1855_Kurz_155_218.txt

Die Henker griffen kräftig zu und eröffneten den Zug mit ihr. Sie warf noch einen blick auf ihren Todesgefährten und wurde mehr geschleppt und getragen als davongeführt.

"Bitterer Kelch, geh vorüber!" sagte er, in den Boden starrend.

"Frieder!" rief eine sanfte stimme neben ihm.

Er blickte auf und sah die blonde Christine, die den Zug beschliessen sollte.

Die ganze Liebe seiner Jugend wallte in seinem Herzen auf. "Meine Christine!" rief er: "hast du mir auch gewiss verziehen?"

"Von ganzem Herzen und von ganzer Seel", antwortete sie, "und ich hoff gewiss, dass wir einmal in einer schöneren Welt wieder zusammenkommen, wo uns nichts mehr trennen wird. Sag mir auch noch einmal, dass du mir verzeihst."

"Soll ich dir verzeihen, dass du mich lieb gehabt hast? Was hab ich dir denn ausser Kleinigkeiten zu verzeihen? Die sind alle längst vergeben."

"Kannst noch etwas von der Welt hören?"

"Von unseren Kindern?"

"Ja. Die beiden jüngsten nimmt die Magdalene, die deinem Vater Haus gehalten hat, in ihren neuen Ehstand mit. Sie heiratet den Müller, weisst, den Georg. Sie haben ja beide früher ein auge aufeinander gehabt, aber es hat nicht sein mögen, und keinem von beiden ist's gut gangen in der Eh. Jetzt sind sie beide frei. Den Friederle haben sie auch nehmen wollen, aber dein Vater gibt ihn nicht her. Er sagt, er sei so einsam in seinem Alter, und es sei so ein aufgeweckter Bub."

"Und du?"

"Wenn ich's überleb, so soll ich deinem Vater Haus halten, und wenn's der alt Mann nimmer so lang macht, so will mich die Magdalene auch zu sich nehmen."

"Nun sterb ich gern!" rief er, "nun weiss ich doch dich und die Kinder versorgt. Sag meinem Vater oder tu ihm's zu wissen, ich lass ihn viel tausendmal grüssen und um Gottes willen bitten, er solle dem Buben doch streng sein. Auch den Georg und die Magdalene lass ich grüssen, aber sie sollen darüber wachen, dass der Grossvater nicht zu viel in den Buben hineinsieht. Siehst du die vielen Ebersbacher, Christine?" unterbrach er sich. "Sie sind heute herbeigeströmt, wie damals zu unserer Proklamation."

"Und auch ich, auch ich soll zusehen!" rief sie. Sie schlug die freigelassenen hände vor das Gesicht und begann krampfhaft zu schluchzen.

"Brich mir das Herz nicht vor der Zeit!" gebot er ihr. "Sei stark, Christine, und denke daran, dass die Trübsal zeitlich und die Freude ewig ist."

Sie nahm die hände von dem Gesicht und machte eine Bewegung, ihm um den Hals zu fallen. Die Stadtknechte traten dazwischen.

Friedrich suchte das Auge des Oberamtmanns, der sich an dem Zeuge seines Pferdes zu schaffen machte, um die flüchtige Zeitspanne dieser letzten Unterredung zu verlängern. Der Oberamtmann verstand den blick: "Gebt einander die hände", sagte er und wendete die Augen, in welchen verräterische Tränen blinkten, nach einer andern Seite.

"Und nun vorwärts in Gottes Namen!" rief Friedrich, als es geschehen war.

Auch er sollte den Weg nicht gehend zurücklegen, denn für ihn als einen Hauptverbrecher stand die Schleife bereit. Er legte sich, und der Henker band ihn an. "Nun, der ist barmherzig", sagte er. "Er hätte mich härter binden könnener erspart mir doch einige Schmerzen. Selig sind die Barmherzigen."

Der Zug setzte sich in Bewegung über den Marktplatz. Das Opfer des Verbrechens und des Gesetzes blickte mit seinen hellen Augen in die Menge, welche der Zug durchschnitt, und lächelte da und dort einem bekannten gesicht zu. Dann erhob er die Augen und blickte still in den blauen Himmel hinein, bis die zusammentretenden Häuser und die mit Menschen besetzten Fenster der schmalen Strasse, in welche der Zug einlenkte, ihn daran verhinderten. Ein menschliches Geschrei, oder vielmehr ein Geheul, schlug an sein Ohr. Er wusste, was es bedeutete, und sein Auge ward düster. Als er die Stelle erreichte, von wo der Ton zu vernehmen gewesen war, blickte er an einem haus empor, wo die Leute mit einem in das Tragkissen gehüllten kind am Fenster standen. Es war sein Kind, das hier untergebracht war, und der Schrei von vorhin war der letzte Schrei des Mutterherzens gewesen, das der verkümmernden kleinen Menschenpflanze jetzt entrissen werden sollte. Er blickte mit inniger Rührung zu dem kind empor, rief ihm tausend Liebkosungen zu und segnete es.

Die Fahrt ging langsam weiter durch die endlos lange Strasse, die er in vergeblichem Jagen durchritten hatte, und immer durch massen von Menschen hindurch, die sich zu beiden Seiten drängten oder aus den Fenstern sahen. Endlich, wie nach Verfluss einer Ewigkeit, war das Tor erreicht, wo er gefangengenommen worden war. Er lächelte, da er es sah, und pries es gegen seine Begleiter als den glücklichsten Ort, den er in seinem Leben betreten, da hier seine Rettung aus Nacht und Grausen begonnen habe.

Der Zug ging durch das Tor, und jetzt sah man die ausserhalb im Freien wogenden Menschen, eine zahllose Menge, wie wenn das ganze Herzogtum versammelt wäre, um eine Landesangelegenheit von höchstem Gewichte zu beraten