens ganz Ebersbachisch. Aber das ist ein blitznett's Schelmengesicht!" – Er wäre ihr gerne nachgegangen, aber er scheute die Mühle. Auch fiel ihm nur allzubald die sorge wieder aufs Herz, die ihn aus dem haus getrieben hatte. Er wandte sich, durchmass einige Gässchen, ging weiter oben über das wasser zurück und kam unverrichteter Dinge nach haus, wo ihm ein vielsagender Duft aus der Küche entgegenströmte.

Nach dem Essen, als er gelegenheit fand, einen Augenblick mit seiner Schwester allein zu sein, fragte er sie: "Ist dir's noch wie gestern?"

Magdalene versuchte zu lachen; es wollte ihr aber nicht recht gelingen. "Ich t u