Bedürfnisse bieten sollte, die sie durch die sonntägliche Predigt und durch die spärlichen bürgerlichen Vorkommnisse nicht zureichend befriedigt fühlte. Sie konnte nicht nach ihrer Weise hin und her wogen, denn es waren ihrer zu viele, die in festgekeilter Masse geduldig ausharren mussten und nach den Ratausfenstern emporsahen. Endlich glaubte man an den Fenstern eine Bewegung wahrzunehmen, und die Bewegung teilte sich alsbald der Menge mit, die nach der tür des Ratauses drängte. Ein Bürger, der den Zuschauern im saal droben vorausgeeilt war, stürzte heraus. "Es wird gleich angehen", antwortete er auf die fragen der vordersten, die ihn bestürmten: "aber das ist ein Mensch! Ihr hättet ihn sehen sollen, wie man ihm das Urteil vorgelesen hat. Alles hat gezittert, das ganze Gericht ist erblasst, nur er ist allein ruhig und unerschrocken dagestanden, und wie's im Urteil geheissen hat: der Erzböswicht! hat er mit lauter stimme und lächelnd gesagt: 'Der bin ich gewesen.'"
Eine noch stärkere Bewegung kam unter die Menge, welche das Geräusch der Kommenden aus dem inneren des Ratauses vernahm. Sie wich zurück, denn die ersten, die herauskamen, waren Gerichtsdiener, die sie barsch und grob auf die Seite trieben. Auf diese folgte, von Wachen umgeben, gefesselt und gebunden, der arme Sünder, der aber nicht wie ein solcher aussah. Sein gang war ruhig, wie der eines Bürgers, der seinen Geschäften nachgeht, seine Haltung aufrecht, aber nicht gezwungen, und nur die Blässe seines Angesichts und der eigentümliche Glanz seiner Augen verriet, dass etwas in ihm vorging, wovon die Menschenmenge, die ihn neugierig betrachtete, nach ihrer Art kaum eine Ahnung haben mochte. fest und kühn blickte er in die Augen der Kopf an Kopf geschichteten Menschen, durch deren Reihen er den letzten düstern Weg zur Freiheit gehen sollte. Er blieb stehen, um seine Schicksalsgenossen zu erwarten.
Wiederum machte sich ein Geräusch von der inneren Rataustreppe vernehmlich, und die Blicke der Menschen liessen von ihm ab, um über die neue Beute, die für die Schaulust kommen sollte, herzufallen. Es dauerte lange, und die Ungeduld wuchs immer stärker an. Endlich drängte es sich heraus, und zugleich gab sich die Ursache zu erkennen, die das Schauspiel so lange verzögert hatte. Es war die Zigeunerin, die um ihr Leben kämpfte. Obgleich ihre hände gebunden waren, so stiess sie doch die Schergen einmal über das andere zurück, suchte in das Rataus zurückzukommen, als ob dieses ihr Schutz gewähren könnte, und noch unter der tür stemmte sie sich mit den Ellenbogen an den Pfosten an. Sie wurde aber immer wieder ergriffen und endlich herausgebracht.
"Christine!" rief Friedrich, dem bei dem jammerwürdigen Anblick das Herz blutete, obgleich er Anlass genug hatte, jetzt nur noch an sich selbst zu denken: "Christine, klammere dich nicht so fest an diese schnöde Welt! Wende dein Herz dem Himmel zu, der dir allein noch helfen kann!"
Sie fuhr zurück und sah ihn mit einem Blicke an, für den es nur dann eine Vergleichung gäbe, wenn irgendwo in der Welt, wie im menschlichen Herzen, wo die unmittelbarsten Gegensätze nebeneinander wohnen, glühendes Eis zu finden wäre. "Verräter!" sagte sie, "finde du dich mit deinem Himmel ab, wie du dich mit der Welt abgefunden hast. Ich hab dich geliebt und alles für dich getan, und das ist nun mein Lohn! Wenn ich's nur gewiss wüsste, ob du in den Himmel oder in die Hölle kommst! Sieh mich nicht so an mit deinen Augen – ich wär schwach genug, dir zu folgen, aber ich kann es nicht! Meine Mutter hat sich im Gefängnis erhängt aus Verzweiflung über das Schicksal, das du mir bereitet hast, mir, der Mutter deines Kindes! Mein armes, armes Kindl Aber es wird mich nicht lang überleben, ich weiss, es hat den Tod in sich, es wird dieser dürren luterischen Welt nicht in die hände fallen. Schweig still! ich kann nicht mit dir gehen. Die Unsrigen speien deinen Namen an, jede ehrliche Seele zwischen dem Rhein und der Donau verflucht dich, dein Name wird der sprichwörtliche Name eines Verräters werden –"
Auf einen Wink des Oberamtmannes, der indessen aus dem rataus getreten war, rissen sie die Henker herum.
Sie wehrte sich. "Ist denn kein Pardon da?" rief sie.
Der Oberamtmann gab keine Antwort. "Nein!" rief ein Henker.
"Wer hat denn nun recht?" rief sie. "Der eine sagt so, der andere anders." Ihr Auge bohrte in die Menge hinein, ob dort nicht befreundete hände bereit seien, sie zu retten. "Ist denn kein katolischer Christ da?" rief sie unter das Volk. "Wenn einer da ist, so gebe er mir doch ein Zeichen."
Niemand gab ein Zeichen. Sie sank halb zusammen, und die braune Farbe ihres Gesichtes wurde immer gelber. Noch einmal raffte sie sich empor, um mit der Wut einer Tigerin, die ihre Freiheit und ihr Leben nicht freiwillig hergibt, eine Kraftanstrengung zumachen.
"Fort!" befahl der Oberamtmann, während man ihm sein Pferd vorführte, hinter welchem die städtischen Richter in ihren schwarzen Mänteln, vom Zwange ihrer Amtswürde befreit, geschwind vorüberschlüpften, um auf dem Hauptschauplatze vor der Stadt noch zu rechter Zeit den ihnen vorbehaltenen Standort einzunehmen.