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, so einfach, dass die kindlichste Seele sie erfassen, und so rein, dass das fromme Herz in ihr seine Wohnstätte finden kann. In der Schule dieser Erkenntnis wird Friede und Kampf, Ruhe und Bewegung vereinigt sein. Darum meiden wir den Kampf der Geister nicht, wenn er auch die Lebenden durch Nacht und Wunden zu diesem Ziele führt! Aber den Sterbenden wird kein guter oder weiser Mensch durch die Menge seines Zuspruchs betrüben und zerstreuen, weder der Denker den Gläubigen, noch der Fromme den, der nicht in der Form des Glaubens denkt: denn der Sterbende muss mit seinem Herzen Zwiesprache halten, dessen Schläge ihn im Laufe der Stunden beseligt und verwundet haben, bis der letzte die fliehende Zeit für ihn stille stehen heisst. Tragt ihn sanft aus der Schlacht, fernab vom Staube und Gewühl der Kämpfenden, dass er am rand des Hügels durch die Abendröte der Gegenwart hinausschaue in das Morgenrot der Zukunft, für die wir kämpfen. Für ihn verstummt der Zank der Meinungen und der Vorwurf der Einseitigkeit: er fällt ab von dem unvollkommenen Leben seiner Zeit und geht über zu dem grossen Heere der Vollendeten, die im Frieden ruhen.

Am Tage vor dem letzten hatte der Sterbende sein weltliches Vermächtnis für die Obrigkeit zu Ende geschrieben. Kein Lohn, nicht einmal mehr der arme Trost einer Linderung winkte ihm, als er es hinterliess, und hierin liegt die Bürgschaft, dass ihn, wenn auch unter menschlichen Schwächen, die reine Absicht leitete, die Jugend künftiger Tage vor seinem Lose zu bewahren. Seine Blätter entalten nichts von seiner inneren Lebensführung, nichts von dem Gange seiner Seele durch die Stürme des Lebens, aus Tag in Nacht; denn dies war kein Gegenstand für seine Obrigkeit. Wohl aber darf die Nachwelt, die sich an der geschichte eines rohen Mannes aus dem volk oft besser belehren könnte als an verwickelten staates- und Fürstengeschichten, wohl darf sie den Pfarrer seiner Heimat anklagen, dass er, dem die Pflege der Geister vertraut war, keine Chronik seiner Gemeinde, keine Aufzeichnung über den Lebensgang des Jünglings hinterlassen hat, der nach dem Zeugnis befähigter Zeitgenossen ausserordentliche Gaben des Geistes und Herzens besass, keine Rechtfertigung der mit mehr als väterlicher Gewalt ausgerüsteten geistlichen und weltlichen Behörde, wie es kommen konnte, dass ein solcher Mensch aus dem Schösse der Gesellschaft heraus, so tief in Elend, Verbrechen, Schmach und jede Erniedrigung der Seele stürzte. Und doch hat jener Pfarrer sein ganzes Lebensschicksal mit angesehen und hat ihn lange überlebt. Er fand nichts aufzuzeichnen nötig als die karge, schauerliche Randbemerkung, die er auf einem Blatte des Taufbuches, wo der Name des am 4. Juni 1729 geborenen Kindes Friedrich Schwan nebst den Namen seiner Eltern und Taufpaten eingetragen ist, mit roter Tinte hinzugeschrieben hat: "Wurde den 30. Juli 1760 zu Vaihingen lebendig auf das Rad gelegt. Gott sei seiner armen Seele gnädig!"

Das war die Todesstrafe, die ein christlicher Staat unter dem Beistande einer christlichen Kirche an einem Menschenbilde, das sie Gottes Ebenbild nannten, vollzog, indem er sich für so arm an leiblichen und geistigen Mitteln bekannte, dass er mit einem, wenn auch noch so tief gefallenen Menschen nichts Menschlicheres, nichts Christlicheres zu tun wusste, als ihm das Leben zu rauben, und für so beschränkt in Menschenkenntnis, dass er meinte, durch eine recht ausgesuchte grausame Strafe werde er andere vom Wege des Verbrechens abschrecken. Und doch hätte gerade dieser ihn vor tausend anderen belehren können, wie irrig eine solche Voraussetzung ist. Er war vor anderen mit Verstand begabt, um sich zu sagen, wohin sein Leben zuletzt führen müsse, und wenn er es je vergessen hätte, so sagten es ihm seine schrecklichen Genossen, die sich täglich auf den Gedanken an ein solches Ende einübten, verkleidet den Hinrichtungen beiwohnten, einander den Hergang bei denselben beschrieben und bei ihren Gelagen sich gegenseitig einen leichten Tod zutranken. Nicht einmal sein Mut machte ihn zu einer Ausnahme, an der die Abschrekkung verloren war, denn sein Geschichtschreiber sagt ausdrücklich von ihm, bei aller natürlichen Herzhaftigkeit habe er sich durch diese abschreckenden Gewohnheiten so erschüttert gefühlt, dass er gänzlich unfähig gewesen sei, dieselben mitzumachen; und man kann überhaupt sagen, dass auch die Feigheit nicht hinlänglich abschreckend wirkt, denn die Gerichtsverhandlungen zeigen feige Verbrecher genug. So hat also weder sein Verstand noch die Abschreckung selbst, die bei ihm nicht verloren war, ihn von dem finsteren Pfade abgeschreckt, hat weder seine zwar rohe, aber zur Erkenntnis von Gut und Böse, von Wohl und Übel, völlig genügende Bildung, noch die vorsorgende Liebe der Gesellschaft ihn vor diesem fürchterlichen Ende bewahrt. Es gibt keine andere Milderung für seine Todesart, keine andere Beschwichtigung für das empörte Gemüt, als sich zu sagen, dass das Jahrhundert seitdem seine Speichen beinahe völlig umgewälzt hat, dass jene Mittagsstunde, um die er vollendet zu haben hoffte, längst vorüber ist, dass jene arme kranke Zeit ein besseres Jahrhundert, reicher an Geist und Herz und Erkenntnissen, geboren hat. Ja, so vieles wir an unserer Zeit mit Recht verwerfen, wir können ihr das Zeugnis nicht versagen, dass ein Mensch wie dieser besser von ihr durch das Leben getragen worden wäre, dass er keinen Pfarrer, Amtmann und Vogt getroffen hätte, die seine blühende Jugend fast gewaltsam unter die Räuber stiessen, dass, wenn ihm auch der Lieblingswunsch seines jungen Herzens versagt geblieben wäre, das Leben ihm Befriedigung für sein Gemüt, für seinen Geist, für seine Fähigkeiten nicht so ganz