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versagt haben würde, wie die dürre Wüste, mit der ihn seine Zeit umgab. Wohl ist noch eine schwere Arbeit zu vollbringen, bis unsere Zeit aus dem dunklen Mutterschosse jenes Jahrhunderts, worin sie mit ihren Tugenden und Fehlern, mit ihren Wahrheiten und Irrtümern wurzelt, losgerungen ist, und darum kämpfen wir. Aber die Sonne, wie sie von Osten nach Westen wandelt, sieht das Volk in der Mitte zwischen Ost und West täglich mehr im stillen Ringen nach Licht und Recht begriffen, und sie wird die Mühe seiner Geister nicht verloren finden, wenn sie oft auch tief wie Grubenmänner in die Schachte unsrer geschichte, unsrer Sprache, unsrer Dichtung sich zu verlieren scheinen, von wo dieses Licht und Recht am reinsten zu holen und nach dem Masse des heutigen Tages zu verteilen ist. Denn jetzt gilt es sich selbst zu verstehen in der allgemeinen Bewegung, die schon mit wachsendem Getöse an die Pforten noch immer so vieler Schläfer pocht. Die Bewegung, die aus einem teil des Westens kam, hat uns verwirren müssen, denn sie bot uns Eigenes mit Fremdem gemischt. Die Bewegung, die sich aus einem teil des Ostens ankündigt, wird uns aufklären helfen, denn man lernt sich besser selbst erkennen in einem Spiegel, der uns gar keine Ähnlichkeit zeigt, sondern ein wildfremdes Gesicht. Dann wird der Kampf auch nicht mehr verwandte Geister trennen, nicht mehr durch das einzelne Menschenherz selbst hindurchgehen: die Scheidung zwischen dem wahren und dem Falschen, zwischen dem Guten und dem Bösen wird leichter sein. Wer aus der allgemeinen Betrachtung, zu welcher jeder Tag so vielen Anlass gibt, zu der hier erzählten Volksgeschichte zurückkehrt und vielleicht einmal, zufällig das freundliche Filstal hinaufwandernd, nach ihren Spuren fragt, der kann sich die Mühe und den Staub der Akten ersparen, denn er findet in der Erzählung jeden Zug, der aufbewahrt geblieben ist. Und dennoch möge er nicht eine buchstäblich wahre geschichte in ihr suchen. Denn der geschichtliche Buchstabe ist unwahr, solange nicht der Geist ihn lebendig macht und in das gebrochene rückstrahlende Licht des Gleichnisses stellt. Selbst das alte Wirtshaus zur Sonne wird der Wanderer vergebens suchen, und da ein solches Haus mit stattlichem Giebel nicht so leicht aus der Reihe der Gegenstände verschwindet, so mag er vermuten, dass er das Ebersbach dieser Volksgeschichte anderswo zu suchen habe. Darin hat er auch gewissermassen recht: der Flecken, der eine begabte Jugendkraft nicht zu ihrer Entfaltung kommen liess, erstreckte sich noch vor weit kürzerer Zeit als vor hundert Jahren über ganz Deutschland und besonders über den Süden desselben, und der Berg unseres alten Reiches mit seinem öden Gipfel wurde viel weiter im Umkreise gesehen als er zwischen der Rems und Fils in die Landschaft ragt. Der Erzähler, der aus Erfahrung weiss, dass alte Häuser nicht so schnell verschwinden und dass alte Wahrzeichen von einer neuen Zeit nicht so leicht auszurotten sind, hat in einem freundlichen Gastause eines ansehnlichen Fleckens in jener Gegend, wo man die alte 'Sonne' mit vielen Laternen nicht finden würde, ein übriggebliebenes Wahrzeichen von ihr entdeckt. Aber er wird seinen Fund hier nicht verraten; denn der Beobachter ist nicht überall angenehm, und der Knabe, der nicht weit davon im Zimmer an einem Tische, worauf eine Rute lag, seine Aufgabe lernte, behauptete, das Rütlein sei nicht für ihn. Angelegenheiten eines einzelnen Hauses, die das öffentliche Recht und Wohl nichts angehen, muss man beruhen lassen. Der Besitzer des Hauses, der nicht Schwan heisst, sondern einen anderen guten Namen führt, ohne sich jedoch des armen Friedrich Schwan zu schämen, mag dem Wanderer von der alten 'Sonne' selbst erzählen, soviel ihm beliebt. Dass der Schild des Hauses geändert wurde, ist schon lange her, wohl fünfzig Jahre, und fällt dem damaligen Besitzer nicht einmal zur Last. Denke man sich, er habe vielleicht einen Sohn gehabt, den der Volkswitzman weiss, wie die Leute sind und wie sie gar in früherer Zeit warennach jenem berüchtigt gewordenen Namen den "Sonnenwirtle" hiess: bei dem besten Bewusstsein des Sohnes und der Eltern konnte die Bezeichnung, wie sie nun einmal für den Flecken klang, der keine Ehrenkrone darin zu sehen gewohnt war, auf die Länge so unleidlich werden, dass man lieber den Namen des Hauses änderte. Eine beschränkte Umgebung hindert ja auch den Unbefangensten, das Leben frei anzuschauen und frisch hineinzugreifen. In kleinen Verhältnissen ist dies nicht so leicht zu ändern. Ein Volk aber soll seine Wahrzeichen nicht wegwerfen, und ein Wahrzeichen ist ihm nicht bloss sein Liebling, auf den es stolz ist, ein Wahrzeichen ist ihm auch der Verbrecher, dessen es sich schämt. Wir mögen ihn verwünschen und verfluchen, wir mögen ihn aus der Gesellschaft und aus dem land stossen, wir mögen ihn in der Gruft des lebenslangen Kerkers begraben oder mit der Maschine töten, die uns ein wenig von der Bildung und noch, mehr von der selbsttätigeren Kraft unserer Vorfahren unterscheideteines können wir ihm nicht nehmen, ein Gepräge können wir nicht an ihm vernichten. Wir müssen bekennen:

Er war unser. Noch einmal den Vorhang auf und nun das letzte Bild.

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Rein und tiefblau, wie er nur in den Mittsommertagen ist, wölbte sich der Morgenhimmel über der alten winkeligen Stadt. Die Sonne brannte schon in den ersten Morgenstunden und verkündigte einen heissen Tag. Auf dem Marktplatz vor dem rataus stand die Menge dicht gedrängt, in gedankenloser Neugier ein trauriges Schauspiel erwartend, das ihr Ersatz für die geistigen