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übertreffen wolle, und so schieden, sie, sich Glück wünschend zum Kampf und Sieg, vergnügt voneinander."

Aber die Wahrheit des Sprichworts, dass nicht alles Gold ist, was glänzt, bewährte sich auch hier wieder an der Frage, ob Christine ihm in seinen Himmel folgen würde, wie er mit ihr in die Hölle gegangen war. Denn in seiner "geschichte einer Räuberin" beschreibt der Sohn des Oberamtmanns das Verhalten der Zigeunerin vollständig so: "Schrecken und Wut durchdrang sie, da sie ihr Todesurteil anhörte; sie stand eine Zeitlang starr vor Entsetzen, dann brach sie in die fürchterlichsten Flüche aus und wütete so lange, bis sich ihre Kräfte gänzlich erschöpft hatten. Man wird ohne Zweifel begierig sein, wie das boshafte Weib nun, da sie ihrer Laster überwiesen war und nichts als gewissen Tod zu erwarten hatte, sich betrug. Die katolischen sowohl, als die luterischen Geistlichen suchten, jeder auf seine Art, Reue über ihre Verbrechen ihr beizubringen und sie auf bessere Wege zu führen. Schwan selbst gab sich die äusserste Mühe, und versuchte bald durch die zärtlichste Liebe, bald durch die heftigsten Drohungen sie zu bekehren; sie blieb gänzlich ungerührt. Auf alle Ermahnungen antwortete sie mit Vorwürfen, und verwünschte sich selbst und alle Menschen. Oft, wenn ihr der Geistliche vorhielt, dass sie mit diesen Gesinnungen gewiss zur Hölle verdammt würde, antwortete sie, dass es ihr gleichgültig sei, in den Himmel oder in die Hölle zu kommen, sie werde in beiden Kameraden finden. Oft freute sie sich sogar darauf, einst in der Hölle gequält zu werden, weil sie sich selbst Hoffnung mache, dass auch ihre Richter mit ihr gequält würden. Als man ihr das Beispiel ihrer Magd vorhielt, die sich sehr aufrichtig bekehrt hätte, so spottete sie darüber und schrieb ihre Bekehrung ihrer Dummheit zu, und als man ihr auch Schwans Beispiel vorstellte, so antwortete sie, dass Schwan das Leben besser genossen als sie, und also sie sich nicht mit ihm vergleichen lassen könne. Nur sie allein, fuhr sie fort, sei die unglücklichste aller Menschen, da sie, noch so fähig die Freuden der Welt zu geniessen, ihnen schon entrissen werde. So verhielt sie sich mehrere Tage, aber auf einmal schien ihre ganze Seele verändert. Sie gestand, dass sie jene verzweiflungsvolle Sprache bloss angenommen, weil sie geglaubt, dass man sie nicht in ihren Sünden dahin sterben lassen werde. Sie bekannte alle ihre Fehler, bezeugte die herzlichste Reue und versprach, Schwan in der Freudigkeit beim tod zu übertreffen. Auffallend war es dabei, dass sie sich gegen die luterischen Geistlichen viel aufmerksamer als gegen die katolischen bezeugte, mit jenen viel williger und herzlicher betete und diesen sogar drohte, bei den luterischen das Nachtmahl zu nehmen. Kurz, auch diese schnelle Bekehrung sollte bloss zum Mittel dienen, Mitleiden zu erwecken und ihr vielleicht das Leben zu retten. Aber auch dieser Kunstgriff half nichts, der Tag ihres Todes erschien, und nun zeigte sich bald, dass ihr letztes Betragen nur Verstellung gewesen. Sie fiel in plötzliche Ohnmacht, und erholte sich aus derselben nur, um in Wut gegen alle Menschen, und selbst gegen Schwan, der ihr Mut einzusprechen suchte, auszubrechen." Dieses ihr wahres Gesicht behielt die Unglückliche, starr und wild, wie eine dem Volk der Ebene fremde Gebirgswelt, von nun an unverändert bis zum letzten Augenblick bei.

Ihr glücklicherer Genosse, der sein altes Kindesherz wiedergefunden hatte, um sich in diesen schweren Tagen daran aufzurichten, fühlte sich durch das Verlieren der kaum wiedergefundenen Geliebten in seinem Glücke schmerzlich gestört; allein ihm winkte nun der Pfad, den jeder Mensch für sich allein antreten muss, und er klammerte sich mit ganzer Kraft an den Stab, den er erwählt hatte, den ihm seine Kirche reichte. Er nahm das Abendmahl, von dem er einst, wie seine Heimatsbehörde von ihm aufgezeichnet, gesagt hatte, es solle ihm das Herz abstossen, wenn er nicht Wort halte. Er war dabei aufs innigste gerührt und erklärte überhaupt diesen Vormittag, wie sein Geschichtschreiber erzählt, für einen der glücklichsten seines Lebens. "Ich kann nicht aussprechen", so drückte er sich selbst hierüber aus, "welch einen glücklichen Vormittag ich heute gehabt habe. Mein Herz wallete vor Liebe zu meinem Heilande. Zu dem komme ich morgen, schon morgen. Morgen um zwölf Uhr aufs längste- bin ich bei ihm. Oh, wenn es doch nur schon morgen wäre!" Der Geistliche Krippendorff, der zugegen und durch die Äusserungen innigst bewegt worden war, rief voll Freude aus: "O Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?" "Gott sei Dank", fiel Schwan ein, "der mir den Sieg geben wird, und schon gegeben hat."

An diesem christlichen Heldentum, das die geschichte in unschuldigen Märtyrern wie in reuigen Verbrechern tausendfach als unverfälschte Gesinnung aufgewiesen hat, soll niemand mäkeln. Wohl aber hat jedes Heldentum, nicht bloss für die gemeine Anschauung, die es niedriggesinnt in den Staub zu ziehen sucht, sondern auch für eine würdigere Betrachtung, die aber nicht anders als mit menschlichem Masse messen mag, seine menschliche Seite, und es kann der Menschenwürde des Bekehrten, den wir hier durch seine letzten Stunden begleiten, keinen Eintrag tun, wenn wir aus den Worten, die seinen Beichtvater beseligten, doch auch den menschlichen Seufzer heraushören, dass die scheussliche, auch ein frommes Herz mit den Krallen der